Das Bildungssystem in der DDR

Das DDR-Bildungssystem war darauf ausgelegt, junge Menschen zu „allseitig und harmonisch entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Seit 1965 war das Bildungssystem einheitlich strukturiert. Langjährige Ministerin für Volksbildung war Margot Honecker. Die SED konnte auf allen Stufen des Bildungssystems – von der Kinderkrippe bis hin zur Hochschule – Inhalte, Aufbau und personelle Besetzungen bestimmen. Aufgrund der flächendeckenden Kinderbetreuung, des pädagogischen Studiums von Erzieherinnen und Lehrkräften sowie seiner angeblich ausgleichenden sozialen Funktion galt der SED-Führung das Bildungssystem als eine der größten Errungenschaften der DDR. Der postulierten Bildungsgerechtigkeit und den vorgeblichen sozialen Aufstiegschancen standen jedoch stets auch die Unterordnung des Wissenserwerbs unter die ideologische Erziehung sowie die staatliche Regulierung des Bildungszugangs gegenüber.

Dem Bildungssystem der DDR kam innerhalb des staatlich gesetzten Ziels der Entwicklung einer klas-senlosen, kommunistischen Gesellschaft eine zentrale Aufgabe zu.
Dem Bildungssystem der DDR kam innerhalb des staatlich gesetzten Ziels der Entwicklung einer klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft eine zentrale Aufgabe zu. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 79_0417_ERZ_Schule_01

Erste Veränderungen vom Herbst 1989 bis zur deutschen Einheit 1990

Prof. Hans-Joachim Meyer wurde nach der Volkskammerwahl 1990 Minister für Bildung und Wissenschaft in der letzten DDR-Regierung. Von 1990 bis 2002 war er Staatsminister für Wissenschaft und Kunst in Sachsen unter Ministerpräsident Kurt Biedenkopf.
© Bundesstiftung Aufarbeitung 2015

Für die Oppositions- und Bürgerrechtsgruppen waren Reformen des Bildungssystems zentraler Bestandteil ihrer Forderungen nach politischer und gesellschaftlicher Veränderung. Nachdem Margot Honecker im Oktober 1989 zurücktreten musste, setzte die Regierung unter Hans Modrow in einer ersten Änderung am 13. November 1989 die Fächer „Wehrunterricht“ und „Staatsbürgerkunde“ außer Kraft. Auch der Zentrale Runde Tisch beschäftigte sich im Dezember 1989 mit Initiativen und Ideen zur Umgestaltung des Bildungssystems und legte seine bildungspolitischen Vorstellungen noch im März 1990 kurz vor den bevorstehenden Wahlen der Volkskammer zur Diskussion vor.

Nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 wurde der Philologe Hans Joachim Meyer Minister für Bildung und Wissenschaft im Kabinett von Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Im Bildungswesens standen der letzten DDR-Regierung zahlreiche Aufgaben bevor: Sie musste den laufenden Lehr- und Unterrichtsbetrieb sichern, gleichzeitig Reformschritte initiieren, wo dies möglich war, und nicht zuletzt die Übergangsregelungen für die Zeit nach der Vereinigung erarbeiten. (Mehr über das Wirken der letzten DDR-Regierung erfahren Sie auf unserem Webportal „Aufbruch und Einheit“.) Ab Mai 1990 arbeitete das Ministerium in der „Gemeinsamen Bildungskommission“ mit Vertretern der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz (KMK) an der geplanten Zusammenführung der Bildungssysteme. Ergebnisse der Kommission flossen in den Einigungsvertrag Artikel 37 (Bildung) und Artikel 38 (Wissenschaft und Forschung) ein. Gewerkschaften und Lehrerverbände brachten ab Mitte des Jahres 1990 ebenfalls ihre Vorstellungen in den politischen Gestaltungsprozess des Schulwesens ein. Erstmals gab es 1990 in der DDR auch wieder Schulen und Kindergärten in freier Trägerschaft.

Die Transformation des Schulwesens nach der deutschen Einheit

Mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 ging auch die Bildungshoheit an die neu geschaffenen Länder über. Die jeweiligen Landesregierungen bestimmten nun die Neugestaltung des Bildungssystems. Hierbei erhielten sie Unterstützung durch die Länder-Partnerschaften mit den westlichen Bundesländern. Alle neuen Länder standen bezüglich der Gesetzgebungen unter Zeitdruck, da bis zum 30. Juni 1991 neue Rechtsvorschriften erlassen oder aber weitergeltendes DDR-Recht in Länderrecht überführt werden musste. In der ersten Hälfte des Jahres 1991 wurden neue Schulgesetze in den Parlamenten beraten und verabschiedet. Diese regelten die grundlegenden Bildungs- und Erziehungsziele. Sie hielten u.a. das Recht auf Bildung; den gleichen Zugang zur Schule unabhängig von der Herkunft und dem sozialen Hintergrund der Schüler; die Berücksichtigung individueller Lernvoraussetzungen, Fähigkeiten, Begabungen, Neigungen, körperlicher und geistiger Beeinträchtigungen sowie eine am Grundgesetz und den Landesverfassungen orientierte Vermittlung von Werten fest.

Englisch konnte seit 1990 als erste Fremdsprache gewählt werden, wofür sich fast 90% der Schüler beim Übergang in die Jahrgangsstufe 5 in jenem Jahr entschieden.
Englisch konnte seit 1990 als erste Fremdsprache gewählt werden, wofür sich fast 90% der Schüler beim Übergang in die Jahrgangsstufe 5 in jenem Jahr entschieden. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Ann-Christine Jansson, DDR Schulanfang Neues Fach Englisch 00900903

Die neuen Schulgesetze regelten zudem die verschiedenen Schularten, die an die Stelle der früheren Einheitsschule traten, sowie die erweiterten Mitbestimmungsrechte für Eltern, Lehrer und Schüler. Bei der Erneuerung des Schulwesens in Ostdeutschland handelte es sich nicht um einen reinen Institutionen-Transfer von West nach Ost. Vielmehr nutzten die ostdeutschen Bundesländer die im Rahmen des Föderalismus eingeräumten Möglichkeiten, um eigene Lösungen und Modelle umzusetzen oder als bewahrenswert eingeschätzte Elemente des DDR-Bildungssystems zu erhalten. Vor allem die Einführung der Gesamtschule stellte ein zentrales Konfliktthema in allen ostdeutschen Bundesländern dar. Nur Sachsen entschied sich dabei gegen die Übernahme dieser Schulform. Kontrovers wurde in der Öffentlichkeit auch die Einführung des Religionsunterrichts diskutiert. Sachsen und Thüringen übernahmen zudem aus der DDR das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe und waren hiermit die ersten Länder in der Bundesrepublik mit einer solchen Regelung. Lediglich die Abschaffung der Einheitsschule stellt ein verbindendes Merkmal der Schulreformen in allen ostdeutschen Bundesländern dar.

Bei der Planung des Schulnetzes nach 1990 griff man auf die vorhandene Gebäudesubstanz zurück, da nur geringe Mittel für Neubauten zur Verfügung standen. In den letzten 30 Jahren wurden aber zahlreiche Schulen saniert – wie beispielsweise hier in Cottbus.
Bei der Planung des Schulnetzes nach 1990 griff man auf die vorhandene Gebäudesubstanz zurück, da nur geringe Mittel für Neubauten zur Verfügung standen. In den letzten 30 Jahren wurden aber zahlreiche Schulen saniert – wie beispielsweise hier in Cottbus. © Trio3D - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, renoviertes Gebäude des Pückler-Gymnasiums in Cottbus.

Aufgrund strenger Haushaltsvorgaben verpflichteten sich die neuen Länder, Ausgaben im öffentlichen Dienst nachhaltig zu reduzieren. In Folge dessen musste auf bestehende Strukturen und vorhandenes Personal – vor allem in den Schulverwaltungen – zurückgegriffen oder sich mit Personalmangel arrangiert werden. Zusätzlich wurden zwischen 1991 und 1993 circa zwanzig Prozent der 1989 noch vorhandenen Stellen im Schulwesen abgebaut. Hinzu kamen Entlassungen aufgrund einer Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit. Auch bestand ein Überhang an Lehrern mit Profilen in den Fächern „Staatsbürgerkunde“, „Russisch“, „Technisches Zeichnen“, „Einführung in die sozialistische Produktion“ oder „Produktive Arbeit“, während es an Lehrkräften fehlte, die bspw. den hohen Bedarf an modernen Fremdsprachen, allen voran Englisch, bedienen konnten.

Zwar gab es insgesamt eine umfangreiche Reduzierung des Lehrpersonals, aber keine vollständige Erneuerung der Lehrerschaft: Anders als an den Hochschulen war das Schulwesen somit durchaus von personeller Kontinuität geprägt. Die Lehrkräfte, die schon vor 1989 im Schuldienst tätig gewesen waren oder ausgebildet wurden, standen in der Transformationsphase vor der Herausforderung, sich schnell mit den veränderten rechtlichen, strukturellen, organisatorischen und inhaltlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit vertraut zu machen und parallel den fortlaufenden Unterricht zu gewähren. Zudem mussten sie sich kritisch mit dem erlernten Wissen aus der DDR auseinandersetzen, um so auch eine innere Erneuerung des Schulwesens zu ermöglichen.

Angesichts des weitgehend reibungslos fortlaufenden Schulbetriebs während der Umbruchsjahre und der schnell zurückkehrenden Normalität an den Schulen, erscheinen die Herausforderungen der deutschen Einheit jedoch weitestgehend erfolgreich bewältigt. Es gelang in kurzer Zeit, sowohl grundlegende didaktische Erneuerungen umzusetzen, als auch vollständig neue Rahmenlehrpläne zu implementieren. Nichtsdestotrotz haben die ostdeutschen Bundesländer über die frühen 1990er-Jahre hinaus mit Nach- und Folgewirkungen der Transformationszeit sowie generellen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu kämpfen: sowohl der Geburtenrückgang als auch die negative Binnenmigration stellen das Bildungswesen in Ostdeutschland vor anhaltende Herausforderungen.

Weitere Informationen und Materialien

 

Ausstellung mit Zeitzeugen in der Gedenkstätte Geschlossener Jgendwerkhof Torgau

Heimerziehung in der DDR

In der DDR gab es mehr als 70 Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe, in denen die Heranwachsenden zu regimekonformen sog. "sozialistischen Persönlichkeiten" (um)erzogen werden sollten. Für viele Kinder und Jugendliche gehörten Zwang und Gewalt zum Alltag in diesen Einrichtungen. Ihr Leben war geprägt von Fremdbestimmung, Freiheitsbeschränkung, erzwungener Arbeit und entwürdigenden Strafen.