Bernd Bonwetsch: Die Stalin-Note 1952 – kein Ende der Debatte

Abstract

In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008. Berlin. Aufbau-Verlag, S. 106-113

Der Beitrag diskutiert die Forschung zur berühmten „Stalinnote“ von 1952, die zu jener Zeit heftige öffentliche Debatten in Deutschland entfachte und auch heute noch vielen Sowjetpolitik-Historikern bezüglich der „Deutschen Frage“ Sorgen bereitet. Die wichtigsten Positionen in der deutschen Historiografie lassen zwei gegensätzliche Interpretationsschulen erkennen: Die eine Interpretationsschule meint, dass die sowjetische Initiative von 1952 nur propagandistischen Zielen diente und den sowjetischen Versuch tarnte, Ostdeutschland – und vielleicht auch ganz Deutschland – kommunistisch zu gestalten. Die andere Seite behauptet, dass die Note von 1952 eine ernste Intention Stalins darstellte, die Deutsche Einheit zu fördern um damit eine Wiederbewaffnung Westdeutschlands und seine Eingliederung in die westliche militärische Allianz zu verhindern. Diese gegensätzlichen Interpretationen werden durch die Forschungen von Wilfried Loth, Gerhard Wettig und Peter Ruggenthaler untermauert. Ihre Forschungen basieren auf teilweise erst kürzlich freigegebenen sowjetischen Dokumenten aus dem früheren zentralen Parteiarchiv (RGASPRI).
Der Autor kommt nach der Betrachtung dieser Dokumente zu dem vorläufigen Schluss, dass die sowjetische Politik gegenüber Deutschland im Jahr 1952 vor allem durch Unentschlossenheit gekennzeichnet war. Diese Unentschlossenheit bietet bis heute Raum für kontroverse Interpretationen.

Über den Autor

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Bernd Bonwetsch geb. 1940, seit 1980 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Ruhr- Universität Bochum (zurzeit beurlaubt), 2003 Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, Arbeiten zur russischen und sowjetischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Veröffentlichungen u. a.: Die russische Revolution 1917, Darmstadt 1991; Mithrsg.: Sowjetische Politik in der SBZ 1945 – 1949, Bonn 1998; Mithrsg.: The People’s War. Responses to World War II in the Soviet Union, Urbana 2002; Stalin und die Vorbereitung des 3. Parteitags der SED, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), H. 4, S. 575 – 607; Mithrsg.: Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005.
Kontakt: b@bonwetsch.de