Bis heute sorgen die Erfolge des DDR-Sports für erbitterte Debatten, das Erbe des realsozialistischen „Sportwunderlandes“ zählt zu den umstrittensten Feldern der DDR-Forschung, der öffentlichen Erinnerung und medialer Darstellungen. In der Tat könnten die Pole der Bewertung des Leistungssportsystems des zweiten deutschen Staates kaum weiter auseinanderliegen: Während der Sport einer der wenigen Bereiche war, in denen die Bundesrepublik sich seit 1990 anschickte, von der untergegangenen Diktatur „zu lernen“, wurde gegen Verantwortliche des ehemaligen DDR-Staatssports durch die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) ermittelt und schließlich zum ersten und einzigen Mal eine kommunistische Sportführung vor Gericht abgeurteilt. Wie kann dieses Aushängeschild des SED-Staats historisch sachgerecht eingeordnet werden?
Für das Verständnis der Mechanismen dieses Erfolgsmodells ist eine Kenntnis seiner grundlegenden Strukturen unverzichtbar. Anders als in der Bundesrepublik, in der autonome Vereine die Basis des Breiten- und Spitzensports bilden, war in der DDR das bürgerliche Vereinswesen generell verboten worden. Und so wurde zwar im zweiten deutschen Staat ebenso gekickt und geschwommen, allerdings bildeten nicht Vereine, sondern Betriebssportgemeinschaften den Nukleus des Breitensports in der DDR. Die sportliche Ertüchtigung der Bürger und Bürgerinnen genoss in der DDR einen hohen Stellenwert – so gab Walter Ulbricht schon 1959 den Leitsatz aus: „Jeder Mann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport“. Die Betriebsportgruppen bildeten einen wichtigen Baustein des sozialen Lebens in der DDR. Zudem beteiligte sich der Nachwuchs der Regionen regelmäßig an sogenannten Kinder- und Jugendspartakiaden, die als Volksfeste auch von der lokalen Bevölkerung und in den Medien gefeiert wurden, und zugleich als Rekrutierungsprogramm für den Leistungssport dienten. Betriebssportgemeinschaften und Sportclubs waren mit der staatlichen Industrie und Verwaltung verknüpft, oder als sogenannter „nicht-ziviler“ Sport von Armee (Armeesportgemeinschaft Vorwärts) und Staatssicherheit (Dynamo) getragen, zudem parteilich durch die SED gelenkt. Mit dieser Struktur folgte man dem Beispiel der Sowjetunion. Gleichzeitig hatte die SED-Führung damit die Möglichkeit, den Sport strikt auf Effizienz hin zu modellieren. Seit 1969 wurde der DDR-Sport zweigeteilt – Ressourcen gingen bevorzugt nur noch in „medaillenintensive“ Sportarten wie Leichtathletik, Rudern und Schwimmen – sämtliche Disziplinen, in denen ein Athlet mehrere Auszeichnungen erringen konnte. Andere, kostenintensive Sportarten, die nur eine Medaille erbrachten – wie Eishockey oder Basketball – wurden zu Sport 2 herabgestuft. Diese Entscheidung hatte mitunter gravierende Konsequenzen: sie umfasste das Verbot, zu internationalen Wettkämpfen zu fahren und sich für Olympia zu qualifizieren. Ganze Sportgemeinschaften wurden aufgelöst – im Eishockey blieben schließlich nur zwei Clubs übrig. Ihr Überleben verdankten sie dem Minister für Staatssicherheit und zugleich Chef von Dynamo Erich Mielke: Zwei seiner Teams – Dynamo Weißwasser und Dynamo Berlin –traten fortan zur Erbauung des Eishockeyfans Mielke in der kleinsten Liga der Welt weiter gegeneinander an. Ehemals aktive Eishockeyspieler wurden zu medaillenintensiven Eisschnellläufern „umgeschult“.
Eine frühe Talentsichtung sorgte zudem dafür, dass in der kleinen DDR kein Potential durchs Netz rutschte: Schulkinder wurden im Rahmen der „Einheitlichen Sichtung und Auswahl“ gewogen und vermessen, um ihre Eignung für bestimmte Sportarten zu prognostizieren. Maßgeblichen Anteil hatten auch die Kinder- und Jugendsportschulen: Sie funktionierten als Kaderschmieden, da sie mit dem Prinzip der Schulzeiterstreckung eine optimale Anpassung des Unterrichts auf die zeitlichen Bedürfnisse des sportlichen Trainings ihrer Schüler und Schülerinnen herstellten. Nicht zu vergessen ist auch ein weiterer, basaler Unterschied zwischen bundesdeutschem Spitzensport und DDR-Staatssport: denn letzterer zeichnete sich durch ein enormes Maß an Hauptamtlichkeit aus. Der Sportappart umfasste in den 1980er Jahren mehr als 20.000 Beschäftigte, davon 10.000 Trainer, die sich gemeinsam mit Betreuern und Sportmedizinern dem sportlichen Fortkommen der Aktiven widmeten.
Der Spitzensport, insbesondere die olympische Arena, diente seit 1945 nicht nur der nationalen Selbstdarstellung, sondern war auch eine Bühne des Systemkonflikts. Der Kampf um Meter und Sekunden war ein Stellvertreterkrieg zwischen Kommunismus und freier Welt. Dieser Konflikt erfuhr im Fall der DDR und Bundesrepublik eine besondere Zuspitzung, da die beiden Staaten zugleich darum wetteiferten, „das bessere Deutschland“ zu repräsentieren. Der Status der DDR als selbständiger Staat wurde von der Bundesrepublik offensiv in Frage gestellt – auch deshalb versuchte das SED-Regime, sich besonders im Sport als eigenständige Macht zu etablieren. Zwar wurden die beiden Teams in drei olympischen Jahren – 1956, 1960 und 1964 – auf Geheiß des IOC noch in einer „gesamtdeutschen Mannschaft“ zusammengespannt. Doch war dies eine sehr unglückliche sportliche Ehe, da die DDR zur Abgrenzung von den westdeutschen Sportkameraden aufrief und insbesondere nach dem Mauerbau 1961 ein harmonisches Miteinander zur Illusion wurde. Bereits in diesen Jahren gelang es der DDR, sukzessive mehr Teammitglieder zu stellen, bis man 1964 sogar das Gros der gesamtdeutschen Delegation bildete. Der Siegeszug des DDR-Sports begann, nachdem die Medaillen getrennt abgerechnet wurden: Seit den Sommerspielen von Mexiko-City 1968 gelang es dem kleinen Staat mit 17 Millionen Einwohnern, das bundesdeutsche Aufgebot bei sämtlichen olympischen Kräftemessen zu schlagen – bei Sommer- wie Winterspielen. Und mehr noch: 1976, bei den Sommerspielen in Montreal, erreichte die DDR den zweiten Platz und hängte damit sogar die Sportsupermacht USA ab. Und im Jahr 1984, als die DDR erstmals den ersten Rang in der Medaillenbilanz erklomm, hatte sie damit auch den „großen Bruder“, die Sowjetunion, überholt – was der Hegemonialmacht allerdings nicht gefiel, denn ihre Dominanz im sozialistischen Lager sollte nicht in Frage gestellt werden. Auch wenn die Sportführung der DDR olympiafixiert blieb, war die große Politik auch bei anderen Wettbewerben präsent: Legendär ist das Aufeinandertreffen der beiden deutschen Fußballnationalmannschaften bei der WM 1974, als die im Fußballsport im Vergleich zur Bundesrepublik deutlich weniger erfolgreiche DDR-Mannschaft einen Überraschungssieg im Hamburger Volksparkstadion davontrug. Und ebenso war die Friedensfahrt – das sozialistische Amateur-Pendant zur Tour de France der Profi-Radsportler – ein magischer Anziehungspunkt für viele DDR-Radsportanhänger. Gustav Adolf „Täve“ Schur schrieb hier nicht nur mit seinen Leistungen Sportgeschichte, sondern wurde in der sozialistischen Meistererzählung zum Held des Kollektivs und damit Sinnbild der DDR stilisiert.
Dass Sport mit Politik aufgeladen ist, gilt überall auf der Welt, aber selten waren Sportwettkämpfe derart ideologisch aufgerüstet wie in der Zeit des Kalten Krieges und insbesondere in der Weltanschauung der DDR. Es bestehe kein Unterschied mehr zwischen „Soldaten“ und „Sportlern“, lautete eine Anweisung der politischen Führung im Vorfeld der Spiele von München 1972, die eigenen Athleten müssten den bundesdeutschen Sportlern nicht nur mit Abgrenzung, sondern mit „Hass“ begegnen. In ideologischen Vorbereitungen, von den Aktiven spöttisch als „Rotlichtbestrahlung“ bezeichnet, erhielten die DDR-Teams präzise politische Einweisungen: kein Kontakt zu den westdeutschen Sportlern, keine ungenehmigten Presse-Interviews, eine klare Haltung zum Sozialismus – denn sie seien „Diplomaten im Trainingsanzug“. Es blieb nicht bei solchen Appellen, denn der SED-Staat breitete seit Ende der 1960er Jahre ein engmaschiges Überwachungsnetz über seine Sportler und Sportlerinnen aus. Hintergrund war das zentrale Trauma der DDR-Führung: die „Republikflucht“ – ein massenhaftes Phänomen der 1950er Jahre, das zum Mauerbau geführt hatte. Auch in dieser Zeit waren bereits Leistungssportler geflohen: Der Seitenwechsel eines sozialistischen Sportidols war nicht nur ein Imageschaden für die DDR, zudem drohte sich das abtrünnige Talent sportlich in den Dienst des „Klassenfeindes“ zu stellen. Um dies zu verhindern, durchsetzte das SED-Regime den Spitzensport mit „Inoffiziellen Mitarbeitern“ des Ministeriums für Staatssicherheit. Athleten und Trainer wurden auf ihre Sportkameraden angesetzt – von denen viele entsetzt waren, als sie nach dem Mauerfall in ihre „Opfer-Akten“ blickten und erkannten, welche Vertrauensverhältnisse ausgenutzt worden waren, welche intimen Details die Stasi ausgekundschaftet hatte. Selbst Minderjährige an den Kinder- und Jugendsportschulen wurden durchleuchtet. Dreh- und Angelpunkt der geheimdienstlichen Recherchen war die Frage, ob „Westkontakte“ vorhanden waren und es Anzeichen gab, dass sich der Ausgespähte in den Westen absetzen würde. Familiäre Bindungen nach Westdeutschland waren politisch unerwünscht, Sportler wurden aufgefordert, sich von ihren Verwandten jenseits der Mauer loszusagen, andernfalls drohten „kaderpolitische Bedenken“ und damit die „Ausdelegierung“, also das abrupte Karriere-Ende. Die Ideologisierung machte sich selbst im Trendsport bemerkbar, der seit den 1970er Jahren auch in die DDR schwappte: So war insbesondere bei Frauen und Mädchen Aerobic sehr beliebt, musste jedoch aufgrund der US-amerikanischen Herkunft als „Popgymnastik“ bezeichnet werden. Aus ähnlichen Gründen firmierte Windsurfing als „Brettsegeln“. Der beliebte Freizeitsport zog zudem staatliche Sicherheitsbedenken auf sich, da die Surfbretter, häufig Marke Eigenbau, nicht zur Flucht über die Ostsee genutzt werden sollten – daher blieb die Praxis nur auf Binnengewässern der DDR erlaubt. Seit 1973 fand zudem der GutsMuths-Gedenklauf am Rennsteig statt. Die Massenorganisation des Sports, der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), verfolgte das Geschehen zwar mit Skepsis, da es nicht staatlich, sondern ehrenamtlich organisiert war, dennoch setzte die beliebte Veranstaltung sich durch und bald Hunderte in Bewegung.
Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen glückte in allen Dekaden der DDR einzelnen Athletinnen und Athleten immer wieder die Flucht. Die häufig gefährlichen Umstände lassen erkennen, wie ernst es den Fluchtwilligen war, die DDR hinter sich zu lassen: Axel Mitbauer nutzte 1969 seine eigene Sportart, um dem SED-Staat zu entkommen, als der Langstreckenschwimmer 20 km von Boltenhagen durch die Ostsee Richtung Lübeck zurücklegte; Weltrekordler Jürgen May versteckte sich 1967 in der Karosserie eines Cadillacs, um unbemerkt die Grenze zu passieren, die Olympia-Zweite von 1972 Renate Vogel bestieg 1979 unter falscher Identität ein Flugzeug von Budapest nach München, Schwimm-Superstar und mehrfache Goldsiegerin Kornelia Ender blieb mit Mann und Kindern noch 1989 in den Fängen der ungarischen Grenzer hängen – ihr eigener Vater hatte ihren Fluchtplan zuvor den DDR-Sicherheitsorganen gemeldet. Auch im Fußball gab es Abgänge: Denn zwar war Jürgen Sparwasser nicht mehr Nationalspieler, dennoch war es für den SED-Staat peinlich, als sich der Schütze, der den legendären 1:0 Treffer beim deutsch-deutschen Duell in Hamburg bei der Fußball WM 1974 erzielt hatte, im Jahr 1988 nach einem Altherrenturnier in Saarbrücken entschied, in der Bundesrepublik zu bleiben. Und bis heute ist es eine offene Frage, ob den Fußballer Lutz Eigendorf seine Flucht das Leben kostete: Denn als Angehöriger des BFC Dynamo, dessen Ehrenvorsitz Erich Mielke innehatte, wurde von ihm eine besondere Loyalität verlangt. Sein Unfall-Tod vier Jahre nach der Flucht weist Spuren auf, die zum MfS führen – bewiesen werden konnte ein Zusammenhang nie. Doch die Rache des Staates traf alle Geflüchteten: ihre Bilder wurden aus Mannschaftsfotos retuschiert, ihre in der DDR verbliebenen Angehörigen ausspioniert und schikaniert.
Doch die Härte des Kalten Krieges wirkte sich nicht allein auf die Sportlerbiografien aus. Auch die Wettkämpfe selbst standen im Zeichen des Ost-West-Konflikts. Am augenfälligsten spiegelte sich dies bei den Olympischen Spielen der 1980er Jahre. Und trotz aller Systemunterschiede gerieten hier der bundesdeutsche Sport ebenso wie die DDR-Sportführung unfreiwillig in das Fahrwasser der großen Politik. Denn Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte lange gezögert, den Boykottaufruf gegen Moskau 1980, zu dem US-Präsident Jimmy Carter nach dem Einmarsch der Sowjettruppen in Afghanistan aufgerufen hatte, Folge zu leisten. Doch als der Bundestag pro Boykott votierte, wagte es das bundesdeutsche NOK nicht, sich mehrheitlich anders zu entscheiden. Der organisierte Sport war damals zerrissenen: Manche Verbände warben für, andere gegen einen Boykott – der Sprecher der Athleten sprach sich vehement dagegen aus. Das war damals Thomas Bach, der gerne seine Fechtmedaille von 1976 in Moskau verteidigt hätte – auch als späterer IOC-Präsident sprach er sich stets gegen einen Boykott von Spielen aus, da das „Fernbleiben von Moskau“ nichts bewirkt habe. Dass sich die Sowjetunion dann 1984 für einen Gegenboykott von Los Angeles entschied, wurde lange Zeit als Retourkutsche gedeutet – doch zeigen neuere Forschungen, dass sich die Sowjetführung in einer Mischung aus Sorge vor dem sportlichen Versagen – 1984 im Winter war sie erstmals von der DDR überholt worden – und ernster Bedenken, das Team könne keine sozialistische Disziplin an den Tag legen, es sogar zu Fluchtversuchen kommen – in Verschwörungsszenarien und ein Bedrohungsgefühl hineinsteigerte, das schließlich handlungsrelevant für die Absage wurde. Während die Sowjets Gefangene ihres klassenkämpferischen Weltbildes waren, blieb die DDR gefangen in der politischen Gefolgschaft gegenüber der Hegemonialmacht. So musste das NOK der DDR – obgleich in der Theorie unabhängig – den Spielen ebenfalls fernbleiben, obgleich dies weder der politischen noch der Sportführung zupass kam: Denn mit dem Boykott von Los Angeles brach eine zentrale Plattform der staatlichen Selbstdarstellung und des Prestigegewinns weg. Der „erzwungene“ Boykott durch die DDR war zudem nicht das einzige Spannungsfeld mit der Sowjetunion: Auch auf dem Feld des Dopings, auf dem sich die sozialistischen Staaten bei internationalen Dopingkontrollen bislang gegenseitig gedeckt und positive Befunde verschwiegen hatten, bröckelte die Solidarität.
Das Dopingsystem der DDR bestimmt bis heute das Bild des DDR-Sports. Der SED-Staat feierte seine größten Erfolge in einer sportlichen Ära, in der die Akteure im internationalen Spitzensport immer stärker zu leistungssteigernden Mitteln griffen. Die 1970er und 1980er Jahre stellten die Hochphase des Anabolikadopings in Ost wie West dar. Bereits 1968 warnte die Leichtathletin Brigitte Berendonk angesichts der hormonalen Muskelmast bei den Spielen in Mexiko-City in einem Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit: „Züchten wir Monstren?“
Doch bei der Bewertung des Dopings in der DDR steht nicht allein der Sportbetrug an sich im Zentrum – obgleich auch dieser eine Verfehlung darstellt, die dem öffentlich kommunizierten Selbstbild der DDR zuwiderlief. Maßgeblich ist vielmehr die Verklammerung von Sport, Doping und Diktatur – also die repressive Seite, die Dopingkonsum in der DDR nicht selten zu einer Form von „Zwangsdoping“ ausarten ließen.
Einige der Methoden des Zwangsdopings sind mittlerweile sehr gut erforscht und dokumentiert: Da ist zunächst die Anordnung des Dopingprogramms in einem „Staatsplanthema 14.25“ durch das Zentralkomitee der SED im Jahr 1974 und dessen repressive Absicherung durch die Staatssicherheit. Zudem war die Irreführung von Athleten verbreitet: So wurden Minderjährige grundsätzlich über die Vergabe von Hormonen getäuscht – es handele sich um Vitamine, lautete die Legende. Zusätzlich störte das System das Vertrauens- und Kommunikationsverhältnis zwischen Eltern und Kindern: Die minderjährigen Athleten wurden angewiesen, ihren Eltern nichts über die Pillenvergaben zu berichten. Erkundigten sich besorgte Mütter und Väter, die körperliche Veränderungen bei ihrem Nachwuchs feststellten, dennoch nach den Ursachen, erging häufig die Drohung, bei weiteren Nachfragen das Sporttalent auszudelegieren – zuweilen wurden Eltern auch informiert, zugleich jedoch mit einer Schweigeverpflichtung belegt – also zu Komplizen des Dopingbetrugs gemacht. Viele junge Athleten, die überwiegend im Internat lebten, waren damit im wahrsten Sinn des Wortes „mutterseelenallein“, wenn sie die Wirkung und Nebenwirkungen des Dopings feststellten. Im Weigerungsfall erfolgten Überredungen oder sogar Drohungen, etwa, man dürfe das Abitur nicht ablegen, wenn man sich nicht fügte. Hier wird erkennbar, wie fatal es für die Betroffenen war, dass der SED-Staat potentiell verschiedene Bereiche ihres Lebens kontrollierte – Sport und Bildung in diesem Fall – und dass über die SED-Lenkung diese Bereiche miteinander verknüpft waren. Anderen, die sich weigerten, wie einigen Skisportlerinnen und Ruderinnen, sollten die Präparate heimlich in Getränke gemischt werden. Erschwerend trat hinzu, dass es in der parteigelenkten Öffentlichkeit der DDR nur begrenzte Möglichkeiten gab, sich selbst über Präparate und ihre Wirkung zu informieren. Eine offene gesellschaftliche Debatte darüber, was Doping ist und ob es erlaubt sein sollte – wie sie in den 1970er und 1980er Jahren etwa in bundesdeutschen Medien geführt wurde – konnte in der DDR ohnehin nicht stattfinden. Sportler mit schweren Gesundheitsschäden, wie das Wachsen von Brüsten bei Gewichthebern, wurden in Kliniken versteckt und die Symptome der Nebenwirkungen operativ entfernt. Die Berichte des wichtigsten Sportmediziners der DDR, Manfred Höppner, die er der Staatssicherheit als IM „Technik“ lieferte, enthalten zahlreiche Berichte über die „verheerenden Auswirkungen“ insbesondere bei jungen Mädchen. Doch glaubte die Sportführung, um den Erfolg bei Wettkämpfen zu sichern, auf die Dopingvergabe nicht verzichten zu können. Und mehr noch: Das System radikalisierte sich, da Trainer in der Hoffnung auf Prämien höhere Dosierungen einforderten, und die Ärzte als „Erfüllungsgehilfen“, wie ein Verbandsarzt sein Agieren später selbstkritisch einordnete, diesem Drängen allzu oft nachkamen.
Die Folgen des Mauerfall 1989 waren für den DDR-Sport gravierend: Viele Spitzensportler, vor allem Fußballer, nutzten nun die Chance eines legalen Wechsels zu einem bundesdeutschen Club. Vor allem aber brach die Organisation des Staatssports zusammen. Auf dem Weg in die deutsche Einheit passte sich der Spitzensport den Strukturen der Bundesrepublik an. Die Betriebssportgemeinschaften und Sportclubs erfuhren eine Umgründung zu bürgerlichen Sportvereinen, hierbei häufig unterstützt durch Aufbauhilfe der westlichen Landessportbünde, die Blaupausen für Satzungen bereitstellten. Manchen Vereinen glückte der Neuanfang, andere scheiterten an Unerfahrenheit, am Druck zur Kommerzialisierung wie im Fußball, oder an den häufig ungeklärten Eigentumsverhältnissen von Liegenschaften und Sportplätzen. Zudem wurde die andere Seite der Medaille des DDR-Erfolgs sichtbar: Denn zahlreiche Anlagen für den Breitensport befanden sich in einem maroden Zustand, es fehlten Heizungen und Sanitäranlagen, zudem waren viele Sportstätten allein auf die Bedürfnisse des Spitzensports ausgelegt. Eine Studie des DSB konstatierte 1992, dass nur 11,3 Prozent der Sportplätze, 10,6 Prozent der Turnhallen, 17,5 Prozent der Hallen und 8,6 Prozent der Freibäder in einem gebrauchsfähigen Zustand seien. Im Jahr 1998 setzte der DSB den „Goldenen Plan Ost“ auf, mit dem über Jahre Investitionen in die Sportstättenlandschaft der neuen Bundesländer flossen.
Der organisierte bundesdeutsche Sport sah hingegen im Spitzenbereich die einmalige Chance, das Potential der ehemaligen DDR-Sportler und ihrer Trainer für den künftigen Medaillenglanz zu nutzen: Und tatsächlich gelang es dem nun vereinten deutschen Sport bei den Winterspielen von Albertville 1992 zum ersten und einzigen Mal, sich auf Rang 1 der Medaillenliste zu setzen. Im gleichen Monat öffneten sich allerdings zugleich erstmals die Türen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen für die Akteneinsicht von Betroffenen und Medien, so dass bereits die Wettkämpfe von Albertville vom Schatten der Enthüllungen über Stasiverstrickungen überschattet wurden. Der Eifer, mit dem die SED Angehörige ihres Sportapparats zu Spitzeln verführt oder gepresst hatte, lastete nun als Makel auf vielen Aktiven und Trainern.
Das „Sportwunderland DDR“ und seine Erfolgsbilanzen ließen – so musste der bundesdeutsche Sport erkennen – nicht wie erhofft imitieren, da seine staatlichen ebenso wie repressiven Strukturen nicht mit dem bundesdeutschen System vereinbar waren. Eine Ausnahme bildeten die Kinder- und Jugendsportschulen, deren Prinzipien wie etwa die Methode der „Schulzeitstreckung“ in den Eliteschulen des Sports in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Renaissance erlebten. Zudem entbrannte in den 1990er Jahren ein Streit, ob und wie doping- und stasibelastete Trainer der DDR im vereinten Sport Anstellung finden konnten und sollten. Manche DDR-Trainer wichen angesichts der Vorwürfe ins Ausland aus und machten Karriere in Australien, in Österreich oder der Schweiz. Der Molekularbiologe und Anti-Doping-Aktivist Professor Werner Franke aus Heidelberg, Ehemann der Leichtathletin Brigitte Berendonk, die schon 1968 vor Doping gewarnt hatte, erstattete schließlich Strafanzeige gegen Verantwortliche des DDR-Dopings aufgrund von „Körperverletzung“. Die daraufhin anrollenden Doping-Prozesse erregten große mediale Aufmerksamkeit, wurden jedoch sogleich politisch instrumentalisiert: Hier werde „Siegerjustiz“ geübt, weil die DDR im Sport besser gewesen sei, behauptete Egon Krenz. Tatsächlich wurde nichts juristisch verfolgt, was nicht auch zu DDR-Zeiten strafbar gewesen wäre: ausdrücklich waren die Richter gehalten, die Tatbestände nach DDR- und bundesdeutschem Strafrecht zu bewerten und das jeweils „mildere“ Recht anzuwenden. Verurteilte Funktionäre wie Sportchef Manfred Ewald und Sportmediziner Manfred Höppner und andere profitierten somit davon, dass sie nach bundesdeutschem Recht nur wegen „Beihilfe“ zur Körperverletzung verurteilt werden konnten. Aufgrund der anstehenden Verjährung im Jahr 2000 konnte allerdings nur in ausgewählten Sportarten ermittelt werden. Die Aussagen der Aktiven und der Ärzte, Trainer und Funktionäre vor der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) sind von bleibendem historischen Wert, da hier dokumentiert ist, wie die Sportlerinnen und Sportler das Dopingsystem erlebten, wo sie freiwillig einwilligten und wann nicht, und wie sich die Verantwortungsträger für ihre Entscheidungen im Nachhinein rechtfertigten. Die zahlreichen Details helfen zu verstehen, wie eine Sportdiktatur funktionierte.
Spät im Vergleich zu anderen Betroffenen des SED-Unrechts organisierten sich die Doping-Opfer – denn auf den ersten Blick waren doch die Sportler und Sportlerinnen vor allem privilegierte Botschafter des Sozialismus und Aushängeschilder des Systems gewesen. Dass und wie auch sie instrumentalisiert und zum Teil missbraucht und geschädigt wurden, gelangte nur langsam ins öffentliche Bewusstsein – hierzu hat der seit 1999 engagierte Doping-Opfer-Hilfeverein entscheidend beigetragen. Andreas Krieger, ein Nebenkläger bei den Doping-Prozessen, widmete seine Goldmedaille im Kugelstoßen bei der Leichtathletik-EM 1986 als Anti-Doping-Preis dem Verein – damit hat nicht nur der Sport, sondern auch die Organisation seiner kritischen Aufarbeitung ihr eigenes Erinnerungszeichen hervorgebracht. Zwei Leichtathletinnen, Ines Geipel und später auch Gesine Walther, ließen zudem ihre Namen aus mit Dopingmitteln errungenen Bestmarken streichen – ebenfalls ein starkes Signal, das den Wertehimmel des organisierten Sports irritierte.
Andere Bereiche der Erinnerungskultur bleiben umstritten: So fanden einzelne Sportlerinnen und Sportler aus der DDR erst mit Verzögerung einen Platz in der seit 2006 existierenden Hall of Fame des deutschen Sports. Doping- und Stasi-Vorwürfe sorgten auch hier für Diskussionen. Vor allem aber blieb eines der größten Idole des DDR-Sports, der Radsportler „Täve“ Schur, bis heute außen vor – zweimal scheiterten Aufnahmeverfahren. Offiziell wurde über die Gründe nichts bekannt, doch gilt seine apologetische Haltung zur DDR als ein möglicher Faktor. Die Entscheidung zog Kritik auf sich mit dem Vorwurf, hier werde ein Teil der ostdeutschen sporthistorischen Erinnerung marginalisiert.
Die Diskussion um die Hall of Fame berührt eine grundlegende Frage, die den Sport im gesamten 20. Jahrhundert begleitet hat und in der Bewertung des DDR-Sports kulminiert: Kann eine sportliche Leistung gewürdigt werden, ohne die Rahmenbedingungen ihrer Produktion zu berücksichtigen, ihre politische Instrumentalisierung in Rechnung zu stellen und die Persönlichkeiten und das Weltbild der Athleten und Gestalter des Sports anzusehen? Dies sind Kernfragen, die auch für die Sportpolitik im 21. Jahrhundert relevant bleiben.