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Aktuelle Meldung vom 01.02.2017

Vor 40 Jahren: Erinnerung an die Charta 77

Als vor 40 Jahren, am 1. Februar 1977, bekannt wurde, dass 208 weitere Unterstützer die am 1. Januar des Jahres veröffentlichte Charta 77 unterzeichnet hatten, war der Text bereits seit einigen Wochen weltweit publik: Führende westeuropäische Zeitungen wie The Times, Le Monde oder die Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatten das Manifest abgedruckt und damit gezeigt, dass die Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 erneut in Bewegung geriet. Bereits 450 Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler setzten sich da schon mit ihrer Unterschrift unter die Charta 77 öffentlich für die Wahrung der Menschenrechte, das Recht auf freie Meinungsäußerung und eine Amnestie für die politischen Gefangenen in der Tschechoslowakei ein – und es sollten noch Hunderte mehr werden.

Die Unterzeichner betonten, dass die Charta 77 nicht das Manifest einer oppositionellen Gruppe sein sollte. Stattdessen wollten sie als gesellschaftliche Vertreter nach dem Vorbild westeuropäischer Bürgerbewegungen mit den herrschenden Kommunisten in den Dialog treten. Schließlich hatte sich die Regierung der CSSR unter Gustáv Husák mit der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki zu wichtigen Zielen der Charta verpflichtet.

Die kommunistische Regierung antwortete mit Härte und Repressionen auf die Charta. Während Künstler und Bevölkerung zu Tausenden zur Unterzeichnung einer „Anti-Charta“ gedrängt wurden, waren zahlreiche bekannte Unterstützer der Charta 77 verhaftet worden. Der Philosoph Jan Patočka verstarb am 13. März 1977 nach stundenlagen Verhören der Polizei. Andere wurden für ihre Unterschrift zu Haftstrafen bis zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Hunderte Unterzeichner mussten emigrieren oder wurden ausgebürgert. Die Gruppe Charta 77 blieb dennoch bestehen und leistete einen wichtigen Beitrag zur Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei, die 1989 die kommunistische Herrschaft endgültig beendete. Mit dem Dramatiker und Menschenrechtler Václav Havel übernahm schließlich einer der Initiatoren der Charta 77 die Staatsführung der Tschechoslowakei.

Die Bedeutung der Charta 77 reichte von Beginn an weit über die Grenzen der damaligen CSSR hinaus. Sie war Vorbild und Inspiration für Regimekritiker und Oppositionelle im gesamten Ostblock, so auch für die Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR. Ihre Bedeutung für das weitgehend friedliche Ende der kommunistischen Herrschaft in Europa kann deshalb kaum überschätzt werden.