Der knapp am Literatur-Nobelpreis vorbeigeschrammte britische Schriftsteller Lawrence Durrell war im Brotberuf Diplomat mit Verwendungen mehrheitlich im mediterranen Raum. Auch war er von 1949 bis 1952 an der Botschaft Ihrer Majestät in der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad stationiert, also in der Hochphase des Tito-Stalin-Konflikts. Glücklich war er über dieses Posting erkennbar nicht, und dies einerseits wegen starker Antipathien gegen seine südslawisch-kommunistische Umwelt, andererseits aufgrund ähnlich intensiver Abneigung gegen seine multinationalen diplomatischen Kollegen dort – siehe dazu seine auch ins Deutsche übersetzten sarkastischen Miniaturen mit dem Titel „Esprit de Corps“ von 1957. Dennoch hat er im selben Jahr seine zuvor bei Reisen in den Süden der jugoslawischen Teilrepublik Serbien gewonnenen Eindrücke in Form eines überaus fesselnden Politthrillers literarisiert, der beträchtliche zeithistorische, ethnologische, linguistische und regionale Kenntnisse belegt.

Die von der königstreuen jugoslawischen Exilregierung in London gesteuerten Reste der rechtsextremen Tschetnik-Bewegung des 1946 hingerichteten Draža Mihajlović‘ aus Weltkriegszeiten, jetzt als „Weiße Adler“ firmierend, haben in den Stollen eines verlassenen Steinbruchs nahe dem Berggipfel Jankov Kamen südwestlich des Klosters Studenica an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Fluss Ibar die umfangreichen Goldreserven der Staatsbank des Königreiches Jugoslawien entdeckt und sind dabei, diese mittels einer Maultierkarawane an die montenegrinische Küste zu transportieren, von wo der tonnenschwere Schatz mittels eines U-Bootes außer Landes gebracht werden soll. Da der bislang ahnungslose britische Geheimdienst aufgrund vager Informationen darüber, dass in der Region verstärkte Aktivitäten des jugoslawischen Militär zu verzeichnen sind, schickt er einen Agenten dort hin, der jedoch der Botschaft alsbald als Leiche überstellt wird – was als Tötung durch die Rebellen gedeutet wird. Denn im Falle einer Liquidierung durch den Titoschen Geheimdienst OZNA wäre die Sache sicher vertuscht worden.

Hier kommt der kurz vor der Pensionierung stehende sprachkundige britische Geheimdienstoffizier Oberst Methuen ins Spiel, den nostalgische Erinnerungen an idyllische Vorkriegs-Angelferien in just der fraglichen fischreichen Region dazu bewegen, den heiklen Auftrag zu einer neuerlichen Erkundungsmission, getarnt als serbischer Bauer, anzunehmen. Das Unternehmen der „Weißen Adler“ unter ihrem Anführer, dem Schwarzen Peter, scheitert zwar im Kugelhagel der Armee, doch gelingt es den Rebellen noch, den Schatz im (topographisch nicht auszumachenden) Schwarzen See zu versenken, so dass er nicht in kommunistische Hände fällt. Für Methuen gibt es ein deutlich besseres Happy End: Leicht verwundet schafft er es mit knapper Not zurück in die Botschaft, wo ihn medizinische Versorgung, ein heißes Bad, herzhaftes Essen, Rauchwaren und natürlich Whisky erwarten.

Ungeachtet ausschweifender Schilderungen von Flora und Fauna – Schlangen, Insekten und vor allem Fische – ist Durrells relativ kurzer, erkennbar im Frühjahr 1948 angesiedelter Spionageroman nicht nur extrem spannend, sondern auch geographisch überaus präzise. Entsprechend kann man das dramatische Geschehen auf jeder Karte der heutigen Republik Serbien en detail nachvollziehen – was ziemlichen Spaß macht.

Bibliografische Angaben

Lawrence Durrell: White Eagles over Serbia. London: Faber & Faber, 1957 (Paperback 2021)

Lawrence Durrell

White Eagles over Serbia

Lesetipp von Prof. Dr. Stefan Troebst, bis 2023 Mitglied des Fachbeirats Wissenschaft und bis 2021 Professor für Kulturstudien des östlichen Europa an der Universität Leipzig.
Lesetipp von Prof. Dr. Stefan Troebst mit dem Buch "White Eagles over Serbia" von Lawrence Durrell