Aufruf im Jahr 2003: Orte des Erinnerns
Am 17. Juni 2002 jährte sich der Volksaufstand des Jahres 1953 zum 50. Mal. Dieser Jahrestag bietet sich an, Frauen und Männer, die damals protestierten und von denen nicht wenige ihren Mut mit dem Leben bezahlen mussten, öffentlich zu ehren. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner regen an, Orte des Erinnerns zu schaffen, indem Straßen oder Plätze nach Akteuren des 17.Juni benannt werden.
Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 war eine gescheiterte Revolution. Dennoch steht der Volksaufstand in der Tradition von 1848, 1918/19 und weist mit den Forderungen nach Demokratie und freien Wahlen auch auf 1989 hin. Im Umfeld des 17. Juni 1953 kam es zu Streiks, Demonstrationen und anderen öffentlichen Protesten in über 560 Städten und Gemeinden der DDR. Daran waren über eine Million Menschen in über 560 Städten und Gemeinden beteiligt. In 167 der 217 Land- und Stadtkreise wurde der Ausnahmezustand verhängt. Nur durch den Einsatz der in der DDR stationierten sowjetischen Armee konnte der Volksaufstand niedergeschlagen werden. Im Anschluss an den Volksaufstand sind etwa 13.000 Menschen verhaftet worden. Insgesamt wurden rund 2.000 Personen rechtskräftig verurteilt. Es kam zu 18 standrechtlichen Erschießungen durch sowjetische Soldaten sowie zu zwei Hinrichtungen, die von DDR-Gerichten angeordnet worden waren. Die Zahl der erschossenen oder auf andere Weise umgekommenen Demonstranten konnte bislang nicht genau ermittelt werden. Sie liegt nach wissenschaftlichen Schätzungen zwischen 50 und 125.
Anlässlich des 50. Jahrestages des 17. Juni werden Veranstaltungen, Bücher, Ausstellungen, Dokumentar- und Spielfilme vorbereitet. Je konkreter die Geschichte, die Folgen und die bis in die Gegenwart reichenden Traditionslinien in den einzelnen Regionen dargestellt werden, desto mehr wird sie auf Interesse stoßen. Die Beschäftigung mit den Akteuren vor Ort ermöglicht wichtige Einsichten.
Uns geht es aber nicht nur darum, Diskussionen und Auseinandersetzung anzuregen. Wir meinen, daß es an der Zeit ist, herausragende Männer und Frauen des Volksaufstandes von 1953 ähnlich dem Gedenken an andere deutsche Revolutionen stellvertretend öffentlich zu ehren und zu würdigen. Das ist bisher kaum geschehen. Taucha bei Leipzig und Magdeburg sind die einzigen beiden Städte in den neuen Ländern, in denen eine Straße bzw. ein Platz nach dem 17. Juni benannt worden ist. In Jena trägt eine Straße den Namen des von einem sowjetischen Standgericht erschossenen Alfred Diener. Fünf weitere "Straßen des 17. Juni" befinden sich in den alten Bundesländern bzw. im früheren West-Berlin.
Ganz allgemein lässt sich von einem krassen Missverhältnis sprechen: Zwar existieren etwa fünf "Robert-Havemann-Straßen", aber sonst spielt der Widerstand gegen die DDR, insbesondere der frühen Jahre, in der Öffentlichkeit keine Rolle. Dafür gibt es noch zahlreiche Straßen, Plätze, Alleen, Siedlungen, Wege und Ringe, deren Namen den Kommunismus und die SED-Geschichte ehren. So erinnern Straßen, Plätze oder andere Verkehrswege an den "7. Oktober", an die "Pioniere", die "Bodenreform", die "DSF" (Deutsch-Sowjetische Freundschaft), die "LPG" (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), die "MTS" (Maschinen-Traktoren-Station), die "Einheit" (Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED), "Freundschaft", "Jugend" u.ä. Begriffe der SED-Propaganda. Daneben gibt es zahlreiche Straßen und Plätze, die an führende Vertreter des Kommunismus und der SED erinnern. Wilhelm Pieck, erster Präsident der DDR und Vorsitzender der SED, wird auf diese Weise noch immer Dutzende Male geehrt, ebenso wie Lenin, Otto Grotewohl, Hermann Matern, Heinrich Rau, Johannes Dieckmann, Hermann Duncker, Louis Fürnberg, Adolf Hennecke, Gustav Sobottka, Bruno Baum, Erich Correns, Ernst Herrmann Meyer, Hans Rodenberg, Herbert Warnke, Otto Winzer und viele andere hochgestellte Funktionäre der SED.
Straßenumbenennungen können nicht einfach beschlossen werden. Sie erfordern den sensiblen Umgang mit Geschichte und gewachsenen Traditionen und setzen eine intensive Auseinandersetzung voraus. Wir sehen aber gerade darin eine Chance, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der eigenen Region, des eigenen Orts zu bedenken und zu diskutieren.
Der Volksaufstand im Juni 1953 gehört zu den herausragenden demokratischen Massenbewegungen der deutschen Geschichte. Deshalb wollen wir Bürgerinnen und Bürger, vor allem in den Kommunen, dazu ermutigen, in ihren Regionen den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 "vor Ort" zu erforschen und zu diskutieren. Wenn in der Folge im eigenen Ort an herausragender Stelle Straßen und Plätze nach Aktivisten des Volksaufstands benannt werden, könnte so dauerhaft die Erinnerung an den 17. Juni und seine Akteure wach gehalten werden.
Liste der Unterzeichner des Aufrufs
- Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin
- Marianne Birthler, Bundesbeauftragte
- Gunther Emmerlich, Opernsänger/Entertainer
- Rainer Eppelmann, MdB/Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
- Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
- Dr. Thomas Flierl, Senator Berlin
- Dr. h.c. Karl Wilhelm Fricke, Publizist
- Hans-Dietrich Genscher, Bundesaußenminister a.D.
- Maybrit Illner, Moderatorin
- Günther Jauch, Journalist
- Dr. Dietmar Keller, DDR-Kulturminister 1989/90
- Manfred Krug, Schauspieler
- Thomas Krüger, Präsident der BpB
- Erich Loest, Schriftsteller
- Markus Meckel, MdB
- Günter Nooke, MdB
- Manfred Plöckinger, Vorsitzender Vereingung "17. Juni"
- Ulrike Poppe, Evangelische Akademie zu Berlin
- Prof. Dr. Richard Schröder, Theologe
- Werner Schulz, MdB
- Peter Sodann, Schauspieler
- Wolfgang Tiefensee, Oberbürgermeister Leipzig
- Dr. Wolfgang Ullmann, Theologe
- Prof. Dr. Heinrich August Winkler, Historiker
- Joachim Zeller, Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte


