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Im März 2015 hat das Berliner Kolleg Kalter Krieg | Berlin Center for Cold War Studies seine Arbeit aufgenommen. Das Kolleg ist ein gemeinsames Projekt des Hamburger Instituts für Sozialforschung, des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Kolleg ist ein Ort internationalen Wissenschaftsaustauschs und der Weiterentwicklung einschlägiger Forschungen zum Kalten Krieg. Dabei stehen geschichtswissenschaftliche Beiträge zu den internationalen und deutsch-deutschen Beziehungen ebenso im Blickpunkt wie die Wahrnehmung und Verarbeitung von Konflikten, die Emotionsgeschichte, die Implikationen der globalen Systemkonkurrenz für Gesellschaften und Wissenschaften in Ost und West und die sich seit 1990 herausbildenden Erinnerungskulturen. Das Kolleg führt eigenständige Projekte durch, fördert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland mit Stipendien und bietet Vorträge sowie Tagungen und Ausstellungen auch für eine interessierte Öffentlichkeit an.

Forschungsagenda

Die Forschungsinteressen des Berliner Kollegs Kalter Krieg | Berlin Center for Cold War Studies gelten in besonderer Weise dem Thema „Grenzen des Kalten Krieges | Compromising the Cold War“. Dabei geht es nicht allein um Grenzen auf der politischen Weltkarte, sondern zugleich um Grenzen gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und Denkmuster. Kurz: um das unter den Bedingungen des Kalten Krieges Sag- und Machbare. Wann, unter welchen Voraussetzungen und weshalb wurden die so verstandenen Grenzen umgangen, untergraben oder gar außer Kraft gesetzt? Wer waren die Akteure? Welche Grenzen konnten wie weit verschoben werden? Welche waren durchlässig, welche besonders stabil, gar irreversibel und über das Ende des Kalten Krieges hinaus wirksam? Wie ausgeprägt waren die Spannungen zwischen zentripetalen und zentrifugalen Kräften? Damit wird der Blick auf Gegenläufiges und Beharrendes gelenkt, auf Öffnendes und Schließendes – Eigendynamiken und nicht intendierte Konsequenzen eingeschlossen.

Dieser Ansatz kann auf unterschiedliche Forschungsfelder angewandt werden. In der Außen-, Sicherheits- und Deutschlandpolitik richtet sich der Blick auf Gesprächsdiplomatie sowie Entspannungs- und Abrüstungsinitiativen. Die spannungsreichen Beziehungen zwischen Führungsmächten und ihren Verbündeten sind diesbezüglich von besonderem Interesse; aber auch die Politik der Blockfreien, die teils auf einen grenzüberschreitenden „Dritten Weg“ setzten, teils im Rahmen des Kalten Krieges ihren eigenen Vorteil suchten. Es geht um die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen und um das Ausloten von Optionen in einer Zeit, in der Weltanschauungen mit globalem Anspruch Erwartungen weckten, die immer wieder enttäuscht wurden.

Eine solche Perspektive ist für die Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte des Kalten Krieges gleichermaßen fruchtbar. Bekanntlich erfasste die Mobilisierung umfangreicher Ressourcen für die Systemkonkurrenz alle gesellschaftlichen Bereiche. Aber diese Politik provozierte in Ost und West zusehends Kritik und Protest – vorgetragen von neuen sozialen Bewegungen oder „Gegenexperten“, die aus der öffentlichen Meinungsbildung alsbald nicht mehr wegzudenken waren. Die Frage, welche Akteure wann und aus welchen Gründen die Grenzen des Kalten Krieges austesteten, unterliefen oder überwanden, ist zunehmend von Interesse. Deshalb richtet das Kolleg ein besonderes Augenmerk auf „Grenzgänger“ des Kalten Krieges, auf Unternehmer und Händler, Vertreter von Parteien und Kirchen, Umweltschützer, Oppositionelle und Dissidenten, die blockübergreifend Kontakte pflegten. Zu fragen ist, inwiefern deren Initiativen und Praktiken nicht allein zu einer Auflockerung erstarrter Fronten beitrugen, sondern auch andere Gewinne abwarfen – von der Dämpfung politisch aufgeladener Emotionen bis hin zu wirtschaftlichen Profiten.

Die Wissens- und Wissenschaftsgeschichte nach 1945 lässt sich ebenfalls unter dieser Fragestellung neu fassen. Die vom Kalten Krieg angestoßene Ressourcenmobilisierung beeinflusste das institutionelle Gefüge der Natur- und Technikwissenschaften sowie der Sozialwissenschaften im Innersten: riesige Forschungskomplexe – beispielsweise die Nuklearphysik – entstanden und wurden wegen ihrer militärischen Nutzbarkeit nachhaltig ausgebaut. Und nicht zuletzt zeitigte der Kalte Krieg epistemische Effekte, indem etwa Vorstellungen von wissenschaftlicher Rationalität überprüft wurden. Umgekehrt entfalteten die wissenschaftliche Konkurrenz und die Wissenszirkulation über die Grenzen des Kalten Krieges hinweg neue Dynamiken. Es bietet sich also an, stärker nach Triebkräften, Reichweiten und Folgen blockübergreifender Austauschprozesse zu fragen.

Alles in Allem verspricht die Frage nach den Grenzen des Kalten Krieges Einblicke in die Ambivalenz, Widersprüchlichkeit und vielfach gebrochene Dynamik der Epoche. Untersucht wird die Anpassungsfähigkeit handlungsleitender Politik und zugleich die Tragweite konkurrierender Gegenentwürfe. Nicht zuletzt verbindet dieser Ansatz den Kalten Krieg mit der Gewaltgeschichte vor 1945 und den teils parallelen, teils gegenläufigen Prozessen wie Entkolonialisierung, Liberalisierung und Globalisierung. So gesehen zielt das Kolleg auf eine präzisere Ortsbestimmung des Kalten Krieges innerhalb des 20. Jahrhunderts.