Wilfriede Otto: Erinnerung an einen gescheiterten Schauprozess in der DDR

Abstract

In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008. Berlin. Aufbau-Verlag, S. 114-130

Obgleich in der DDR kein stalinistischer Schauprozess wie in anderen Ländern Osteuropas Ende der Vierziger und Anfang der Fünfzigerjahre stattgefunden hat, fehlte es von 1949 bis 1953 nicht an zwei großen Initiativen und Verhaftungen führender Kommunisten der Westemigration sowie von KPD und SED-Spitzenfunktionären, um einen solchen Prozess inszenieren zu können. Deutschlandpolitische Erwägungen oder der Tod Stalins bildeten nur eingeschränkt eine Hürde. Und dennoch mussten die Vorhaben trotz des sowjetischen Drucks, machteigener Interessen im SED-Politbüro und der Umtriebigkeit des Staatssicherheitsdienstes, der mit den Geheimdiensten Ungarns und der Tschechoslowakei zusammenarbeitete, was zum ersten Mal authentisch belegt werden kann, abgebrochen werden. Die unmenschliche Bilanz: vier Tote, vier Gulag-Urteile, sieben geheime und rechtswidrige DDR-Verfahren, drei langjährige Verhaftungen mit Zwangsisolierungen und ohne Urteil, gipfelte letztlich in einem neuen Komplottversuch. Innerparteilich und gesellschaftlich aufgebaute Feindbilder wirkten jedoch über Jahrzehnte hinweg.

Über die Autorin

Dr. phil. Wilfriede Otto, geb. 1933, Studium der Geschichte an der Universität Leipzig, dort 1957 bis 1964 wiss. Assistentin, 1964 bis 1991 wiss. Mitarbeiterin am Institut für Marxismus-Leninismus (seit 1990 Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung), seit 1991 freischaffende Historikerin. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Visionen. Repression und Opposition in der SED 1949 – 1989, Frankfurt (Oder) 1996; Erich Mielke. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000; Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003.
Kontakt: dr.wilfriede@gmx.de