Wer wissen möchte, wie wir damals als Halbwüchsige in Ostdeutschland Mitte der 80er Jahre so drauf waren, muss nur dieses wunderbare Buch lesen. Die Nachgeborenen erfahren, was Mixtapes waren, warum auch Jungs Kajalstifte brauchten und wie es sich ohne Handy oder Telefon lebte. Und ja, wir haben wirklich so viel getrunken und überall geraucht.

Wer nun aber denkt, Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ sei nostalgisch, liegt völlig falsch. Denn der Roman hat die Melancholie Heranwachsender zum Thema, wodurch das Buch zeitlos wird und an keinen Ort gebunden ist. „Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie. Aber eines stand fest: Seit einem Jahr war sie da.“, erfahren wir vom 16-jährigen Ich-Erzähler René in den Eingangssätzen.

René wohnt in einer Potsdamer Plattenbausiedlung. Seine Mutter ist schon lange tot und sein Vater verbringt die Sommermonate auf einer Konferenz in Genf. René hat die letzten großen Ferien sturmfrei, bevor es im September ins Internat nach Halle geht. Wir lernen seine Freunde Mario, Dirk und Michael kennen. Und dann gibt es auch noch das unbekannte Mädchen, von dem René nur weiß, dass sie Fritzis große Schwester ist. Es geht um die erste Liebe, den Sehnsuchtsort Literatur und Musik als Soundtrack der Jugend. Die SED-Diktatur schimmert hindurch, ohne aber die jungen Protagonisten vordergründig zu bedrohen. Wir begleiten sie in Cafés in der Potsdamer Innenstadt, zu Feten bei Freunden und in die Disco im Wohngebiet, oder „hängen“ mit ihnen „ab“, wie man heute sagen würde.

Die Melancholie „machte sich in der Literatur ganz gut oder im Notizbuch, war aber im normalen Alltag eher hinderlich, dieser sogenannte Gemütszustand.“, gesteht René. Aber Kubiczek erzählt nicht schwermütig, sondern amüsant und äußerst kurzweilig. Sehr einfühlsam schildert er die Gemütslage der Jugendlichen, fast rührend aber niemals sentimental und trotz einer Menge Zeitkolorit völlig ostalgiebefreit. Coming of age at its best. Lesen!

Bibliografische Angaben

André Kubiczek: Skizze eines Sommers. rohwelt Verlage, 2018.

André Kubiczek

Skizze eines Sommers

Lesetipp von Arne Grimm. Er war 1990 der erste Republikvorsitzende der neugegründeten Jungen Sozialdemokraten der DDR. Seit 2014 ist er Geschäftsführer des Netzwerks Berlin in der SPD-Bundestagsfraktion
Lesetipp mit dem Buch Skizze eines Sommers von Andre Kubiczek