Thüringer Allgemeine (12.06.2003)

Würdigung von Otto Reckstat: Städtisches Kulturamt lädt am 17. Juni ein / Hellberg und Schmalz stellen Forschung vor

Die Geschehnisse des 17. Juni 1953 und seiner Folgetage in Nordhausen sind unvergessen - es ist ein Stück gelebte Geschichte. Der Heimatforscher Rainer Hellberg widmete sich dieser Zeit vor 50 Jahren, in der die Gewerkschafter auf die Straße gingen und Gerechtigkeit, bessere Arbeitsbedingungen und Löhne einforderten.
Über den größten Volksaufstand in der DDR-Geschichte berichtet am 17. Juni ab 19.30 Uhr der Heimatforscher Rainer Hellberg. Die interessierten Bürger werden vom städtischen Amt für Kultur, Bildung und Soziales in den Bürgersaal des Neuen Rathauses gebeten. Der Eintritt ist frei.
Hellberg wird die Ergebnisse seiner 80-seitigen Arbeit Der 17. Juni in Nordhausen vorstellen, die er mit Fritz Schmalz erarbeitete. Er wird berichten, welche Ursachen und Folgen der 17. Juni 1953 hatte. An diesem Tag hängen viele Einzelschicksale. Für das Druckwerk recherchierten Hellberg und Schmalz in den vergangenen Jahren akribisch in Bundes- und Staatsarchiven.
Nordhausen gehörte im Juni 1953 zu den zwölf Städten im damaligen Bezirk Erfurt, in denen es Aufstände gab. Einer der Renegaten war Otto Reckstat. Der 1950 aus der SED ausgeschlossene Gewerkschafter, der von den Nazis ins KZ deportiert wurde, war seit 1952 Gruppenorganisator im VEB Abus Maschinenbau. Er konnte gut reden. Die Arbeiter verstanden seine Worte und Visionen. So hatten sie ihn auch gebeten, als Streikführer während der Arbeitsniederlegung am 17. / 18. Juni zu wirken und für sie das Wort zu führen. Das war in seinem Sinne. Reckstat wurde am 17. Juli 1953 verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Auf Ersuchen seiner Tochter, die nach England geheiratet hatte, wurde er im Dezember 1956 aus der Strafanstalt Gräfentonna entlassen. Er kehrte nach Nordhausen zu seiner Familie zurück. Dort flüsterten ihm wohlmeinende Freunde, dass ihm Sabotage vorgeworfen werde. Mit seiner Frau flüchtete Reckstat 1957 nach West-Berlin. Danach zog es das Paar nach Bremen. Otto Reckstat wurde hier Wochen später als Verfolgter des Naziregimes und des Kommunismus anerkannt und geehrt. Im Jahr 1972 würdigte ihn die SPD, denn er gehörte seit 50 Jahren zu den engagierten Genossen. In Nordhausen wurde es still um den Namen von Otto Reckstat. Erst nach der Wende wurde auf Ersuchen des Sozialdemokraten Kurt Wolff die Brücke der Ewigkeit über der Zorge in Otto-Reckstat-Brücke umgenannt. Dessen Vater Theodor und der Großvater des Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck waren enge Freunde von Reckstat. An der Brücke erinnert eine Tafel an den Gewerkschafter und den 17. Juni. Am Tag werden OB Barbara Rinke sowie Zeitzeugen Blumen an der Tafel niederlegen.

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