Sigmund Freud Privatuniversität
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Vom März 2016 bis Ende Juni war ich Stipendiantin im Memory Work Austauschprogramm der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Die Arbeit in diesen Monaten war sehr intensiv, bereichernd und spannend und ich bin weiter in meinen Recherchen gekommen, an eine vergleichende Studie über die Spuren der Geheimdienste in die Psyche und über die Feindbilder in bulgarische und deutsche Geheimdienst!lme zu arbeiten.

Es kam zu intensivem Austausch mit Kollegen aus dem Filmbereich (besonders) und Psychotherapeuten aus dem Traumabereich in Deutschland. Es sind sehr spannende Gespräche mit deutschen Schriftstellern und Autoren entstanden, die ich weiter einem bulgarischen Publikum in einer journalistischen Reihe vorstellen werde. Es sind viele Ideen für neue interdisziplinäre und interkulturelle Projekte und Kooperationen entstanden, in Deutschland und Bulgarien.

Filme, Veranstaltungen und Filmprojekte

Ein sehr wichtiges Ergebnis meiner Arbeit ist, dass ich in dieser Zeit noch weiter meine Arbeit mit Kollegen, mit denen ich schon lange arbeite, vertiefen konnte. Besonders mit dem Filmwissenschaftler und Kurator Claus Löser aus Berlin. Wir waren beide Kuratoren einer Retrospektive über die Filme der kommunistischen Geheimdienste im Rahmen des Dresden Filmfestivals (12-17 April). Im Rahmen des Festival haben wir zwei Programme zusammengestellt – mit DDR- und bulgarischen Filmen. Es war auch zum ersten Mal, dass die bulgarischen Filme auf Deutsch untertitelt wurden und ein neues Publikum in Deutschland erreichen konnten. Es entstand ein grosses Medieninteresse und ich hatte mehrere Interviews in MDR – Fernsehen, Rundfunk und die sachsischen Zeitungen. Es kam zu intensiven und interessanten Diskussionen in Dresden (in der historischen Gedenkstätte Bautzener Strasse, im Societaetstheater und Schauburg Kino) – mit der deutschen Regisseurin Tamara Trampe (Autorin des berührenden Dokumentar!lms „Der schwarze Kasten“) mit der deutsch-bulgarischen Schriftstellerin Nicki Pawlow (Autorin des Romans „Der bulgarische Arzt), mit Lutz Rathenow, Schriftsteller und Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Das !lmische Erbe der bulgarischen Geheimdienste hat viel in die Zuschauer bewegt. Es sind Gespräche entstanden über den Druck auf die Familien, über die subtile Repression, über die Art und Weise, wie Folklore und Kultur von den bulgarischen Geheimdiensten missbraucht und benutzt wurden und wie die bulgarische Gesellschaft heute damit umgeht.

Bei den Gesprächen in Dresden ist auch die Idee entstanden, an einem gemeinsamen deutsch-bulgarischen Dokumentar!lm über den Lyriker und Dissidenten Peter Manolov (der in einem Verhör der bulgarischen Geheimdienste zu sehen ist und der im Februar 2016 verstorben ist) zu arbeiten – die Produktions!rma Kontrast!lm aus Mainz, die für das ARTE Fernsehen arbeitet, hat grosses Interesse gezeigt, den Film zusammen zu erarbeiten und produzieren. Jetzt folgen Gespräche in diese Richtung und erste Forschung hat schon begonnen.

Die Dresden Film-Gespräche haben Interesse geweckt und mehrere Veranstaltungen und Workshops folgten danach. Ende April - am 29. April - habe ich einen Workshop mit Studenten der SFU Berlin durchgeführt, am 14.Juni haben Claus Löser und ich einen gemeinsamen Workshop in der Bundesstiftung Aufarbeitung organisiert - „Die verstörte Realität. Bulgarische Geheimdienst!lme und die Perspektive von heute“. Nach diesem Workshop ist wieder weiteres Interesse geweckt worden und mehrere Einladungen für weitere Veranstaltungen – an der Humbold Universität Berlin, Filmmuseum Potsdam, BstU -Berlin u.a. ( Herbst 2016 - Winter 2017) Ein weiteres sehr interessantes Ergebnis ist das Treffen mit dem Berliner Filmproduzenten Dirk Simon. Dirk, der selbst aus der DDR kommt und einen Versuch durch Bulgarien zu #iehen hatte, war sehr berührt und beeindruckt von der Geschichte von deutschen Maler Christian Staudunger, die ich vor zwei Jahren in Bulgarien und Deutschland veröffentlicht hatte (Renovabis und Capital Light). Christian Staudinger wurde als Jugendlicher in Bulgarien am Schwarzen Meer an der Grenze zu Türkei gefangen und war paar Monate im bulgarischen Knast in Burgas und danach im Knast in Erfurt in der DDR. Christian versucht sein Leben lang, die traumatischen Erfahrungen in Kunst umzuwandeln. Es ist die Idee entstanden, an einem Dokumentar!lm zusammen zu arbeiten, um die Geschichte von Christian und seine beeindruckende Art mit Trauma umzugehen zu ver!lmen.

Interdisziplinäre Projekte

Seit 13 Jahren bin ich Kuratorin des internationalen Festivals der Erinnerungen GOATMILK in Bulgarien. Durch die Gespräche und Kontakte während des Stipendiums sind Ideen entstanden, deutsche Künstler nach Bulgarien zum Festival einzuladen, um die Erinnerungsarbeit an die eigene Geschichte zu intensivieren. Ich arbeite an zwei weitere Projekte:

  • Den Maler Christian Staudinger nach Bulgarien einzuladen, wo er seine Kunsten Maler Christian Staudinger nach Bulgarien einzuladen, wo er seine Kunst (die sich mit dem bulgarischen Trauma aus der Zeit seiner Haft beschäftigt) zum ersten Mal 2017 zeigt.
  • Die Schriftstellerin Nicki Pawlow nach Bulgarien Mai 2017 einzuladen, wo sie paar Lesungen macht (ihr Roman „Der bulgarische Arzt“ ist eine literarische Aufarbeitung der traumatischen Familiengeschichte und der Geschichte Bulgariens im Sozialismus.)
Psychotherapeutische und innere Arbeitung und Recherche

Ein sehr wichtiger Teil meiner bisheriger Arbeit war auch die Vernetzung mit
Psychotherapeuten aus dem Traumabereich in Deutschland.  Besonders stark war mein Treffen im Juni mit dem Terapeuten aus der Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur GEGENWIND Stefan Trobish-Lütge. Das Gespräch mit ihm werde ich in Bulgarien veröffentlichen. Besonders wertvoll war auch meine Teilnahme an einer Fortbildungsveranstaltung bei der Gezeitenhaus Klinik Bonn/Köln im Schloss Eichholz in Wesseling “Vom Unheil zur Heilung” am 8.April 2016, wo mich besonders der Vortrag der berühmten Traumatherapeutin Prof. Dr. Luise Reddemann “Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie” berührt hat.

Es geht um die psychischen Spuren des Unheils, die bleiben und die Wege, wie man der Verletzung die Macht nimmt – etwas was mich sehr beschäftigt bei meiner Arbeit mit Bulgaren, die durch die bulgarischen Geheimdienste gelitten haben und noch die eigene Stimme und die eigene Kraft das zu erzählen, nicht gefunden haben. Wichtig und sehr hilfreich waren für mich die Gespräche und der Austausch in der SFU Berlin – mit Prof. David Becker, Supervisor und Frau Katy Reboly, Rektorin der SFU Berlin. Das Buch vom Prof.Becker “Die Er!ndung von Trauma” hat mir neue spannende Fragen gestellt und weiter gebracht. In Berlin sind auch mehrere spannende Gespräche mit Bulgaren stattgefunden - wegen der eigenen Familiengeschichte und der Stasi. Die Notwendigkeit, diese Vergangenheit besser zu verstehen, genau heute, war in mehreren Gesprächen in Berlin auch sehr present - im Gorki Theater mit dem Theaterregisseur Stefan Kägi, Rimini Protokol, mit der Designanthopologin Yana Milev, mi der Kuratorin des Filmfestivals Buldok Berlin Denitza Toteva. Und auch meine Gespräche mit der Intervisionsgruppe Bonner und Kölner Traumatherapeuten wie Martin Dietrich, Dagmar Hilder, Sylke Reimann, Sabune Oertel ua. Sehr spannend und bereichernd waren meine Gespräche in Berlin mit den Autoren Nicki Pawlow, Martin Ahrends (Author des Buchs “Verführung, Kontrolle, Verrat. Das MfS und die Familie. 2015), Ruth Hoffmann (Autorin vom Buch“Stasi-Kinder”). Aus diesen Gesprächen werde ich eine Reihe für die bulgarische Medien vorbereiten. (Herbst-Winter 2016) und einen Seminar 2017 starten (Familie und Geheimdienste).

Die Gespräche sind auch wichtig für meine weitere Arbeit in Bulgarien als Kuratorin eines neuen Projekts des Goethe Institut-So!a “Ungehörte Stimmen” - Die Rolle der Geheimdienste in Bulgarien und Deutschland zur Zeit des Sozialismus – eine Reihe mit deutschen und bulgarischen Filmen, die im Herbst 2016 beginnt und im März und Mai zum ersten Mal vorgestellt wurde.

Archive Arbeit

Andere wichtige Erfahrung war meine Arbeit in zwei deutschen Archiven, die ich zum ersten Mal besuchte – Bundesarchiv Koblenz (März-April) und Stasi-Unterlagen Archiv Berlin (Juni). Das war meine erste Arbeit in deutschen Archiven. Im Bundesarchiv Koblenz habe ich bis jetzt für verloren geltende Tonafnahmen aus dem Jahr 1956 auf Bulgarisch vom Radio Free Europe gefunden – mehr als 20 Stunden Ton- Material (über das Radio und den Kampf der bulgarischen Geheimdienste gegen das Radio habe ich meinen Dokumentar!lm LISTEN 2014 gedreht). Jetzt wartet eine weitere Recherche, das Material zu transkribieren, mit Historikern in Bulgarien darüber zu sprechen und zu sehen, wie man dieses Material in Bulgarien recherchieren kann und wie man das veröffentlichen kann. Die Arbeit im Stasi-Unterlagen Archiv war auch mit Radio Free Europe verbunden.

Kurzfassung

Das Memory Work Stipendium hat mir sehr geholfen, an die Studie über die psychischen Folgen der Stasi weiterzuarbeiten und diese zu beginnen zu schreiben. Es haben sich mehrere Möglichkeiten geöffnet, weiter in die Aufarbeitung zu arbeiten – im Bereich der Film und psychotherapeutischer Hilfe und Unterstützung.

Diana Ivanova

Dieser Bericht stellt keine Meinungsäußerung der Bundesstiftung Aufarbeitung dar.

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