Verfolgt man die Debatte über die Wiedervereinigung Deutschlands 1990, dann fällt oft die Behauptung auf, es habe sich um eine „Übernahme“ der DDR durch die alte Bundesrepublik gehandelt, so Sascha-Ilko Kowalczuk in seinem gleichnamigen Buch.[i] Die sächsische Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping forderte: „Integriert doch erst mal uns!“ und landete mit ihrer gleichnamigen „Streitschrift“ einen Bestseller. „Niemand“ (gemeint war: kein Westdeutscher) habe „die Lebensgeschichten“ (gemeint: der Ostdeutschen) „gewürdigt“, schrieb sie.[ii] Die Schriftstellerin Daniela Dahn hält die Einheit nicht für eine „Erfolgsgeschichte“; dieses Bild sei „gekippt“. Sehr viele Ostdeutsche hätten „immer noch eine Doppelidentität. Sie fühlen sich halb als einstige DDR-Bürger und halb als Bundesbürger“.[iii]

Hinter diesen und vielen anderen ähnlichen Beschreibungen steckt die Ansicht, „die“ DDR-Bürger seien gegen ihren Willen oder zumindest ohne nach ihren Wünschen gefragt worden zu sein am 3. Oktober 1990 Teil des vereinigten Deutschlands geworden. Aber stimmt das?

Zum Wesen jeder Demokratie gehört die Mehrheitsentscheidung bei gleichzeitigem Respekt vor der Position der Minderheit. Da aber eine Vereinigung zweier Staaten nur vollzogen oder eben nicht vollzogen werden kann, ein „bisschen Einheit“ jedoch unmöglich ist, wird sich bei so einer Entscheidung immer eine mehr oder minder große Minderheit einstellen, die das Ergebnis ablehnt.

Eine Demokratie stellt die Mehrheitsverhältnisse zu bestimmten Fragen grundsätzlich per Abstimmung aller Wahlberechtigten fest. Weil aber so ein Verfahren aufwendig ist, kann es nur relativ selten umgesetzt werden. Zusätzlich gibt es das Instrument der repräsentativen Meinungsumfragen. Sie sind heute und waren schon 1990 so weit entwickelt, dass die Ergebnisse seriöser Institute mit statistischen Fehlerquoten von plus / minus 1,5 bis 2,5 Prozent als recht genau beschrieben werden können. Die kumulierte Fehlerquote von maximal drei bis fünf Prozent stellt nur bei ganz engen Entscheidungen einen nennenswerten Störfaktor dar.

Im Einheitsjahr 1990 stimmte die Bevölkerung der DDR zweimal vor und zweimal nach dem Stichtag über die Wiedrevereinigung ab. Bei der einzigen freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erzielte die Allianz für Deutschland, das Wahlbündnis für eine möglichst schnelle Vereinigung, 48 Prozent der Stimmen, die ähnlich eingestellten ostdeutschen Liberalen weitere 5,3 Prozent. Die SPD, die ebenfalls für die Einheit, aber in einem längeren Prozess, eintrat, kam auf knapp 22 Prozent, die gegen eine Vereinigung eingestellte SED/PDS 16,4 Prozent. Der Rest der Stimmen verteilte sich auf Kleinparteien. Drei Viertel der Wähler sprachen sich also für die Einheit aus; die Regierung um Lothar de Mazière ging mit Volldampf auf Kurs Wiedervereinigung. Dieses Ergebnis wurde in den Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 der Größenordnung nach bestätigt: Wieder wurden die Parteien der Allianz für Deutschland mit landesweit 35 Prozent am stärksten, hinzu kamen die Liberalen mit nun sogar 7,3 Prozent. Die SPD hielt ihr Ergebnis, die PDS verlor leicht. Die dritte Wahl fand am 14. Oktober 1990 statt, elf Tage nach dem Vollzug der staatlichen Wiedervereinigung. Die CDU errang teilweise zusammen mit der FDP in vier der fünf neuen Bundesländern die klare Mehrheit, die Einheitsgegner der PDS verloren leicht. Ein ähnliches Ergebnis brachte die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990.

Bei vier freien, gleichen und geheimen Abstimmungen entschied sich also jeweils die deutliche Mehrheit der Wähler für die Wiedervereinigung, wie sie von Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Lothar de Mazière vorangetrieben wurde.

Repräsentative Umfragen aus demselben Jahr zeigten ein ähnliches Bild. Im März 1990 gaben demnach 91 Prozent der Ostdeutschen an, „sehr erfreut“ oder zumindest“ erfreut“ über die „Herstellung der deutschen Einheit“ zu sein.[iv] Anfang August ermittelte das Meinungsforschungsinstituts Forsa repräsentativ, dass 88 Prozent der DDR-Bevölkerung für den Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten seien (und 71 Prozent der Bewohner der bisherigen Bundesrepublik).[v]

Allerdings ergaben zugleich verschiedene Erhebungen, dass das Tempo der Vereinigung als zu hoch angesehen wurde. Das Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR ermittelte zum Beispiel in der zweiten Junihälfte 1990, dass zwar 84 Prozent für die Vereinigung seien, aber 55 Prozent den Vorgang zu schnell fänden.[vi]

Den Ostdeutschen wurde also die Einheit nicht „übergestülpt“, sie haben im Gegenteil mehrfach mit teilweise großen Mehrheiten dafür gestimmt. Allerdings hätten die meisten die Wiedervereinigung lieber ohne deren Probleme bekommen. Das jedoch war ebenso wenig möglich wie „ein bisschen“ Einheit.

 

[i] Sascha-Ilko Kowalczuk: Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. München 2019.

[ii] Petra Köpping: „Integriert doch erst mal uns!“ Eine Streitschrift für den Osten. Berlin 2018, S. 180.

[iii] Daniele Dahn: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung. Reinbek 2019, S. 15f.

[iv] Everhard Holtmann u.a.: Deutschland 2014. 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit – Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Berlin 2015, S. 102.

[v] WELT v. 15. August 1990, S. 4.

[vi] Hamburger Abendblatt v. 2. Juli 1990, S. 3.

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