Als ich Thomas Braschs Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ in einer Stadtbibliothek in München zum ersten Mal in den Händen hielt, faszinierte mich der Verlagsname fast genauso wie der Buchtitel: „Rotbuch Verlag“. Das klang im reichen München schon mal erfreulich verboten, nach Underground, nach Rebellion.

Und Thomas Brasch war genau das, sogar in doppelter Ausgabe: ein Rebell, erst in der DDR und dann in der Bundesrepublik. Aus der DDR wollte er weg, aber in der Bundesrepublik wollte er auch nicht sein. Auf offener Bühne hatte er mal bei einer Filmpreisverleihung Franz-Josef Strauß, den Antikommunisten, beleidigt.

Der Band versammelt Geschichten aus der DDR. Es geht um junge Menschen, die, wie Brasch selbst, der 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte, gegen die sozialistische Gesellschaft anrennen. Es geht um Grenzen, die überschritten werden. Nur, dass dies in der DDR, wenn es auch noch die Staatsgrenze war, tödlich enden konnte. Das tut es auch im Buch. Es geht um Unterdrückung, um Stasi und blutleere Alte, die mal an die DDR geglaubt hatten und von den Jungen verachtet werden.

Das klingt sehr nach DDR-Zeitkolorit. Ist es auch. Aber es ist mehr. Es ist der Sound eines Jack Kerouac, des Beat-Schriftsteller, der einem hier ins Ohr gehämmert wird. Brasch war fremd. In jeder Gesellschaft. Er wollte woanders hin. Immer. Oder wie es in einem Gedicht von Thomas Brasch heißt: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“

Und so ist das Buch Ausdruck eines universellen juvenilen Gefühls: der Fremdheit. Deshalb passte der Band aus der Stadtbibliothek auch ganz zu einem post-pubertären Jugendlichen Mitte der Achtziger im reichen westdeutschen München.

Bibliografische Angaben

Brasch, Thomas: „Vor den Vätern sterben die Söhne“, Suhrkamp Verlag 2002, 133 Seiten.

Thomas Brasch

Vor den Vätern sterben die Söhne

Lesetipp von Jost Kaiser, Leiter des Arbeitsbereichs Kommunikation und Pressesprecher bei der Bundesstiftung Aufarbeitung
Lesetipp von Jost Kaiser mit dem Buch "Vor den Vätern sterben die Söhne".