"Ob der Autor sich selbst als Urgestein der Politik bezeichnen würde, weiß ich nicht", schreibt Dr. Carsten Zabel, Justitiar der Bundesstiftung Aufarbeitung, in seinem Lesetipp zum Lesemittwoch.
Wolfgang Schäuble, Jahrgang 1942, feierte unlängst noch seine 50-jährige Parlamentszugehörigkeit im Bundestag. Dieses Buch erschien bereits 1991, hat also mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel, und ist in gut sortierten Antiquariaten noch erhältlich. Auf knapp 300 Seiten berichtet Schäuble über die Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR bis zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990, und zwar aus der Perspektive des Politikers, der maßgeblich am Zustandekommen des Einigungsvertrages beteiligt war. Ein interessantes Tagebuch nebst Zeittafeln im Anhang, in dem die Vorgänge des noch frischen Einigungsprozesses geradezu minutiös berichtet werden. Schäuble gelingt mit seinem Werk ein eindrucksvolles Abbild der politischen Verhandlungen mit den Akteuren aus Ost- und Westdeutschland. Es wird vor allem deutlich, unter welchem Zeitdruck - oder der seinerzeit von der westdeutschen Regierung zu erkennen geglaubt wurde - die intensiven Bemühungen um den Einigungsvertrag und die Herbeiführung der Deutschen Einheit standen. Die Vorgänge lassen sich auf die Kurzformel bringen: wir in Westdeutschland tun alles für euch, aber wir tun es auf unsere Weise. Daher ist es kein Wunder, dass im Grunde allein der im Grundgesetz ermöglichte Beitritt nach Art. 23 zur Umsetzung in Betracht kam. Warum es nicht zur anderen Alternative – die Ratifizierung einer neuen Verfassung nach Art. 146 GG - kam, darüber gibt das Tagebuch beredt Auskunft. Dort schreibt Schäuble: „Es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung. Wir haben ein gutes Grundgesetz, das sich bewährt hat. Wir tun alles für Euch. Ihr seid herzlich willkommen. Wir sollten nicht kaltschnäuzig über Eure Wünsche und Interessen hinweggehen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt. Wir fangen nicht ganz von vorn bei gleichberechtigten Ausgangspositionen an. Es gibt das Grundgesetz, und es gibt die Bundesrepublik Deutschland. Laßt uns von der Voraussetzung ausgehen, daß Ihr 40 Jahre lang von beiden ausgeschlossen wart.“ Der Untertitel „Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte“ lässt entgegen der ersten Vermutung keine ausgeprägten Eitelkeiten des Autors erkennen. Schäuble gehört zu den Vertretern einer längst ausgestorbenen, an Grundüberzeugungen orientierten Politikergeneration der alten Bonner Republik, die sich mit der heutigen Medienpräsenz in täglichen TV-Quasselformaten und Social Media Unsinnigkeiten schwergetan hätten. Einen kleinen Einblick in das politische Wirken dieser Generation ermöglicht das hier vorgestellte kleine Buch.
Schäuble, Wolfgang: Der Vertrag Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte. Stuttgart 1991, hier: Aktualisierte Taschenbuchausgabe München 1993