Gulag-Zeitzeugenarchiv

Gulag-Zeitzeugenarchiv von Meinhard Stark

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Historiker Dr. Meinhard Stark mehr als 250 ehemalige Lagerhäftlinge bzw. ihre Kinder in Russland, Polen, Kasachstan, Litauen und Deutschland interviewt. Im Rahmen eines von der Bundesstiftung geförderten Projektes der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn sind die über 1.200 Stunden umfassenden Gespräche ebenso wie die schriftlichen Unterlagen im Umfang von mehr als 46.000 Blatt digitalisiert worden. Diese Quellen bilden den Basisbestand des neu begründeten Gulag-Archivs in der Bundesstiftung Aufarbeitung und können vor Ort in einer Datenbank recherchiert werden.



Zum Projekt

Der Zugang zu den Akten des sowjetischen Straflagersystems unterliegt in der Russischen Föderation Beschränkungen bis hin zu völligen Zugangsverboten. Daher kommt lebensgeschichtlichen Quellen, das heißt Interviews mit ehemaligen Gulag-Häftlingen und anderen persönlichen Überlieferungen, eine immer größere Bedeutung zu. Sie stellen nicht nur einen Ersatz schriftlicher Dokumente dar, sondern sind eine eigene authentische Quellengattung, die wie sonst keine schriftliche Überlieferung der Lageradministration die Perspektive der Verfolgten widerspiegelt.

Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat der Historiker Dr. Meinhard Stark (Universität Bonn) mehr als 250 ehemalige Lagerhäftlinge bzw. ihre Kinder in Russland, Polen, Kasachstan, Litauen und Deutschland interviewt. Annähernd 1.200 Stunden erzählter Lebens- und Hafterfahrungen liegen nun in digitalisierter Form vor und bilden den Basisbestand des neu begründeten Gulag-Archivs in der Bundesstiftung Aufarbeitung. Die Interviews, die in russischer, polnischer, litauischer bzw. deutscher Sprache vorliegen, sind für die Nutzung im Lesesaal der Stiftung zugänglich. Über eine AUGIAS-Navigationsplattform mit zahlreichen persönlichen Angaben können 268 biographische Datensätze und die dazugehörigen Interviews, davon einige auf Video, abgerufen werden.

Zur Vervollständigung der Datenbank wurde in einem nächsten Schritt die Digitalisierung aller schriftlichen, bildlichen und anderen Überlieferungen der ehemaligen Gulag-Häftlinge sowie ihrer Kinder vorgenommen. Damit leistete die Bundesstiftung Aufarbeitung gemeinsam mit der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn nicht nur einen Beitrag zur dauerhaften Bewahrung der biographischen Überlieferungen ehemaliger Gulag-Häftlingen bzw. ihrer Kinder, sondern legt auch einen Grundstein zur künftigen Bildungs- und Forschungsarbeit zum Gulag.

Übergabe des Gulag-Archivs

Zum Abschluss des Projekts wurde der neue Bestand am 28. Oktober 2015 dem Archiv der Bundesstiftung offiziell übergeben. Eine Veranstaltungsdokumentation mit Audiomitschnitt finden Sie auf unserer Nachleseseite.

Findbuch

Unter diesem Link [1,0 MB] können Sie das Findbuch zum Gulag-Archiv downloaden. Hinweis: Das Findbuch nennt den Namen, das Interviewdatum, die Interviewlänge und listet auf, welche Dokumente archiviert sind. Aus Datenschutz- bzw. Persönlichkeitsschutzgründen werden persönliche Daten nicht genannt.

Das Projekt in Bildern

Das erste Interview fand am 16. November 1989 mit Frieda Siebenaicher statt. © Meinhard Stark (privat)
Das erste Interview fand am 16. November 1989 mit Frieda Siebenaicher statt. © Meinhard Stark (privat)
Interview in Kasachstan, 2003. In der Mitte eine Gesprächspartnerin, rechts im Bild Gaida Kim (Dolmetscherin) und links im Bild der Historiker Meinhard Stark. © Meinhard Stark (privat)
Interview in Kasachstan, 2003. In der Mitte eine Gesprächspartnerin, rechts im Bild Gaida Kim (Dolmetscherin) und links im Bild der Historiker Meinhard Stark. © Meinhard Stark (privat)
Interview mit Jonas Racas 2011. Der Litauer kam 1950 im Gefängnis von Kaunas zur Welt. © Meinhard Stark (privat)
Interview mit Jonas Racas 2011. Der Litauer kam 1950 im Gefängnis von Kaunas zur Welt. © Meinhard Stark (privat)
Digitalisierung im Tonstudio Hambrecht in Kernen, 2013. Links im Bild Tontechniker Thomas Hambrecht. © Meinhard Stark (privat)
Digitalisierung im Tonstudio Hambrecht in Kernen, 2013. Links im Bild Tontechniker Thomas Hambrecht. © Meinhard Stark (privat)
Rund 1200 Interviewstunden wurden digitalisiert. © Meinhard Stark (privat)
Rund 1200 Interviewstunden wurden digitalisiert. © Meinhard Stark (privat)
 

Zeitzeugenworkshop mit Überlebenden des Straflagers Workuta

Im Rahmen der Dokumentation der politischen Verfolgung in der SBZ/DDR fand in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 1. Dezember 2009 ein Zeitzeugenworkshop mit Überlebenden des Straflagers Workuta statt, die dort auch den Aufstand im Sommer 1953 erlebt haben. Der thematische Fokus lag auf den Erfahrungen der damals jungen Menschen, die aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und ihres Widerstands gegen die Diktaturdurchsetzung in der SBZ/DDR politisch verfolgt, verhaftet und in das Lagersystem Workuta verschleppt wurden. Ebenso wurden ihre Erinnerungen und Wahrnehmungen nach der Haftentlassung Mitte der 1950er Jahre thematisiert. Im Mittelpunkt standen somit die persönlichen Erlebnissen vor, während und nach der Haft. Teilnehmer/innen des Zeitzeugenworkshops waren: Roland Bude, Dr. Horst Hennig, Gerhard Janson, Gerda Janson, Günther Kowalczyk, Dr. Peer Lange, Irmgardt Nitz, Lothar Scholz, Horst Schüler und Prof. Werner Sperling.

Die Veranstaltung wurde auf Video dokumentiert. Die knapp 5 Stunden Filmmaterial stehen im Stiftungsarchiv für Zwecke der Forschung und politischen Bildung zur Verfügung. Außerdem haben einige der Teilnehmer/innen dem Archiv kontextbezogene Unterlagen, persönliche Materialien wie Bilder, Fotos, Tonbänder, Videos etc. überlassen, die ebenfalls für Forschungsarbeiten genutzt werden können.

Nutzung des Archivbestands

Wenn Sie Fragen zum Gulag-Zeitzeugenarchiv haben oder sich für eine Nutzung anmelden möchten, kontaktieren Sie bitte Herrn Dr. Buchholz oder Frau Griwan.