Sowjetistan ist nicht nur ein Reisebericht, sondern vielmehr ein fesselnder Crashkurs zur jüngeren Geschichte der fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Wie haben sich Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan seit ihrer Unabhängigkeit 1991 entwickelt?
Jedem Land widmet die norwegische Autorin Erika Fatland ein Kapitel. Sie erkundet marmorne Großstädte und verlassene Atomwaffentestgelände, reist durch Wüsten, entlang der Seidenstraße und zum Kaspischen Meer, schläft in Jurten, Gasthäusern und Zügen. So abwechslungsreich wie ihre Route ist, so unterschiedlich sind die Menschen und Geschichten, die ihr begegnen. Doch Fatland sind all die Erlebnisse und Erzählungen gleich viel wert. Auf den Seiten Sowjetistans versammeln sich also kleine und große Charaktere, traurige, skurrile und unglaubliche Anekdoten. Da ist zum Beispiel Jedige, der sich in einem nicht zu gewinnenden Kampf für den Aralsee einsetzt. Oder der Seidenhändler in Tashkent, der von der usbekischen Abstammung Alexander des Großen überzeugt ist. Oder aber die Kirgisin Rosa, die mit 21 Jahren Opfer des Brautraubs wurde und sich nun mit ihrem Leben in einer erzwungenen Ehe arrangieren muss.
Fatland verbindet diese Erzählungen mit historischen Fakten und erschafft ein vielstimmiges Buch, das Aufschluss über die Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur Zentralasiens gibt. Immer wieder geht es um die postsowjetische Identität, ethnische Spannungen und gesellschaftliche Transformationsprozesse einer oft übersehenen Region der Welt.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2014 und so sind nicht mehr alle Informationen brandaktuell. Viel Lust auf Zentralasien macht das Buch dennoch, denn es sind vor allem die Alltagsgeschichten, die den Reiz von Sowjetistan ausmachen. Erika Fatland schafft einen sehr unterhaltsamen Spagat zwischen anekdotischem Erzählen und historischem Rundumschlag, der sich auch für diejenigen lohnt, die bis jetzt keines der „Stans“ besucht haben.
Erika Fatland, „Sowjetistan“ – Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Suhrkamp, Berlin 2017