Lothar Rochau ist in den 1970/1980er Jahren Jugenddiakon in Halle (Saale). Sein Herz schlägt für die Jugendlichen in der Plattenbauten-Siedlung Halle-Neustadt, der „Stadt ohne Gott“. Getreu dem Motto: An dem Ort, wo Kirche lebt, muss sie Verantwortung wahrnehmen, begibt sich Rochau an die Plätze, wo die Jugendlichen rumhängen. Er wird zum Zuhörer, Freund, Organisator, Wegbegleiter. Er organisiert einen alten Bauwagen, initiiert offene Abende, Jugendgottesdienste, thematische Abend… Der damalige Bischof Dr. Werner Krusche schreibt über ihn: Rochau kümmert sich gerade um die Jugendlichen, die nirgendwo richtig zu Hause sind, sich von niemandem wirklich angenommen erfahren, alleingelassen von den angepassten Erwachsenen … Ich denke doch, dass Jesus sich über diese Arbeit freut ...“

Doch dem sozialistischen Staat ist dieser leidenschaftliche Diakon ein Dorn im Auge. Was nun folgt ist eine fies konstruierter Tatort-Krimi nur in echt. Die Stasi operiert, intrigiert, lügt und zersetzt im Hintergrund. Mit Kirchenmann Dr. Detlef Hammer (IM Günter) platziert sie ihren Mann direkt an der Seite des Bischofs. Rochau wird in einem operativen Vorgang diskreditiert. Die Kirche kündigt – vom Staat unter Druck gesetzt - das Arbeitsverhältnis. Rochau ist nun vogelfrei. Am 23. Juni 1983 schnappt die Falle zu. Um 6:00 Uhr wird der Diakon von der Stasi „zur Klärung eines Sachverhaltes“ mitgenommen. Es folgen Untersuchungshaft, Verurteilung, Stasihaft und die Abschiebung in die Bundesrepublik Deutschland. Doch selbst dort erreicht ihn der lange Arm der Stasi. Dr. Detlef Hammer „IM Günter“ schreibt an den Kirchenpräsidenten der EKHN. In dem Brief schwärzt er Rochau an. Seine Anstellung könnte zur „Gefährdung der kirchlichen Jugendarbeit und vor allem vieler junger Menschen führen.“ Die Kirche West (!) lässt den mutigen Diakon daraufhin anstellungslos im Regen stehen und schickt ihn weiter zum Arbeitsamt…

8 Jahre später, im März 1991 wird Rochau von staatlicher Seite rehabilitiert. Seine Verurteilung wird als „rechtspolitischer Willkürakt“ gebrandmarkt. Dreizehn Jahre (!) nach der friedlichen Revolution erklärt die Kirchenleitung, „Diese Kündigung – so muss man heute rückblickend sagen – war ein Malheur.“ Doch was sind diese Worte wert? Stasimann Hammer wurde nach der Wende zum Oberkonsistorialrat der Kirchenprovinz Sachsen ernannt. Seine Verbeamtung wurde ihm - welch Witz erst nach seinem Tod post mortem - aberkannt. Rochau hingegen kämpft als 70-Jähriger noch für seine „kirchliche Zusatzrente“. Der Autor schreibt nicht mit Schaum vor dem Mund. Die Zeilen atmen Dramatik, Tränen, Leiden, aber keine Verbitterung. Im Gegenteil: Hier hat einer seinen Frieden gemacht. Der Diakon schreibt als Versöhnter, trotz erlebtem Verrat, trotz der 91 (!) IMs, die auf ihn angesetzt waren. Ja noch mehr: Rochau bleibt nicht in seinen Verletzungen hängen. Er wird zum Kümmerer in sozialen Dingen. Noch am Tag des Mauerfalls kehrt Rochau zurück in seine Heimatstadt. Er baut das defizitäre und undemokratische Jugendhilfesystem in Halle/Saale um, leitet 17 Jahre das Jugendamt, wird zum Marathonläufer…

„Marathon mit Mauern“ ist die packende Geschichte eines Widerständigen, eines Visionärs, eines Vorkämpfers, eines Christen. Es ist ein Stück dramatische deutsch-deutsche Geschichte, ein trauriger Rückblick auf eine Kirche, die sich mehr auf die Seite der Machthaber in einen politischen Unrechtssystem schlug, statt sich mutig den ihr anvertrauten Menschen zu zuwenden. Im Sinne der Bürgerrechtlerin Freya Klier erinnert der Autor mit seiner packenden Story an das 11. Gebot: „Du sollst Dich erinnern.“ Er führt damit hoffnungsvoll vor Augen: Dummheit wird nicht siegen. Als Menschenfischer kannst du trotz aller Repressionen und Schwierigkeiten nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Bibliografische Angaben

"Marathon mit Mauern: Mein deutsch-deutsches Leben", Lothar Rochau, Mitteldeutscher Verlag, 2021

Lothar Rochau

Marathon mit Mauern

Lesetipp von Rüdiger Jope, Follower
Rüdiger Jope hält das Buch "Maraton mit Mauern" in seiner Hand.