Vor einigen Jahren. Ich bin mit vier Männern aus der ehemaligen DDR im Auto unterwegs. Eine Polizeistreife überholt uns. Einem der Männer entfährt spontan: „Haben wir etwas falsch gemacht? Wenn ich einen Polizisten sehe, steigt in mir immer noch Angst auf…“ Den drei Mitfahrern entfährt: Uns auch! Die Furcht vor den Volkspolizisten der DDR sitzt uns erwachsenen Männern noch im Nacken.
Autor Udo Baer bezeichnet diese Wirklichkeit mit dem Satz: „Die Seele bleibt in Alarmbereitschaft.“ Der Therapeut weiß, wovon er schreibt. Er floh mit seinen Eltern aus der DDR. Im Westen angekommen, weihen ihn die Eltern ein, dass sie nie mehr in die Heimat zurückkehren werden. Daraufhin fängt Udo an zu weinen. Die Mutter kontert den Gefühlsausbruch: „Hier wird nicht geweint. Das ist nicht so schlimm. Dafür gibt es im Westen Bananen!“
Ich hatte viele heitere, aber auch schmerzhafte Aha-Momente beim Lesen der Lektüre. Das Buch ist eine gründliche, kritische, aber auch wertschätzende Auseinandersetzung mit dem, was gut war, und dem, was nicht gut war in der DDR. Unter der Maxime „Zukunft braucht Herkunft“ beleuchtet der Autor die seelischen Folgen durch die autoritäre Erziehung, die Flucht ins Privatleben, das Leben in den Scheinwelten, die permanente Überwachung, den Anpassungsdruck oder die Angst als vertrauten Lebensbegleiter...
Und nicht nur die Vopos standen mir plötzlich wieder vor Augen. Auch die immerfort geschürte Kriegsangst und die damit verbunden Verheißung, nur die DDR sei die Insel der Glückseeligen entdeckte ich wieder. Ich hörte das glorifizierende Jammern aus der Verwandtschaft: „Früher war alles gut und heute ist alles schlecht.“ Baer stellt klar: Das gesellschaftliche System der DDR war darauf angelegt, dass es das Leben seiner Bürger mit der Existenz von Scheinwelt durchzogen. Er lässt Augenzeugen zu Wort kommen. „Jeder wusste, dass es doppelte Wahrheiten gab.“ Daheim guckte man – sofern man nicht im Tal der Ahnungslosen wohnte – Westfernsehen. Außerhalb der eigenen vier Wände spielte man die Rolle, des braven und unauffälligen Staatsbürgers. Dieses gelebte Paradox wurde bereits in der Kita gelehrt: Hier die Guten, dort die Bösen, hier die Freunde des Sozialismus, dort die Klassenfeinde, hier die Antifaschisten, dort im Westen die Nazis. Baer seziert auch das offizielle „Wir“. Das richtete sich in der DDR gegen das „Andere“. „Wir“, die Arbeiter und Bauern gegen die Feinde es Sozialismus. „Wir“ die Friedliebenden gegen die Faschisten und Kriegstreiber im Westen. Als das offizielle „DDR-Wir“ wegfiel, zerfiel auch das zweite „Wir“. Dieses lebte immer davon, sich gegen „die da oben“ zu wenden und zusammenzuhalten. In diesem Zusammenhang entmythologisiert er auch das „Wir-Gefühl“, den angeblichen Zusammenhalt, der nach der Wende verloren gegangenen sei. Ungeschminkt bezeichnet der Autor das „Wir-Gefühl“ als Notsolidarität. Das soziale Netz ersetzte schlicht den fehlenden Baumarkt und fragt heute: Wo gibt’s das beste Sonderangebot?
Udo Baer rechnet nicht ab, sondern zeigt klug, differenziert und nüchtern auf: Das DDR-Erbe hat sich tief in die Seele als auch ins Verhalten der Menschen eingegraben. Es war eine Trainingsstätte für Herzenseinsamkeit. Anhang von zahlreichen Menschen, mit denen er sprach, folgert er: Über das, was wirklich zählt, redete man nicht. DDR-Erziehung war keine Erziehung zur Freiheit und förderte in keiner Weise die Fähigkeit zu eigenem Denken und eigenständigem Handeln.
Udo Baer: DDR-Erbe in der Seele. Erfahrungen, die bis heute nachwirken. 235 Seiten. Beltz Verlag, 2020. ISBN: 978-3-407-86636-3