Jerzy Holzer: Das einzige Vaterland des Proletariats – die Sowjetunion: Ob gut oder schlecht, sie ist mein Land!

Abstract

In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008. Berlin. Aufbau-Verlag, S. 24-31

Die Formel von der Sowjetunion als dem „Vaterland des Proletariats” wurde bereits auf dem 2. Kongress der Komintern 1920 formuliert. Auf dem 5. Kongress 1924 war viel vom „Heimatland” Sowjetunion die Rede. In den offiziellen Publikationen der Komintern erschien dieser Begriff jedoch erst 1927. 1928 schließlich wurde die Sowjetunion als das „wahre”, das einzige Vaterland des Proletariats bezeichnet. Erst 1935 rückte die Komintern angesichts des Siegeszuges des Nationalsozialismus und Faschismus von diesen Formeln wieder ab und betonte den Kampf der Kommunisten gegen den Faschismus und die Verteidigung der Unabhängigkeit der jeweiligen Vaterländer. Das Verhältnis der internationalen kommunistischen Bewegung zur Sowjetunion war Ausdruck einer zunehmenden Polarisierung in Europa und weltweit. Hinzu kommt, dass die kommunistischen Parteien von der Moskauer Zentrale organisatorisch und finanziell abhängig waren. Um diese Abhängigkeit noch zu verstärken, wurde die Formel vom „Vaterland des Proletariats” zu einem ideologischen Instrument. Als der Kreml auf dieses Instrument aufgrund der internationalen Lage verzichtete, war der sowjetische Quasi-Patriotismus in den kommunistischen Parteien bereits tief verwurzelt.

Über den Autor

Prof. Dr. Jerzy Holzer, geb. 1930 in Warschau, 1950 – 1954 Studium der Geschichte, 1960 Promotion, 1969 Habilitation. Assistent, Dozent, 1989 – 2000 Professor am Historischen Institut der Universität Warschau. Seit 1989 auch am Institut für Politische Studien, Polnische Akademie der Wissenschaften, bis 2006 Leiter der Abt. für Deutschlandforschung, 2000 – 2004 Direktor. Mehrmals Gastprofessor in Deutschland, Visiting Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin 1984 / 85 und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen Wien 1990 / 91. 1977 – 1989 in der polnischen demokratischen Opposition aktiv. 1989 – 1994 Ko-Vorsitzender im Forum Polen Deutschland. Veröffentlichungen u. a.: Parteien und Massen. Politische Krise in Deutschland 1928 – 1930, Wiesbaden 1970; Solidarność 1980 – 1981, illegal Warschau 1984 (deutsch: München 1985); Der Kommunismus in Europa, Frankfurt 1998; Polen und Europa, Bonn 2007; Europa der großen Kriege (Warschau, im Druck).
Kontakt: holzer@isppan.waw.pl