Siegfried Suckut: Willy Brandt in der DDR. Oder: Die Schwierigkeiten des MfS mit der »Autoritätsperson im Weltmaßstab«

Abstract

In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008. Berlin. Aufbau-Verlag, S. 170-182

Seine Ost- und Deutschlandpolitik machte Willy Brandt in der DDR-Bevölkerung, nach den MfS-Berichten zu urteilen, zum vermutlich beliebtesten, für die Stasi aber schwierigsten Politiker überhaupt. Die spontanen »Willy-Willy!«-Rufe vor dem Erfurter Hof 1970 wurden für SED und MfS geradezu zum Alptraum. Selbst wenn er nachts im Schlafwagen nach West-Berlin fuhr, boten Mielkes Mannen ein Heer von Polizisten auf, weil sie eine Wiederholung befürchteten. Als Brandt auf Einladung Honeckers 1985 die DDR besuchte, glich Ost-Berlin einer Potemkinschen Stadt, in der er auf eine »Öffentlichkeit« aus MfS-Mitarbeitern und deren Frauen traf, die ihm mit eisigem Schweigen entgegentraten. Wie die Berichte über die Bevölkerungsstimmung dokumentieren, erschien Brandt vielen in der DDR als Hoffnungsträger, dem sie vertrauten und dankbar waren für seinen Versuch, das Verhältnis zwischen beiden deutschen Staaten zu entspannen. Das gehe bis zur »Glorifizierung seiner Person« notierte die Stasi nach den Bundestagswahlen 1972. Hätte es damals freie gesamtdeutsche Wahlen gegeben, der SPD wäre vermutlich eine absolute Mehrheit sicher gewesen.

Über den Autor

Dr. rer. pol. Siegfried Suckut, geb. 1945, 1964 – 66 Panzerjägerlehrkompanie 70, Münster, Leutnant. Studium der Politischen Wissenschaft in West-Berlin und Hannover, 1978 Promotion, 1978 – 92 wiss. Mitarbeiter am Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR, Universität Mannheim. Forschungsprojekte zur Geschichte der Ost-CDU, zur DDR-Frühgeschichte und zur Entwicklung des Parteiensystems in der DDR. 1992 Mitbegründer der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Fachbereichsleiter, 1997– 2005 Leiter der Abteilung. Zurzeit Projekt zu den Meldungen der Stasi an die SED Führung in den 70er-Jahren. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der SBZ, zur Geschichte der Blockparteien und zur Funktion des MfS in der DDR, zuletzt: Hrsg. (mit Jürgen Weber): Stasi-Akten zwischen Politik und Zeitgeschichte. Eine Zwischenbilanz, München 2003.
Kontakt: siegfried.suckut@bstu.bund.de