Bernd Faulenbach: »Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsepoche

Abstract

In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008. Berlin. Aufbau-Verlag, S. 231-238

„Antikommunismus“ gehört zu den vieldeutigsten Begriffen der Nachkriegsepoche. Die unter diesem Begriff gefassten Phänomene bedürfen genauso der Erforschung wie die Geschichte des Kommunismus. Form und Inhalt des „Anti“ sind ebenso zu bestimmen wie die Verbindung mit anderen Zielen und Interessen. Zudem bedarf „Antikommunismus“ der historischen Einordnung, was die Frage nach Vorgeschichte, Bedingungen und Ursachen einschließt. Der Antikommunismus der Nachkriegszeit führte Traditionen der Zwischenkriegszeit weiter, war jedoch angesichts der kommunistischen Politik, insbesondere in der SBZ/DDR auch unmittelbar erfahrungsgesättigt. So findet sich Antikommunismus im Westen keineswegs nur bei bürgerlichen Parteien, sondern auch in der Sozialdemokratie. Die allmähliche Auflösung des antikommunistischen Konsenses seit den 60er Jahren und die – zumindest in Teilen der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Diskussion – zunehmend negative Konnotation des Begriffs verweisen auf Veränderungen der Konstellation, auf Ansätze eines Wandels im Kommunismus und auf die Herausbildung differenzierterer Wahrnehmungsmuster politischer Realität. Die Entspannungspolitik führte zwar zu einer Herabstufung der ideologischen Auseinandersetzung, keineswegs jedoch zu einer Aufgabe der Kommunismuskritik. Dennoch entwickelte sich mancherorts aus der Kritik am Antikommunismus ein Anti-Antikommunismus, der selbst wieder erstarrte. Mit diesem Hintergrund kam es nach 1989/90 zu einer – teilweise sehr emotional geführten – Debatte über Kommunismus und Antikommunismus. In der Gesamtheit gesehen, steht die Erforschung des „Antikommunismus“ erst am Anfang.

Über den Autor

Prof. Dr. Bernd Faulenbach, geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker- Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquêtekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989 / 90, Essen 2001; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.
Kontakt: faulenbach.bochum@t-online.de