Aus der heutigen Perspektive ist es teilweise schwierig nachzuvollziehen, wie tausende DDR-Bürger in Form der inoffiziellen Mitarbeit in den Bann der Staatssicherheit gelangen konnten und so die Biografien ihrer Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn potenziell mitbestimmt haben.
Die Autorin Charlotte Gneuß, deren Eltern in der DDR sozialisiert wurden, versucht genau diesen Prozess der Vereinnahmung durch das MfS am fiktiven Beispiel der 16-jährigen Karin aus Gittersee (Vorort von Dresden) nachvollziehbar zu machen. Anfangs noch unter Zwang, später wie selbstverständlich berichtet Karin ihrem zuständigen Offizier aus ihrem Leben und vor allem aus dem ihres Umfeldes.
Gneuß macht eindrücklich deutlich, wie in einem Staat voller Mistrauen und Überwachung jeder für sich versucht, nicht in die Mühlen des Systems zu geraten und wie schnell es dabei passiert, dass das Leben anderer unwiderruflich sabotiert wird.
Charlotte Gneuß: „Gittersee“, S. Fischer, 2023, 237 Seiten, ISBN 978-3-10-397088-3, Deutschland: 22,00€