Lea Ypi wurde 1979 in Tirana geboren. Da ihr Urgroßvater Xhafer Ypi Anfang der 1920er Jahre Ministerpräsident des Fürstentums Albanien gewesen war, galt sie in ihrem Land als Klassenfeindin. Doch davon wusste sie in ihrer Kindheit: nichts. Erst nach dem Sturz des Regimes im Dezember 1990 begann Ypi zu begreifen, dass ihre Eltern sie durch ein ausgeklügeltes System kommunikativer Codes vor der Realität geschützt hatten: Menschen, die angeblich ‚internationale Beziehungen studierten‘, standen wegen Hochverrat vor Gericht. Eine ‚Abschlussfeier‘ war eine Haftentlassung, und die Namen von Universitätsstädten dienten als Codes für Gefängnisse. Das alles nicht zu wissen war die Voraussetzung dafür, dass Lea Ypi eine gefühlt normale Kindheit erleben konnte.
Auf überaus unterhaltsame Weise verwebt Ypi in einer autofiktionalen Erzählung die Erfahrung des Erwachsenwerdens mit einem Bericht über den Systemwechsel, der einerseits „frei“ machte (wie es der Titel zusammenfasst), der aber auch reichlich neue Zumutungen und Ernüchterungen mit sich brachte. Menschen verließen ihre Heimat, kämpften mit Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg oder verloren im Rahmen großangelegter Betrügereien, die 1997 im Lotterieaufstand endeten, ihr Erspartes.
Ypis Buch zeugt davon, dass man einen solchen Umbruch mit Humor erzählen und daran wachsen kann. Die schönste Nebenrolle in dieser Geschichte spielt übrigens eine Coladose, die für Streit unter Nachbarn sorgt. Aber mehr sei hier nicht verraten.
Lea Ypi: Frei. Suhrkamp Verlag, 2022