Die SED sah die DDR als atheistisch ausgerichteten Staat und das Verhältnis der Partei zu den christlichen Religionsgemeinschaften war vor allem von Ablehnung und Repression bestimmt. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Uwe Gerig, Bild 2213

Die Situation der Kirchen in der DDR

Die evangelische Kirche stellte zahlenmäßig die größte christliche Gruppe in der DDR dar. Die katholische Kirche war bedeutend kleiner und vorwiegend in einzelnen Regionen verwurzelt. Freikirchen und andere christliche Gemeinschaften machten nur rund ein Prozent der Christen in der DDR aus. Staat und Kirchen waren strikt getrennt. Als mitgliederstarke Institutionen, die einen gesellschaftlichen Widerpart zur SED und ihrem Anspruch auf Alleinherrschaft darstellten, waren vor allem die evangelischen Kirchen für die Partei eine bedeutsame weltanschauliche Konkurrenz. Zwar galt laut DDR-Verfassung Religionsfreiheit, aber der Staat übte politischen Druck auf die Religionsgemeinschaften und ihre Mitglieder aus und ließ sie streng überwachen. Die Kirchenpolitik der SED führte über die Jahre zu einer weitgehenden Säkularisierung der DDR. Waren 1949 gut neunzig Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer Kirche, lag deren Anteil 1988 bei nur noch knapp vierzig Prozent.

Die Kirchen in der Umbruchszeit 1989/90

Menschen zünden Kerzen an
In den Kirchen trafen sich vor allem in den 1980er-Jahren oppositionelle Friedens-, Umwelt- und Menschrechtsgruppen. Aus den ab 1982 in der Leipziger Nikolaikirche stattfindenden Friedensgebeten entwickelten sich im September 1989 die ‚Montagsdemonstrationen‘, die sich schnell von Leipzig über die gesamte DDR ausbreiteten und das Ende der SED-Herrschaft einläuteten. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Harald Hauswald - Ostkreuz, Bild 891104hh66

Dank ihrer institutionellen Autonomie wurden insbesondere die evangelischen Kirchgemeinden zu Freiräumen für politisch Andersdenke und boten in den 1980er-Jahren ein schützendes Dach für alternative (Sub-)Kulturen, gesellschaftlich Unangepasste und politische Oppositionsgruppen. Mitglieder der evangelischen Kirche waren nicht nur in verschiedenen oppositionellen Bereichen aktiv, sondern hatten auch vor 1989 in kirchlichen Zusammenhängen demokratische Verfahren und Mechanismen umgesetzt, weshalb sie im Zuge der zunehmenden Selbstdemokratisierung der DDR eine wichtige Rolle einnahmen. Viele Kirchenvertreter beteiligten sich ab Dezember 1989 an den Runden Tischen, die auf Druck der Oppositionsbewegung und nach polnischem Vorbild überall in der DDR entstanden, um die machthabende SED zu kontrollieren und die Demokratisierung des Landes voranzutreiben. Hier stellten evangelische und katholische Kirchen Räume zur Verfügung und ihre Vertreter moderierten viele der Gespräche zwischen Oppositionsbewegung und SED. Mit der Selbstdemokratisierung der DDR verbesserte sich auch die rechtliche Situation für religiöse Gruppen. Beispielsweise wurden Einschränkungen beim Druck und bei Lizenzen von kirchlichen Zeitschriften aufgehoben, erstmals konnten kirchliche Schulen in der DDR gegründet werden und christliche Religionsgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas wurden im Frühjahr 1990 durch den Staat offiziell anerkannt. Nach den ersten demokratischen Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 übernahmen frühere Kirchenvertreter als Politiker an vielen Stellen Verantwortung bei der Neugestaltung der DDR und dem Prozess der deutschen Einheit.

Joachim Gauck zwischen Aktenschränken mit einer Akte in der Hand
Kirchenvertreter übernehmen bei den Umbrüchen 1989, im Vereinigungsprozess, aber auch darüber hinaus im vereinten Deutschland politische Verantwortung. So wurde etwa der Rostocker Pfarrer und spätere Bundespräsident (2012-2017) Joachim Gauck am 3. Oktober 1990 "Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes" und ab 1991 dann “Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen“. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 93_1216_POL_Gauck_01

Transformationsprozesse der Kirchen im Zuge der deutschen Einheit

Die Kirchen mussten sich angesichts der politischen Umbrüche von 1989/1990 auf je eigene Weise an die neuen Gegebenheiten anpassen und ihre Gemeinden in Ost- und Westdeutschland zusammenführen. Vertreter der evangelischen Kirche hatten bereits Mitte Januar 1990 mit der „Loccumer Erklärung“ ihre Bereitschaft zur Wiedervereinigung der ost- und westdeutschen Landeskirchen unter dem Dach der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erklärt. Die jeweiligen Kirchenparlamente stimmten diesem Beschluss im Februar 1991 nahezu einstimmig zu, sodass die Wiederherstellung der Einheit der EKD zum 27. Juni 1991 vollzogen werden konnte. Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK), der seine Tätigkeit schon ein Jahr zuvor eingestellt hatte, löste sich im selben Jahr endgültig auf. Die EKD wuchs durch diesen Schritt von 16 auf 24 Landeskirchen mit insgesamt über 29 Millionen Mitgliedern. Bei der Erneuerung ihrer Strukturen erhielten die ostdeutschen Landeskirchen, vergleichbar zum Modell der ‚Partnerländer‘ auf staatlicher Ebene, Unterstützung von ihren westdeutschen Schwestergemeinden. An den letztlich bloß formellen Wiederbeitritt der ostdeutschen Landeskirchen zur EKD schlossen sich verschiedene innerkirchliche Diskussionen an. Von ostdeutscher Seite wurde insbesondere der Einzug der Kirchensteuer durch den Staat, ein staatlich organisierter Religionsunterricht sowie der Vertrag über die Militärseelsorge kritisch gesehen. Aus ihren DDR-Erfahrungen heraus wandten sich viele protestantische Kirchenvertreter im Osten ausdrücklich gegen ein als zu eng erachtetes Verhältnis von Staat und Kirche. Man sprach sich daher beispielsweise in Teilen für ein Festhalten an DDR-bedingten Besonderheiten wie Christenlehre oder Kirchengeld aus. In Folge dieser Debatten wurde eine Reihe vertraglicher Anpassungen sowie einzelne Sonderregelungen für die ostdeutschen Landeskirchen vereinbart. Auch die diakonische Arbeit in Ostdeutschland erweiterte sich beträchtlich. Die Diakonie übernahm viele vormals staatliche Einrichtungen sowie bundesdeutsche Rechtsgrundlagen für ihre Tätigkeit. Nach 1990 fand zudem weiterhin ein Finanztransfer von West nach Ost statt, der die Arbeit der ostdeutschen Landeskirchen gewährleistete.

Im Frühjahr 1990 tagten erstmals auch die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit der Berliner Bischofskonferenz, die seit 1976 als Versammlung der römisch-katholischen Bischöfe in der DDR bestand. Noch vor dem 3. Oktober 1990 wurde die Berliner Konferenz, die nur aufgrund der Bedingungen in der DDR existierte, aufgelöst und in die bestehende Deutsche Bischofskonferenz aufgenommen. Die katholische Kirche sah sich zudem vor der Herausforderung, ihre durch die deutsche Teilung politisch getrennten, aber kirchlich zusammengehörenden Bistümer Berlin, Osnabrück-Schwerin, Paderborn-Magdeburg, Fulda-Erfurt und Würzburg-Meiningen auch auf der Ebene der Gemeinden zusammenzuführen. Durch die staatliche Einheit Deutschlands rückte die Frage nach einer Neuordnung der Bistümer auf die kirchliche Tagesordnung. Zwischen 1991 und 1995 wurde deshalb die Aufteilung der Bistümer zwischen den Bundesländern und dem Heiligen Stuhl vertraglich neu geregelt. In Ostdeutschland wurden dabei die Bistümer Magdeburg, Erfurt-Meiningen und Görlitz errichtet. Das bischöfliche Amt in Schwerin wurde dem 1995 geschaffenen Bistum Hamburg zugeordnet. 

Für die kleinen Freikirchen stellte sich mit der staatlichen Vereinigung ebenfalls die Frage nach der Zusammenführung ihrer ost- und westdeutschen Kirchen. Sie mussten dabei – ihren individuellen Strukturen entsprechend – jeweils eigene Formen der Vereinigung finden. So wählte beispielsweise die evangelisch-methodistischen Kirche den Weg einer Reorganisation ihrer Strukturen in Deutschland, der Bund Freier evangelischer Gemeinden in der DDR entschied sich noch im Dezember 1990 zu einem Anschluss an sein westdeutsches Pendant; die baptistischen Gemeinden beschlossen wiederum eine Wiedervereinigung ihrer zwei Bundesleitungen zu einer gesamtdeutschen Leitung. Andere Freikirchen begannen erst nach 1990 mit der Gründung von Gemeinden in Ostdeutschland.

Der Leiter des Sekretariats, Dr. Dietrich Lehmberg (links) unterhält sich mit dem Mitglied der Enquete-Kommission, Martin-Michael Passauer (rechts)
Der Pfarrer und langjährige Generalsuperintendent von Berlin Martin-Michael Passauer (Mitte) arbeitete als sachverständiges Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit, die sich auch mit der Rolle der Kirche in der DDR beschäftigte. Hier zu sehen mit dem Sekretariatsleiter Dr. Dietrich Lehmberg (links) und dem Vorsitzenden der Enquete-Kommission Rainer Eppelmann (rechts) bei einer Sitzung im Dezember 1992. © Deutscher Bundestag/Werner Schüring

Die evangelische Kirche sah sich noch bis in die 2000er-Jahre mit teils heftigen Auseinandersetzungen über die Verstrickungen zwischen ihren Institutionen und Amtsträgern sowie dem Ministerium für Staatssicherheit in der SED-Diktatur konfrontiert. Die Aufarbeitung dieser Thematik umfasste neben der Auswertung der geheimdienstlichen Akten auch die Befragung der noch im Dienst befindlichen Mitarbeiter. Die katholische Kirche und die Freikirchen mussten sich ebenfalls mit Verbindungen zwischen ihren Amtsträgern und dem DDR-Geheimdienst auseinandersetzen. Die Bewertung dieser Tätigkeiten wurde inner- und außerhalb der Kirchen teils kontrovers diskutiert.

Die Veränderungen von 1989 stießen für die Kirchen in Ostdeutschland einen Prozess der Transformation an, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Vor allem die evangelische Kirche musste sich nach der Friedlichen Revolution mit dem Ende ihrer politischen Sprecher- und Stellvertreterrolle abfinden. Zugleich musste sie akzeptieren, dass ein massenweiser Eintritt von Kirchenmitgliedern und die Rückkehr zu früheren volkskirchlichen Strukturen, wie man sie von Kirchenseiten zum Teil erwartet und erhofft hatte, in Ostdeutschland nicht eintraten. Zwar wurden Kirchengebäude in Städten und auf dem Land häufig mithilfe breiter Unterstützung aus der Bevölkerung restauriert, aber die Repräsentanz der Kirchen im öffentlichen Raum entspricht nicht ihrer geschwundenen gesellschaftlichen Stellung. Darüber hinaus bleibt offen, wie sowohl mit den aus der SED-Diktatur resultierenden Prägungen als auch den weiterhin bestehenden Mentalitätsunterschieden zwischen Ost und West in der Kirche umgegangen wird.

Weitere Informationen und Materialien

Krichen in der DDR Schriftzug
Publikation

Maser, Peter: Kirchen in der DDR: Niemals voll in das Regime integriert. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und Bundesstiftung Aufarbeitung, 2013.

Im Namen des Herrn Ausschnitt klein
DVD

Michael Rauhut und Tom Franke: Im Namen des Herrn: Kirche, Pop und Sozialismus. Hrsg. von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, 2014. Laufzeit ca. 45 Minuten. Die DVD enthält zusätzlich zur Dokumentation didaktisches Arbeitsmaterial für den Schulunterricht.

 

fürchtet euch nicht schrift 2
Veranstaltungsmitschnitt

Veranstaltungsmitschnitt: ‘Fürchtet euch nicht’: Glaube im Sozialismus, 2014. Die Veranstaltung untersuchte das Spannungsverhältnis zwischen offiziell propagierter Glaubensfreiheit und staatlicher Religionsfeindlichkeit.

 

Youtube Passauer Thumbnail
Video-Interview

Video-Interview mit Martin-Michael Passauer: In diesem berichtet der langjährige Generalsuperintendent von Berlin über seine Mitarbeit in der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und über die Themenbereiche, die in der Berichterstattergruppe zu den Kirchen in der DDR, von dieser verhandelt wurden.

 

Enquete-Online Ausschnitt
Webportal

Webportal zur Arbeit der Enquete-Kommissionen.