Thüringer Allgemeine (14.06.2003)

Degradiert und eingekerkert

Margit Lorenz

Einer der wenigen in der Südharzer Region, die sich an Otto Reckstat erinnern und seinen Namen vor dem Vergessen bewahren wollen, ist Kurt Wolff. Vor fünf Jahren erbat sich der 73-jährige Sozialdemokrat, der Zorgebrücke den Namen Otto Reckstats zu geben.
Den 17. Juni 1953 erlebte ich als 22-Jähriger, erinnerte sich der Nordhäuser. Er sei völlig irritiert und aufs Tiefste verletzt gewesen, als er von der Verhaftung Otto Reckstats gehört hatte. Er war ein Freund meines 1943 im KZ Auschwitz verstorbenen Vaters, so Kurt Wolff. Für mich war er ein absolut ehrlicher Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Das missfiel bereits den Nazis, die ihn 1933 in Schutzhaft nahmen und ins KZ Esterwegen III deportierten. Um ihn ganz loszuwerden, wurde Otto Reckstat 1939 an die Kriegsfront geschickt.
Er überlebte, kehrte 1947 zu seiner Familie zurück, packte beim Aufbau der zerbombten Stadt mit an und wurde zum gewerkschaftlichen Sprachrohr der Arbeiter. Der SPD-Mann hatte auch in Nordhausen zu den ersten Mitgliedern der frisch gegründeten SED gehört. Er hatte Ideale, die dem Aufbau der DDR zugute kommen sollten. Die SED schloss ihn am 3. Juli 1950 aus. Weiter wurde der Elektromeister degradiert, als Hilfsschlosser hatte er in einem Betrieb zu arbeiten.
Doch die Arbeiter hörten auf die Worte des damals 59-Jährigen. Im Juni 1953 kamen sie zu ihm. Otto Reckstat sollte ihre Forderungen in ein 16-Punkte-Programm fügen und ihr Wortführer sein. Sie wollten ohne Material keinen Planerfüllungsdruck, eine leistungsgerechte
Entlohnung, Weihnachtsgratifikation für alle, eine Dividende wie im Bergbau, den Übergang zu Normalschichten, keine Beschränkung bei Westpaketen.
Für diese Ziele wurde Reckstat verhaftet und vom Bezirksgericht Erfurt am 28. Oktober 1953 nach Artikel 6 der Verfassung der DDR wegen Kriegs- und Boykotthetze zu acht Jahren Zuchthaus sowie zu fünf Jahren Sühnemaßnahmen nach der Kontrollrats-Direktive 38 verurteilt. Er kam in die Strafanstalt Gräfentonna.
Die Tochter Otto Reckstats ließ nichts unversucht, um den Vater aus dem Gefängnis zu holen. Inzwischen lebte sie als Herta Simpson in England, und von hier flehte sie Wilhelm Pieck unter Verweisung auf die KZ-Haft und die Gesinnung des Vaters an, mildernde Umstände walten zu lassen. Der Generalstaatsanwalt wies sie rüde darauf hin, dass in der DDR niemand unschuldig verurteilt worden und dass ein Straferlass vom Verhalten im Strafvollzug abhängig ist. Kurz vor Weihnachten 1956 wurde Otto Reckstat entlassen. Mit zwei Jahren Bewährung kam er nach Nordhausen zurück.
Wenige Monate später warnten ihn Freunde, dass wegen Sabotage gegen ihn ermittelt werde. Am 30. November 1957 flüchtete er mit seiner Frau aus der DDR. Auf bloßer Haut um ihren Körper gewickelt trug sie die schwarz-rot-goldene Fahne des Reichsbanners, die seit 1933 versteckt war.
In Bremen fand der Gewerkschafter Otto Reckstat größere Akzeptanz. Der unverbesserliche Renegat und Provokateur wurde im Januar 1958 als Verfolgter des Naziregimes und des Kommunismus anerkannt. Im Jahr 1971 ehrte ihn die SPD für seine 50-jährige Mitgliedschaft. Am 22. Juni 1983 verstarb er ( für ihn als Zeitzeugen war der 17. Juni ein Feiertag geworden. Dieser wurde erst nach der Wiedervereinigung durch den 3. Oktober ersetzt.
Bildunterschrift:
WORTFÜHRER: Otto Reckstat im hohen Alter. Foto: privat

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