Das Erscheinen dieses Buches über den Großen Terror in der Sowjetunion hat sein Autor Georgi Demidow nicht mehr erlebt. Der 1908 geborene Demidow war einer der führenden Physiker der Sowjetunion, bis er 1938 auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors verhaftet, verhört und in ein Lager an der Kolyma deportiert wurde. Als er nach 14 Jahren freigelassen wurde, begann er über seine Erfahrungen zu schreiben. Dabei ist unter anderem der Roman Fone Kwas oder Der Idiot entstanden, in dem Demidow die Hauptfigur Rafail Belokrinitskij die Willkür, die Absurdität und die Brutalität des Stalinismus erleben lässt.
Belokrinitskij hat viel von seinem Autor: Er ist Chefingenieur in der Energiewirtschaft in der sowjetischen Ukraine. Er wird vom NKWD festgenommen, glaubt dabei noch an einen Irrtum und muss in einer überfüllten Zelle unter unwürdigen Bedingungen auf seine Verhöre und schließlich auf seine Verurteilung warten. Sein Überleben – so erkennt er – hängt davon ab, wie zufrieden die ihn verhörenden Geheimdienstler mit seinem Geständnis sind. Und so erfindet er eine glaubhaft klingende, aber völlig absurde Geschichte, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass er der „Fone Kwas“, also der „Trottel“, ist.
Demidow, dessen Schriften 1980 vom KGB beschlagnahmt wurden und der 1987 in dem Glauben starb, alles sei verloren, führt in „Fone Kwas“ ein System vor, in dem Menschen hofften zu überleben oder ihre Familien zu schützen, wenn sie an ihrer eigenen Verfolgung mitarbeiten.
Georgi Demidow: Fone Kwas oder Der Idiot. Berlin: Galiani Verlag 2023, 208 Seiten, ISBN 9783869712888.