Thüringer Allgemeine (17.06.2003)

Tag des Freiheits-Willens: Zeitzeugen erinnern sich an 17. Juni 1953 und an Otto Reckstat / OB Barbara Rinke legt heute um 9 Uhr Blumen auf die Brücke

Margit Lorenz

Es war ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte - der 17. Juni 1953. In 400 Orten der DDR gingen fast eine Million Menschen auf die Straße. 600 Betriebe wurden bestreikt. Die SED bezeichnete die Revolte der Arbeiter als faschistischen Putschversuch und ließ Tausende Rädelsführer verhaften. Danach wurde über den 17. Juni nur selten gesprochen. Heute ist der 50. Jahrestag - ein Grund, um Zeitzeugen von einst um ihre Erinnerungen zu bitten.
Einer der engagiertesten Gewerkschafter vor 50 Jahren sei Otto Reckstat in Nordhausen gewesen, erzählte Kurt Wolff. Dem jetzt 73-Jährigen ist zu verdanken, dass der Name dieses Wortführers nicht vergessen wird. Vor vier Jahren erbat sich Sozialdemokrat Wolff, dass die Zorgebrücke an der Nordhäuser Kreuzung Hallesche- / Kyffhäuser Straße ( im Volksmund heißt sie Brücke der Ewigkeit ( den Namen Otto Reckstat erhält. So bewahrte er den Namen des väterlichen Freundes vorm Vergessen. Für mich war Reckstat ein Mann mit hohen Idealen, der sich ehrlich und standhaft für die Rechte der Arbeiterklasse einsetzte und der gut zu argumentieren wusste, erzählte Wolff. Doch die Redegewandtheit des Propagandisten habe sowohl den Nazis missfallen, die ihn 1933 ins KZ Esterwegen III deportierten, als auch den damaligen Genossen des SED-Regimes, die Reckstat als unverbesserlichen Renegaten und Provokateur nach dem 17. Juni 1953 vor Gericht stellten und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilten. Sie hatten ihn bereits 1950 aus der SED geworfen.
Dabei, so Kurt Wolff, könnte ich heute noch die Forderungen der Arbeiter, die Reckstat vortrug, mit reinem Gewissen unterschreiben. Zu den 16 Punkten gehörten unter anderem: Kein Planerfüllungsdruck ohne Material, leistungsgerechte Entlohnung, Abbau von nicht produktiven Stellen in der Verwaltung. Er sei schockiert gewesen, als er am Abend des 17. Juni 1953 von der Verhaftung Reckstats erfahren habe, so Wolff. Er habe nie verstanden, dass die SED mit einem aufrechten Gewerkschafter so rüde und inhuman umgegangen war. Am Radio habe er verfolgt, wie gegen die Arbeiter-Demonstrationen in Berlin vorgegangen wurde. Große Angst vor einem Kriegsausbruch und Blutvergießen habe er gehabt, so der 73-Jährige.
Konrad Reckstat dagegen, der jetzt in Landshut lebende 81-jährige Sohn des bekannten Gewerkschafters, musste 1953 zum zweiten Mal hautnah den Begriff Sippenhaft erleben. Längst war sein neuer Wohnort mit eigener junger Familie in Peenemünde. Bei der Seepolizei kletterte er auf der Karriereleiter nach oben. Von all dem wollte er dem Vater im Juni 1953 stolz berichten. Er war so voller Idealismus, hatte ihn an die Ostsee eingeladen, damit er mehrere Tage mit den drei Enkeln verbringen konnte. Doch statt des erhofften Besuchs kamen am 17. Juni 1953 sechs Offiziere der Staatssicherheit, die ihn mit der Revolte des Vaters im Südharz konfrontierten. Von einer Minute zur anderen verlor Konrad Reckstat seine Arbeit. Er musste mit der Familie aus der Dienstwohnung, stand plötzlich unter Beobachtung. Die Nerven lagen blank, erinnerte er sich gestern. Hätte sein Vater nicht auf seine junge Familie Rücksicht nehmen können? Musste er sich wieder für andere vor den Karren spannen lassen? Er hat ihn nicht besucht im Zuchthaus. Mein Vater war ein Märtyrer, resümierte der Sohn gestern. Für die Gewerkschaftsfreunde und deren Familien wäre der Vater durch dick und dünn gegangen. Dafür musste im eigenen Hause alles laufen wie am Schnürchen. Da herrschten Zucht und Ordnung, sonst setzte es Hiebe. Wenn er die Jahrzehnte zurückdrehen könnte, bekannte der 81-jährige Senior leise, dann hätte er sich einen Vater gewünscht, der mehr Zeit mit ihm verbracht hätte. Er habe erkennen müssen, dass all die Menschen, die sich politisch, gewerkschaftlich oder vereinsmäßig nach außen positionieren und engagieren, für ihre Familien und Kinder wenig Zeit hätten.
Helga und Günther Stanislowsky waren am 17. Juni 1953 noch Teenager. Sehr genau erinnerte sich das Ehepaar gestern an diese aufregenden Tage. Beide besuchten unterschiedliche Schulen. Plötzlich hieß es, dass in der Stadt Ausgangssperre herrscht, so Helga Stanislowsky. Wer auf den Straßen unterwegs war, musste sich die Fragen der Volkspolizei gefallen lassen und eine plausible Erklärung parat haben. Mit Einbruch der Dunkelheit habe sich Stille über die Stadt gelegt. Günther Stanislowsky kam täglich aus Sülzhayn ins Nordhäuser Gymnasium. Von seinen gleichaltrigen Freunden, die Lehrlinge in der kriegsgeschädigten Stadt waren, hatte er erfahren, dass sich eine Revolte sowie eine Großdemo zusammenbraute. Von ihnen wusste er auch, dass sie am 17. Juni auf der Mauer des Schlepperwerks gesessen und von oben den erbitterten Worten der Arbeiter gelauscht hatten. Einer der Lehrlinge war Siegfried Nebelung, der als 15-Jähriger im Schlepperwerk den Beruf des Maschinenschlossers erlernte. Wir wurden aufgefordert, nur in geordneten Gruppen und im Beisein des Ausbilders das Werk zu verlassen, erzählte der Sülzhayner. Es habe keiner gemuckt. Zu groß war die Angst, denn vorm Werktor standen bewaffnete Sowjetsoldaten. Nur nicht provozieren, war die Devise.
Keinen Mucks von sich geben ( so dachte im Juni 1953 auch Arno Gerlach. Der bald 90-Jährige aus Herrmannsacker vergisst bis zum Lebensende nicht, dass er Mitte März des gleichen Jahres Ärger hatte. Urkundenfälschung hatten ihm die 100-Prozentigen vorgeworfen, weil er einem schreibunkundigen Buchholzer bei einer Abzeichnung die Finger geführt hatte. Ich wurde unter solch psychischen Druck gesetzt, so der alte Herr, dass ich nach West-Berlin geflüchtet bin.
Ein Freund habe im Heimatdorf gut für ihn gesprochen, und die junge Ehefrau habe ihn zurückgeholt. Gegen die Zahlung von 500 Mark Geldbuße, so Arno Gerlach, sei er wieder in Herrmannsacker aufgenommen worden. Das kleine Dorf gehörte damals zum Landkreis Sangerhausen. Aber er habe sich viele Jahre lang unter Beobachtung gefühlt. Ganz getraut habe ihm keiner, zumal sein Vater engagierter Christdemokrat war und die Geschicke des Dorfes mitlenkte.
Heute um 9 Uhr legt OB Barbara Rinke an der Nordhäuser Gedenktafel für Otto Reckstat auf der Brücke Blumen nieder. Sie wird die Bürger an den Schicksalstag vor 50 Jahren erinnern. Die Arbeiterrevolte am 17. Juni ging in die Geschichte ein. Der Feiertag wurde nach der politischen Wende 1989 durch den 3. Oktober ersetzt.
Bildunterschrift:
POLIZEI-BEGLEITUNG: Vor 50 Jahren besuchte Helga Stanislowsky die Nordhäuser Wiedigsburgschule. In ihrem Album fand sie ein Foto vom 17. Juni 1953, das ihre Klassenkameradinnen in Begleitung eines Volkspolizisten zeigt.

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