Brüsewitz-Zentrum

Nach der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz im August 1976 fanden sich die jungen Christen Olaf Kappelt, Bernd Posselt und Walburga von Habsburg, Mitglieder der Paneuropa-Jugend, zusammen und beschlossen, ein Zentrum zu gründen und nach Oskar Brüsewitz zu benennen, das die Verletzung der Religionsfreiheit in der DDR ins öffentliche Bewusstsein rücken sollte.

Nach kurzer Zeit hatten schon weit über hundert Persönlichkeiten, später fast 200 Prominente, den Gründungsaufruf unterzeichnet und somit öffentlich ihren Willen zur Unterstützung des Vorhabens bekundet. Zu den Befürwortern des Zentrums gehörten neben vielen anderen auch Otto von Habsburg sowie die Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, Bernhard Vogel und Gerhard Stoltenberg.

Gründung und Satzung

Am 18. Juni 1977 wurde in Bad Oeynhausen das "Christlich-Paneuropäische Studienwerk" e.V., ein überkonfessioneller Verein, gegründet. Dieser sollte ein Zentrum in Bad Oeynhausen, mit den Namen Brüsewitz-Zentrum, schaffen. Die Ziele des Vereins wurden in einem Auszug aus der "Satzung des Christlich-Paneuropäischen Studienwerks" vom 18. Juni 1977 wie folgt beschrieben:

"Ziel des Vereins ist es, im christlichen Geiste der Grund- und Menschenrechte zur besseren Verständigung, Zusammenarbeit und Solidarität im ganzen deutschen Volk, in Europa und zwischen den Völkern der Welt beizutragen. Dies geschieht durch Bildungs- und Informationstätigkeit, soziale Hilfen und kulturelle Veranstaltungen (...)"

Zur Erreichung dieser Ziele setzt sich das Christlich-Paneuropäische Studienwerk insbesondere folgende Aufgaben:

  • Die Publizierung von Verletzungen der Menschenrechte, insbesondere der Religionsfreiheit.
  • Die Durchführung von Hilfsaktionen – moralischer, juristischer oder materieller Art – für Christen, besonders im anderen Teil Deutschlands.
  • Den Aufbau eines Facharchivs, einer Bibliothek und die Herausgabe von Dokumentationen über Christen, Kirche und Staat in Mitteldeutschland.
  • Die Durchführung von Begegnungstagungen, Seminaren und einzelnen Bildungsveranstaltungen über Menschenrechte und Religionsfreiheit sowie Wesen und Werden von Kirche und Staat.
  • Die Betreuung von Flüchtlingen und aus Mitteldeutschland ausgereisten Personen.


Das Brüsewitz-Zentrum wurde am 18. Oktober 1977 in Bad Oeynhausen eröffnet und veranstaltete in den folgenden Jahren zahlreiche Tagungen und Seminare, z.B. die Tage der Menschenrechte. Das Konzept einer Tagungsstätte musste 1983 aus finanziellen Gründen aufgegeben werden. Die Organisation der deutschlandpolitischen Bildungsarbeit und die publizistischen Aktivitäten wurden daraufhin in ein Büro in Bonn verlegt. 1990 wurde im Gefolge der deutschen Einheit dann aber auch dieses Büro aufgelöst.

Tätigkeiten

Das Brüsewitz-Zentrum arbeitete mit zahlreichen Organisationen zusammen, z.B. der IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) und der Bundeszentrale für politische Bildung. Geprägt wurde die Arbeit des Zentrums vor allem durch die zahlreich veranstalteten Seminare und Fachkongresse.

Aber auch Publikationen des Brüsewitz-Zentrums (darunter die Zeitschrift „Christen drüben“ seit 1984, die „Kurzinformationen aus dem Brüsewitz-Zentrum“ oder den „Presse- und Informationsdienst“ seit 1977), Aktionen für politische Häftlinge in der DDR (z.B. für den Bürgerrechtler Rainer Bäurich und Carsten Lober) und Hilfsaktionen für Christen in der DDR (z.B. die Bibel-Aktion und die DDR-Paketaktion) prägten das Bild des Brüsewitz-Zentrums entscheidend.



Finanzielle Unterstützung erfuhr das Zentrum durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, aber auch durch öffentliche Mittel und Zuschüsse für Seminare und Veranstaltungen (z.B. durch das Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Europäische Gemeinschaft / heute: Europäische Union).

Seit den Anfängen der Initiative zur Gründung eines Brüsewitz-Zentrums wurden die Aktivitäten, Mitglieder und Freunde des Brüsewitz-Zentrums durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR überwacht. Mehrere Operative Vorgänge wurden über das Brüsewitz-Zentrum und die beteiligten Personen eingeleitet, da das Zentrum und die Beteiligten als der DDR feindlich gesinnte eingestuft wurden. Erst mit dem Ende der DDR 1989 wurden diese Aktivitäten eingestellt.

Überlieferung



Der ca. 5 laufende Meter umfassende Bestand des Brüsewitz-Zentrums kam im Jahr 2004 auf Initiative des Vorsitzenden Prof. Dr. Wolfgang Stock in das Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; er ist mittlerweile durch ein Findbuch erschlossen. Die Abgabe bestand aus zehn Umzugskartons mit Aktenordnern und Loseblattsammlungen. Der Bestand enthält vor allem Schriftgut des Brüsewitz-Zentrums, Fotos, einige Bücher, Zeitschriften, Zeitungsausschnitt-Sammlungen, Unterlagen zum Buchprojekt „Das Fanal“ (über Oskar Brüsewitz), über politische Häftlinge und zu zahlreichen Veranstaltungen.

Die enthaltenen Fotos stammen v.a. von Veranstaltungen und Aktionen des Brüsewitz-Zentrums sowie dessen Mitgliedern. Es handelt sich dabei in erster Linie um Negative und schwarz/weiß-Abzüge in unterschiedlichen Formaten. Daneben enthält der Bestand aber auch wenige Abzüge in Farbe. Publikationen des Brüsewitz-Zentrums (z.B. Zeitschrift: „Christen drüben“, Presse- und Informationsdienst und Kurzinformationen aus dem Brüsewitz-Zentrum) und anderer Institutionen sind ebenso im Bestand zu finden und zeigen ein interessantes Bild einer westdeutschen Bürgerinitiative, die sich nicht mit der deutschen Teilung und der permanenten Verletzung von Menschenrechten in der DDR abfinden wollte.