Da haben wir seit zwei Jahrzehnten und mehr das Phänomen meisterhafter Texte junger Frauen wie Julia Franck, Jenny Erpenbeck, Anja Rávik Strubel, Franziska Gerstenberg, Judith Schalansky oder auch Annett Gröschner, die, Herrn Oschmann zum Tort, gern ostdeutsch verorten mag, wer will. Dann kam jüngst die Boygroup der traurigen Wendeverlierer Lukas Rietzschel, Hendrik Bolz, Domenico Müllensiefen, Daniel Schulz, und auf einmal beherrscht eine, man darf es sagen: Seniorin die Feuilletons, die wir fast vergessen hatten. Helga Schubert. Fast 20 Jahre waren kaum neue Texte erschienen, allenfalls schön gestaltete Neuausgaben früherer Prosa. Und nun gewinnt sie, 40 Jahre nach dem ihr die Beteiligung am Klagenfurter Wettbewerb von der DDR verboten worden war, mit dem autobiographischen Band „Vom Aufstehen“ nicht nur den Ingeborg-Bachmann-Preis, sondern auch enorme Aufmerksamkeit. Eine ostdeutsche Dichterin, die am Tag der Vereinigung bekennt, dass sie sich „sehr glücklich fühle“ (S. 112) und nun endlich das durch den Mauerbau unterbrochene Leben neu aufnehmen wolle. Aber es sind gar nicht allein diese kostbaren, weil so seltenen freundlichen Worte über das vereinte Land, die einem das Herz öffnen für eine Autorin und ein Leben im Deutschland zwischen Weltkrieg und heute. Da sind so intime Reflexionen über das extrem komplizierte Verhältnis zu ihrer Mutter, so zarte Andeutungen über das von Liebe getragene und trotzdem nicht einfache Leben mit einem älteren, inzwischen schwer pflegebedürftigen Ehemann, Erinnerungen an die Großeltern von inniger Wehmut, ganz einfache Geschichten vom Alltag der Diktatur und dann wieder so poetische Bilder der Mecklenburger Natur. Sie beglücken jeden, der selbst einmal von einem der Dörfer zwischen Gadebusch und Wismar in die Feldflur spaziert ist, die oft turmlosen Backsteinkirchlein hinter sich gelassen hat, die trotzdem anzeigen, wohin man immer zurück gehen muss.
Vielleicht, habe ich gedacht, sollte ich dieses Buch an dieser Stelle gar nicht anzeigen, weil gefragt werden könnte, ob es überhaupt politisch, historisch, gesellschaftlich fundiert genug ist für diese Reihe. Aber das ist es gewiss. Dieses Buch „Vom Aufstehen“ widerspricht auf die deutlichste und schönste Weise allen Unterstellungen jener, die den politischen Versuch unternahmen, das „aufstehen“ für eine Sammlungsbewegung in Anspruch zu nehmen. Nein, dieses Buch macht Mut, den Lebensängsten zu widerstehen, weil es die Ängste im Leben in einer Diktatur präzis benennt und damit überwindet: „Von Angst zu reden macht Mut“ (S. 30).