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Aktuelle Meldung vom 16.09.2015

Diktaturaufarbeitung im Kaukasus. Notizen aus der georgisch-deutschen Sommerschule „Massengräber in der Stalin-Ära“

Von Ulrich Mählert, zur Zeit in Tbilisi

Alle Rückschläge können Irakli Khvadagianis nicht entmutigen. Der junge Historiker und seine Mitstreiter suchen seit Jahren in der georgischen Hauptstadt Tbilisi nach den Massengräbern der 1930er Jahre, in denen die Opfer des Großen Terrors in der Sowjetunion verscharrt worden sind. Die Aktivisten haben sich in der NGO SovLab zusammengeschlossen, die sich der Erforschung des politischen Terrors zu Sowjetzeiten verschrieben hat. Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Volkshochschulverband International (DVV International), der in Tbilisi sein Regionalbüro u.a. für Georgien, Armenien und die Türkei betreibt. Finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung engagiert sich DVV International in der politischen Erwachsenenbildung und setzt dabei einen seiner Schwerpunkte auf die Weiterentwicklung der lokalen Erinnerungskultur.

Irakli Khvadagianis Bericht über das frustrierend anmutende Puzzlespiel, die Gräber zu identifizieren, eröffnete die georgisch-deutsche Sommerschule „Massengräber der Stalin-Ära“, die vom 14. bis 23. September in der georgischen Hauptstadt stattfindet. Veranstalter sind DVV International, der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind junge Historiker, Gedenkstättenmitarbeiter sowie Vertreter von NGOs beider Länder, für die neun arbeitsreiche Tage angebrochen sind. Den Auftakt bilden Vorträge, in denen die Sommerschülerinnen und –schüler eigene Projekte vorstellen. Bereits in den ersten drei Tagen des transnationalen Austausches ergänzen Exkursionen das zunächst akademische Programm. Besucht werden u.a. das Museum der sowjetischen Okkupation, das Archiv des KGB sowie – im Rahmen einer Stadtführung – historische Orte des Stalinterrors. Auf der Agenda der ersten Tage stehen aber auch Besuche der der sowjetischen Musterstadt „Rustavi“, ein Industrievorort von Tbilisi, sowie deutscher Kriegsgräberstätten. Am Samstag geht es zunächst nach Gori, der Geburtsstadt Stalins, dem dort nach wie vor ein ebenso umstrittenes wie gut besuchtes Museum gewidmet ist. Dann steht die Fahrt nach Telawi im Programm, wo – im Gegensatz zu Tbilisi – bereits Grabstätten von Stalinismusopfern gefunden worden sind. Breiten Raum wird dort die praktische Debatte einnehmen, auf welche Weise solche Massengräber markiert werden sollten, damit den Opfern gedacht und eine gesellschaftliche Debatte über die Diktaturvergangenheit angestoßen werden kann.

Diese Vergangenheit wird bis heute vielfach beschwiegen, verdrängt aber auch instrumentalisiert. So erzählt das Museum der sowjetischen Okkupation die Zeit zwischen 1921 und 1991 als eine kontinuierliche Abfolge von Widerstand und brutaler Repression. Wer nicht weiß, dass Stalin und sein mörderischer Handlanger, Geheimdienstchef Berija, Georgier waren, erfährt dies zumindest nicht aus den englischsprachigen Ausstellungslegenden. Und so kann es nicht verwundern, dass die Ausstellung nichts darüber erzählt, ob und in welchem Maße die georgische Bevölkerung das kommunistische System mitgetragen hatte. Die Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert erfolgt aus einer nationalgeschichtlichen Perspektive, die die kommunistische Diktatur vor allem als eine Fremdherrschaft unter vielen beschreibt, die Georgien seit Anbeginn erleben musste. Dabei deutet manches daraufhin, dass die Etiketten „sowjetisch“ und „russisch“ mit Blick auf die Zeit der Okkupation als Synonyme gesehen werden können. Denn in den vergangenen zwei Jahrhunderten war es stets das russische Reich im Norden, das die Geschicke Georgiens bestimmte oder – wie im Jahre 2008 – die 1991 errungene Unabhängigkeit bedrohte.

Nach den ersten Eindrücken, die der Autor sammeln konnte, scheinen die Einwohner Tbilisis der kommunistischen Ära wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Suche etwa nach Bildbänden, die die Sowjetzeit widerspiegeln, war selbst im Shop des Nationalmuseums vergeblich. Die kommunistischen Heldendenkmale sind weitgehend abgeräumt. Gedenkzeichen, die den Opfern der Diktatur gewidmet sind, soll es nur wenige geben. Die Stalinfiguren, die die Schaufensterauslage eines Weinladens zieren, oder die Bar „KGB. Still watching you“ erscheinen als bloße Marketing-Gags, die kaum Nachahmer gefunden haben.

Leserinnen und Leser, die den Georgiern nun eine unterentwickelte Erinnerungskultur attestieren sollten und insgeheim hoffen, dass die aus Deutschland angereisten Berufsaufarbeiter in Tbilisi als Instruktoren einer DIN-gerechten Vergangenheitsbewältigung agieren, wäre jener Crashkurs in Sachen georgischer Geschichte und Gegenwart zu wünschen, den zu durchlaufen die deutschen Teilnehmer derzeit das Privileg haben. Wer sich die geographische Lage Georgiens mit seinen – vorsichtig ausgedrückt – komplizierten Nachbarn vergegenwärtigt, Georgiens über zweitausendjährige Geschichte, die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit, die Schwierigkeiten der politischen Kaste, den eigenen demokratischen Ansprüchen gerecht zu werden, der wundert sich weniger über das geringe Interesse an der kommunistischen Diktaturgeschichte, als viel mehr über die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung, vitale Zivilgesellschaft und die ungebrochene Lebens- und Feierfreude der Georgier, die sich bereits am Flughafen allen Ankommenden auf großen Schildern als Beitrittskandidaten der EU und der NATO vorstellen.