Bitterfeld. Der Elektromonteur Paul Othma (1905–1969) aus Sandersdorf im Kreis Bitterfeld war am 17. Juni 1953 Mitglied des Streikkomitees in Bitterfeld und trug durch sein Auftreten in entscheidendem Maße dazu bei, dass der Aufstand in Bitterfeld friedlich verlief. Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Panzer wurde Paul Othma verhaftet und zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Vermögen wurde eingezogen. Anfangs bemühten sich Kollegen und Freunde um Othmas Freilassung. Der schwer kranke Othma wurde jedoch erst 1964 nach elfeinhalb Jahren Haft entlassen. Kurz zuvor war noch ein Gnadengesuch abgelehnt worden. Am 20. Juni 1969 starb Paul Othma in Sandersdorf an den Spätfolgen der Haft.
Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes veranstaltete der Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR des Landes Sachsen-Anhalt und dem Wilhelm-Fraenger-Institut Berlin am 16. und 17. Mai 2003 in Bitterfeld die Gedenkveranstaltung „Paul Othma – ein Mensch mit Zivilcourage“. Im Rahmen dieser Tagung wurde am 17. Mai 2003 am historischen Rathaus eine Gedenktafel für Paul Othma durch dessen Witwe Hedwig Othma, den Vorsitzenden des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie e. V., Dr. Hans Koschnick, und den Bürgermeister von Bitterfeld, Werner Rauball, feierlich enthüllt. Die Tafel aus Glas trägt eine Inschrift.
Gegen Das Vergessen // Ort der Zivilcourage // Paul Othma, Streikführer (1905–1969) / Am 17. Juni 1953 formulierte das Bitterfelder / Streikkomitee im Rathaus seine Forderungen/ an die Ulbricht-Regierung: / Freie demokratische geheime und direkte Wahlen, / Zurückziehung der deutschen Polizei / von den Zonengrenzen und sofortiger Durchgang / für alle Deutschen, / Sofortige Freilassung der politischen Häftlinge, / Zulassung aller großen Parteien Westdeutschlands / in unserer Zone … / Paul Othma stand dabei an erster Stelle. / Der Wille der Streikenden artikulierte sich / in Grund-Sätzen der Demokratie und / bewirkte in Bitterfeld einen friedlichen Umsturz. / Einen Tag lang war Freiheit. / Der Streikführer Othma wurde mehr als ein / Jahrzehnt in Zuchthäusern der DDR inhaftiert.
Bitterfeld, Rathaus Bitterfeld, Am Markt 7
Bitterfeld. Der DDR-Bezirk Halle gehörte zu den Schwerpunktregionen der Streikbewegung während des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. In allen 22 Kreisen sowie der Bezirksstadt selbst gab es am 17. Juni 1953 Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen bzw. größere Unruhen, darunter vor allem in den Industriestandorten Leuna, Bitterfeld, Wolfen, Weißenfels sowie Quedlinburg und Köthen. In der Industrieregion Bitterfeld-Wolfen entwickelte sich die Erhebung neben Görlitz am weitesten hin zu einem bewusst und überregional geführten politischen Aufstand gegen das SED-Regime. In Wolfen und Bitterfeld beteiligten sich sämtliche Großbetriebe und fast alle mittleren und kleineren Betriebe an der Streikbewegung. Etwa 12 000 Arbeiter der Agfa-Filmbetriebe Wolfen und anderer Betriebe begannen vormittags einen Marsch nach Bitterfeld. Am späten Vormittag kam es auf dem Platz der Jugend in Bitterfeld zu einer Großkundgebung mit etwa 50 000 Menschen; Bitterfeld zählte zu dieser Zeit ca. 32 000 Einwohner. Für den Kreis Bitterfeld konstituierte sich ein Streikkomitee, das sich aus 25 Vertretern einzelner Betriebsleitungen zusammensetzte. Paul Othma formulierte die politischen Forderungen der Menschen und mahnte zur Besonnenheit. Wilhelm Fiebelkorn, ebenfalls Mitglied der Streikleitung, verlas ein Telegramm an die „Regierung der Deutschen Demokratischen Republik“. Gefordert wurden u. a. der „sofortige Rücktritt der Regierung, die durch Wahlmanöver an die Macht gekommen ist“ sowie „freie, demokratische, geheime und direkte Wahlen in vier Monaten“. Nach der Kundgebung besetzten die Demonstranten alle wichtigen Gebäude Bitterfelds, darunter das Rathaus, den Rat des Kreises, die SED-Kreisleitung, die MfS-Kreisdienststelle und das Gefängnis. Auch in Bitterfeld zogen die Panzer der Roten Armee ein und der Aufstand wurde niedergeschlagen. Einige Streikführer, darunter Wilhelm Fiebelkorn, flüchteten in den Westen; andere, wie Paul Othma, wurden vom MfS verhaftet. Das Bezirksgericht Halle verurteilte ihn Ende Oktober 1953 zu zwölf Jahren Zuchthaus.
Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes errichtete am 17. Juni 2003 die Stadt Bitterfeld auf dem Robert-Schumann-Platz, dem damaligen Platz der Jugend und Ort der Großdemonstration, einen Gedenkstein mit einer Bronzetafel.
Den / Teilnehmern, / Verfolgten / und Opfern / des Aufstandes / vom / 17. Juni 1953
Bitterfeld, Robert-Schumann-Platz
Eisleben. Die Betriebe des Mansfeld-Kombinats „Wilhelm Pieck“ im Kreis Eisleben waren für die SED schon vor dem 17. Juni 1953 ein Ärgernis, galten sie doch als ständige Keimzelle „partei- und staatsfeindlicher Aktivitäten“. Bereits im April 1953 gab es hier begrenzte Arbeitsniederlegungen. Am 13. Mai streikten die Arbeiter der Schlackestein-Herstellung in Eisleben, nachdem ihnen die Löhne gekürzt worden waren und wetterbedingt ausgefallene Schichten nicht mehr bezahlt werden sollten. Die Wortführer wurden verhaftet, woraufhin andere Abteilungen in einen fünfstündigen Solidaritätsstreik traten und die Verhafteten wieder freigelassen wurden. In der Nacht zum 17. Juni fanden sich an mehreren Stellen Eislebens auf Plakaten Parolen mit Aufrufen zum Generalstreik. Am Morgen des 17. Juni begannen Bergarbeiter des Brosowski-Schachts mit dem Streik. Bauarbeiter in Eisleben solidarisierten sich mit denen der Berliner Stalinallee und streikten ebenfalls. Am Vormittag zogen sie durch Eisleben. Die Volkspolizei schritt nicht ein, sondern geleitete die Demonstranten zum Markt, der jedoch gegen Mittag durch sowjetische Truppen geräumt wurde. Zu dieser Zeit traten die Bergarbeiter weiterer Schächte in den Streik und zogen am Nachmittag ins Eislebener Stadtzentrum. Etwa 5 000 Menschen schlossen sich dem Demonstrationszug an, aus dem Forderungen wie: „Nieder mit der Regierung!“ und „Die Zonengrenzen müssen fallen!“ zu hören waren. Streikende belagerten vorübergehend das Volkspolizeikreisamt Eisleben und vor der Untersuchungshaftanstalt forderte man die Freilassung politischer Gefangener. Die Haftanstalt wurde schließlich gestürmt und alle Häftlinge befreit. Auch das Kreisgericht, die Oberschule und die Kreisleitungen der SED und der FDJ wurden besetzt, bis am Abend sowjetische Soldaten die Gebäude räumten. Im Kreis Eisleben streikten an diesem Tag insgesamt 3 900 Menschen, 5 000 demonstrierten und einer kam dabei ums Leben. Die Streiks der Eislebener Bau- und Bergarbeiter gingen am 18. und 19. Juni weiter. Erst am 24. Juni wurde der Ausnahmezustand wieder aufgehoben.
Am 50. Jahrestag des Volksaufstandes wurde unweit des Rathauses an der Bruchsteinmauer am Marktberg eine Bronzeplatte zur Erinnerung enthüllt.
Im Rahmen einer späteren Gedenkveranstaltung anlässlich des 17. Juni kritisierte ein Vertreter der VOS e.V. die mangelnde Behandlung des Themas im Schulunterricht. Seine Kritik stieß auf Zuspruch und die Idee für das Projekt „Stätten des 17. Juni 1953“ war geboren. Das Ziel war, die Auseinandersetzung von Schülern mit dem 17. Juni zu fördern und zudem eine neue Gedenktafel zu gestalten, da die 2003 befestigte bereits Verwitterungserscheinungen zeigte. Der Historiker Hartmut Lauenroth sowie Schüler und Lehrer der Katharinenschule Eisleben setzten das Projekt um. Unterstützung erhielten sie von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Stiftung Rechtsstaat Sachsen-Anhalt e.V. und vom Landesverbandes Sachsen-Anhalt der VOS. Am 60. Jahrestag des Volksaufstandes 2013 wurde nach der Begrüßung durch die Oberbürgermeisterin Jutta Fischer das Ergebnis der Schülerarbeit, eine Broschüre für die zukünftige Unterrichtsgestaltung zum 17. Juni 1953, im Eislebener Rathaus vorgestellt. Nach einem Rundgang zu den Wirkstätten des Volksaufstandes in Eisleben weihten Wolfgang Stiehl von der VOS und Erhardt Schmidt, damals Bergmann im Fortschrittschacht, der am 17. Juni im Demonstrationszug nach Eisleben mitmarschierte, die neue Gedenktafel am Andreaskirchplatz ein. Schmidt hatte bereits zehn Jahre zuvor die erste Gedenktafel initiiert, die nach Anbringung der neuen Tafel eingelagert wurde.
Alte Bronzetafel an der Bruchsteinmauer am Marktberg: 1953–2003 / Wir erinnern an die Mutigen, die am / 17. Juni 1953 / für Recht, Freiheit und soziale / Verbesserungen in der DDR eintraten
Neue Gedenktafel am Andreaskirchplatz: Zum Gedenken an den / Volksaufstand vom 17. Juni 1953 / in der Lutherstadt Eisleben / für soziale Gerechtigkeit, / Freiheit, Einheit und Demokratie
Eisleben, Andreaskirchplatz
Halle (Saale). In der Industrie- und Universitätsstadt Halle (Saale), die damals mehr als 290 000 Einwohner zählte, kam es, wie in vielen anderen Städten der DDR, um den 17. Juni 1953 zu massenhaften Protesten der Bevölkerung gegen die SED-Diktatur. Zahlreiche Belegschaften legten am 17. Juni und an den beiden folgenden Tagen die Arbeit nieder. Sie bildeten Streikleitungen und stellten Forderungen auf. Die wichtigsten waren: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen für ein einheitliches Deutschland, Freilassung der politischen Gefangenen, Senkung der Arbeitsnormen und der Lebensmittelpreise. Die Streikleitungen versuchten telefonisch oder über Kuriere, die Aktionen mit den Belegschaften anderer Betriebe zu koordinieren und ihre Forderungskataloge untereinander abzustimmen. Eine wichtige Rolle spielte die Lokomotiven- und Waggonfabrik Halle-Ammendorf (LOWA). Etwa 2 000 Arbeiter der LOWA marschierten gegen 10 Uhr auf der Stalinallee (heute Merseburger Straße) in Richtung des Stadtzentrums von Halle. Die Belegschaften der an der Stalinallee befindlichen Fabriken sowie Passanten schlossen sich der Demonstration an. Als der Zug den Thälmann-Platz (heute Riebeck-Platz) erreichte, war er auf über 8 000 Teilnehmer angewachsen. Eine gewaltsame Zerschlagung der Demonstration durch Polizeitruppen lehnte der sowjetische Stadtkommandant zunächst ab. In den Nachmittagsstunden entwickelte sich der Arbeiteraufstand in Halle zum Volksaufstand. Das zeigte sich auch in der Zusammensetzung des „Zentralen Streikkomitees“, das von Streikführern gegen 14 Uhr auf dem Hallmarkt gebildet worden war: Fast alle Bevölkerungsgruppen waren in diesem vertreten. Das Komitee setzte für 18 Uhr eine Großkundgebung an. Während sich die Staatsmacht durch den Protestzug bedroht sah, empfanden die Demonstranten den gemeinsamen Protest als Akt der Befreiung. Auf den Straßen kam es zu spektakulären Aktionen. Die Menschen lachten und jubelten, wenn Stalin-Bilder, Transparente und SED-Akten auf die Straße flogen. Sie nahmen Polizisten die Waffen ab und zerstört oder warfen sie in die Kanalisation. Etwa 1 000 Demonstranten stürmten gegen Mittag die Strafvollzugsanstalt in der Kleinen Steinstraße, um politische Häftlinge zu befreien. Nachdem sie zunächst von der Wachmannschaft mit gezielten Schüssen zurückgetrieben worden waren, gelang es den Demonstranten am Nachmittag, in das Zellenhaus einzudringen. Daraufhin konnten alle 245 überwiegend weiblichen Insassen die Strafanstalt verlassen. Unter Einsatz von Schusswaffen und Panzern schlugen Sowjetarmee und Kasernierte Volkspolizei auch in Halle den Aufstand schließlich blutig nieder. Bereits ab 14.15 Uhr galt der Schießbefehl für alle Polizeikräfte im Bezirk Halle. Der Versuch, die politischen Gefangenen auch aus dem Zuchthaus „Roter Ochse“ zu befreien, scheiterte. Fünf Demonstranten starben hier im Gewehrfeuer der Wachmannschaft, weitere wurden schwer verletzt. Um 18.30 Uhr erfolgte durch Plakate und Flugblätter die Ausrufung des Ausnahmezustandes. Dessen ungeachtet folgten am Abend ca. 60 000 dem Aufruf des Streikkomitees zu einer Kundgebung auf dem Hallmarkt. Während die Menschen zum Abschluss das Deutschlandlied sangen, rollten sowjetische Panzer auf den Platz und vertrieben die Demonstranten.
Am 17. Juni 1998 wurde auf Beschluss des Stadtrates und auf Anregung von Herbert Priew, der nach dem 17. Juni 1953 in Halle verurteilt worden war, zusammen mit der Fraktion Neues Forum eine Gedenktafel am Ort des damaligen Geschehens enthüllt. Seit dem 17. Juni 2003 hängen neben dieser Tafel drei Fotos, die Szenen des Volksaufstandes in Halle zeigen. Sie wurden auf Initiative des Vereins Zeit Geschichte(n) e. V. und mit Unterstützung der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR des Landes Sachsen-Anhalt angebracht. Ebenfalls auf Beschluss des Stadtrates von Halle (Saale) erhielt der Hallmarkt anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes zusätzlich den Namen „Platz des 17. Juni“.
Hier demonstrierten / am 17. Juni 1953 Tausende / Bürgerinnen und Bürger / mutig für / Freiheit und Demokratie
Halle (Saale), Am Hallmarkt / „Platz des 17. Juni“
Jessen. Die damalige Kreisstadt Jessen war 1953 ein Zentrum des bäuerlichen Widerstandes gegen die repressive SED-Landwirtschaftspolitik. Im Mittelpunkt der Proteste stand die Forderung, die Politik der Zwangskollektivierung zu stoppen und den privaten Bauern gleiche Chancen bei der Zuteilung von Saatgut, Maschinen und Geräten zu gewähren. In Jessen gingen rund 1 500 Bauern aus den umliegenden Gemeinden auf die Straße. Dem Demonstrationszug schlossen sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Stadt an. Der zum Sprecher gewählte Rudolf Hildebrand forderte die Freilassung unschuldig inhaftierter Bauern und die Reduzierung des Abgabensolls um 40 Prozent. Die Forderungen der Bauern nach Rücknahme der Abgaben wurden erfüllt und die Bauern, die zuvor wegen „Wirtschaftsvergehen“ eingesperrt worden waren, kamen frei. Ein Kraftwagen brachte sie aus dem Gefängnis Liebenwerda nach Jessen, wo sie von den Protestierenden auf dem Marktplatz mit großem Beifall empfangen wurden. Doch auch in Jessen und Umgebung währte der Moment der Freiheit nur kurz. Sowjetische Panzer fuhren auf, der Ausnahmezustand wurde verhängt und die Demonstration aufgelöst.
46 Jahre später, am 17. Juni 1999, gründete sich unter der Leitung von Rudolf Hildebrand und Hans-Dieter Heinze der Arbeitskreis 17. Juni Jessen. Sein Anliegen ist es, die Ereignisse des Volksaufstandes in Jessen wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Am 9. November 1999 enthüllten der Bürgermeister von Jessen, Dietmar Brettschneider, und Rudolf Hildebrand im Innenhof des Jessener Schlosses, dem heutigen Sitz der Stadtverwaltung, eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ereignisse vom 17. Juni 1953.
Man muss begreifen, dass die Freiheit mehr wert ist, / als das eigene Leben. / Solschenitzyn / Am 17. Juni 1953 erhoben sich an dieser historischen Stätte / 1.500 Bauern aus den Dörfern des Kreises Jessen / gegen die Diktatur der SED und die Wirtschaftspolitik / des ,Arbeiter- und Bauernstaates‘ unter der Regierung W. Ulbrichts. / Viele Arbeiter und Einwohner der Stadt Jessen schlossen sich / dem Demonstrationszug der Bauern an und forderten: / sofortige freie geheime Wahlen für alle Deutschen / Absetzung der SED-Kreisverwaltung / Freilassung aller politischen Gefangenen / Abschaffung der soz. Planwirtschaft. / Wir gedenken der vielen Menschen, die in der Folge umgekommen, / verfolgt und zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. / Wir gedenken derer, denen die Freiheit mehr wert war, / als das eigene Leben. / Wir gedenken auch derer, die nicht mehr unter uns sind
Jessen, Schlossstrasse 11
Magdeburg. Die Industriestadt Magdeburg gehörte zu den Zentren des Volksaufstandes am 17. Juni 1953. Am Vormittag versuchten tausende Demonstranten, das Untersuchungsgefängnis des MfS zu stürmen und die politischen Häftlinge zu befreien. Doch der Einsatz von Schusswaffen und Panzern durch die sowjetische Armee verhinderte das Vorhaben. Drei Teilnehmer der Demonstration verloren dabei ihr Leben. Zwei Bedienstete der Haftanstalt sowie zwei Volkspolizisten und ein MfS-Offizier kamen ebenfalls zu Tode. Den Demonstranten gelang es jedoch am Nachmittag des 17. Juni, trotz des schon verhängten Ausnahmezustandes, die Haftanstalt der Volkspolizei am Moritzplatz in der Magdeburger Neustadt zu stürmen und 221 Häftlinge zu befreien. Daraufhin wurden am 18. Juni zwei Magdeburger, Herbert Stauch und Alfred Dartsch, durch ein Sondertribunal der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) als angebliche Mörder standrechtlich zum Tode verurteilt und am selben Tag auf dem Hof der Haftanstalt Magdeburg-Sudenburg erschossen. Dass beide unschuldig starben, belegen die mittlerweile zugänglichen Akten aus russischen Archiven. Das Bezirksgericht stellte im August 1953 einen weiteren Magdeburger, Ernst Jennrich, unter Mordanklage und verurteilte ihn in erster Instanz zu lebenslanger Haft. Da das Gericht keine Beweise fand, sollte lediglich seine Teilnahme am Volksaufstand als abschreckendes Beispiel die Haftstrafe rechtfertigen. Dieses Urteil wurde jedoch auf Anweisung der Justizministerin Hilde Benjamin vom Obersten Gericht der DDR revidiert, da das SED-Politbüro die Todesstrafe für „angemessener“ hielt. Im Oktober 1953 verurteilte daraufhin das Magdeburger Bezirksgericht den Angeklagten ohne neue Beweisaufnahme zum Tode. Er wurde 1954 hingerichtet. Die damaligen Todesurteile sind inzwischen von russischen und deutschen Rehabilitierungsgerichten als rechtswidrig kassiert worden.
Am 17. Juni 1999, 46 Jahre nach dem Volksaufstand, wurde anlässlich einer Ausstellungseröffnung eine Gedenktafel für die Opfer des 17. Juni 1953 am Gebäude des heutigen Ministeriums des Innern des Landes Sachsen-Anhalt in Magdeburg durch den damaligen Innenminister des Landes, Manfred Püchel, enthüllt. Sie trägt eine Inschrift.
Ein Jahr zuvor war dieser Platz in „Platz des 17. Juni“ umbenannt worden. Das Gebäude beherbergte zwischen 1952 und 1989 die Bezirksdirektion der Deutschen Volkspolizei (DVP). In unmittelbarer Nähe befanden sich das Bezirksgericht Magdeburg und die Haftanstalt der DVP Magdeburg-Sudenburg sowie bis 1957 die Untersuchungshaftanstalt des MfS.
Zum Gedenken / an die Opfer des / Volksaufstandes / am 17. Juni 1953 / in Magdeburg
Magdeburg, Gebäude des Ministeriums des Innern des Landes Sachsen-Anhalt, Halberstädter Straße 2, am Platz des 17. Juni
Magdeburg. Ernst Jennrich, geboren am 15. November 1911, wurde nach dem Volksaufstand von 1953 in der Nacht zum 19. Juni 1953 verhaftet und am 25. August 1953 vom Bezirksgericht Magdeburg zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Die vom Ministerium für Staatssicherheit konstruierte Anklage, Jennrich habe tödliche Schüsse auf den MfS-Angehörigen Hans Waldbach abgegeben, ließ sich nicht beweisen. Nach Protesten des Staatsanwalts wurde das Urteil auf Anweisung der damaligen Justizministerin Hilde Benjamin vom Obersten Gericht der DDR aufgehoben. In einem zweiten Prozess verhängte das Bezirksgericht Magdeburg am 6. Oktober 1953 trotz unveränderter Beweislage die Todesstrafe. Ein Antrag auf Berufung sowie ein Gnadengesuch wurden abgelehnt, so dass das Urteil am 20. März 1954 mit dem Fallbeil vollstreckt wurde. Auf Antrag seins Sohnes wurde Ernst Jennrich am 20. August 1991 vom Bezirksgericht Magdeburg postum rehabilitiert. Der Fall war später eine Vorlage für das Theaterstück „Der Massenmensch“, welches im Jahr 2003 in der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden uraufgeführt wurde. Es dokumentiert die Gerichtsverhandlung, beruhend auf einem Tonmitschnitt des Ministeriums für Staatssicherheit.
Am 16. Juni 2010 wurde auf Initiative von Rolf-Dieter Weske, Vorstand der Siedlergemeinschaft Magdeburg Nordwest und Mitglied im Bund der Stalinistisch Verfolgten e.V., am ehemaligen Wohnhaus von Ernst Jennrich ein Gedenkstein errichtet. Auf dem Gedenkstein befindet sich eine Tafel mit einer Inschrift.
Rembrandtweg 1a, ehemaliges Wohnhaus von Ernst Jennrich / In diesem Haus wohnte Ernst Jennrich, geboren am 15.1.1911 in Wedringen, / hingerichtet am 20.3.1954 in Dresden. / Am 17. Juni 1953 nahm Ernst Jennrich am Volksaufstand in Magdeburg teil. Vor der / Haftanstalt Sudenburg entwaffnete er einen Jugendlichen, gab zwei Schüsse in die Luft / ab und zerschlug das Gewehr. Er wurde am folgenden Tag verhaftet und beschuldigt, / einen Volkspolizisten ermordet zu haben. Anfang August 1953 forderte Hilde Benjamin, / Vizepräsidentin des Obersten Gerichtes der DDR und spätere Justizministerin der DDR, / in einem Schreiben an das Zentralkomitee der SED für Jennrich die Todesstrafe. Das / Bezirksgericht Magdeburg hatte erhebliche Zweifel an den gesteuerten / Zeugenaussagen und verhängt im August 1953 eine lebenslange Haftstrafe. Am 6. / Oktober verurteilten dieselben Richter, die das erste Urteil gefällt hatten, auf Weisung / des Obersten Gerichtes der DDR Erst Jennrich zum Tode. Ernst Jennrich, verheiratet, / Vater von vier Kindern wurde am 20. März 1954 in Dresden hingerichtet. Im Jahr 1991 / wurde er vom Bezirksgericht Magdeburg postum rehabilitiert.
Magdeburg, Rembrandtweg 1 a
Sandersdorf. Paul Othma (1905–1969) wurde im heute polnischen Radzionkau geboren. Als Elektromonteur sowie Radio- und Fernsehfachmann machte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Sandersdorf, einem kleinen Ort fünf Kilometer von Bitterfeld entfernt, selbstständig. Die restriktive Politik des Staats gegenüber selbständigen Handwerkern führte jedoch dazu, dass er bald eine andere Arbeit in einem Chemiewerk in Bitterfeld aufnehmen musste. Da er in der Lage war, seine Meinung öffentlich zu vertreten, bestimmten die Chemiewerker Paul Othma am 17. Juni 1953 zu ihrem Sprecher. Die Streikenden in Bitterfeld forderten den Sturz der DDR-Regierung, freie und geheime Wahlen in ganz Deutschland, die Freilassung der politischen Gefangenen, die Absetzung der „SED-Leute“ und eine 40-prozentige Herabsetzung der Lebensmittelpreise. Den Sturz der DDR-Regierung vertrat Othma nicht, mit allen anderen Punkten war er jedoch einverstanden. Als es auf dem Marktplatz in Bitterfeld zu Zusammenstößen kam, redete Othma vom Rathaus aus beschwichtigend auf die Arbeiter ein. Auch im Polizeipräsidium, wo Jugendliche die Waffenkammer stürmen wollten, vermittelte er und verhinderte die Tat. Einen Streik im örtlichen Elektrizitätswerk konnte er ebenso abwenden. Trotzdem verhaftete die Staatssicherheit Othma, der sich bei seinen Eltern versteckt hatte, noch in der Nacht nach der Niederschlagung des Aufstandes. Ein halbes Jahr verbrachte er in Untersuchungshaft im „Roten Ochsen“, bis er schließlich zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt und sein Vermögen eingezogen wurde. Der an Leberzirrhose erkrankte Othma wurde erst 1964 nach elfeinhalb Jahren Haft entlassen. Kurz zuvor war noch ein Gnadengesuch abgelehnt worden. Am 20. Juni 1969 starb Paul Othma an den Spätfolgen seiner Inhaftierung. Im Jahr 1994 wurde auf dem Friedhof in Sandersdorf ein Gedenkstein mit einer Inschrift eingeweiht.
Auf diesem Friedhof ist auch Paul Othma beigesetzt worden. Eine kleine Steinplatte auf dem Urnengrab seines Verwandten Wilhelm Barschdorf trägt seinen Namen.
Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes erhielt das Gemeindezentrum von Sandersdorf in der Zscherndorfer Straße 15 den Namen „Haus Paul Othma“. Die Namensgebung am 17. Juni 2003 fand im Rahmen einer Feierstunde in Anwesenheit der Witwe Hedwig Othma statt.
Zum Gedenken / an die Opfer / des II. Weltkrieges / und als Mahnung / gegen Terror / und Gewalt
Sandersdorf Friedhof, Greppinerstraße
Seyda. In dem kleinen Ort in der Nähe von Wittenberg erinnert seit dem 15. Juni 2003 eine Gedenktafel am örtlichen Pfarramt an die mutige Tat des Pfarrers Willy Hagendorf. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 versteckte er Mitglieder der Bitterfelder und Wolfener Streikleitung in seinem Pfarrhaus. Die Staatssicherheit erfuhr davon und verhaftete den Pfarrer am 17. September 1953. Am 7. Oktober 1954, dem 5. Jahrestag der DDR, wurde er begnadigt, erhielt jedoch Redeverbot und konnte somit seinen Beruf nicht mehr ausüben. Der Tod eines Verwandten ermöglichte ihm die „besuchsweise Ausreise“ nach Westdeutschland. Er kehrte jedoch nicht mehr in die DDR zurück und wurde später Superintendent in Westfalen.
Die Tafel geht zurück auf eine Initiative der Kirchengemeinde und einen Beschluss des Gemeindekirchenrates von Seyda.
"Herr, du bist unsere Zuflucht für und für“ / Psalm 90 / In diesem Pfarrhaus fand nach dem / niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 / die Streikleitung von Wolfen / und Bitterfeld einen Zufluchtsort.
Seyda, Pfarramt, Kirchplatz 1
Wimmelburg. Zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 wurde zur Erinnerung an den Bergarbeiter Kurt Arndt eine Gedenktafel eingeweiht. Seine beiden Söhne Winfried und Horst Arndt nahmen an der Einweihung vor dem alten Wohnhaus Kurt Arndts teil.
Der Volksaufstand in der DDR fand nicht nur in Berlin statt, auch im Mansfelder Land gingen Menschen wie Kurt Arndt, der damals im Fortschrittschacht arbeitete, auf die Straße. Er und andere Bergbauarbeiter erfuhren vom Streik im Otto-Brosowski-Schacht und schlossen sich dem Demonstrationszug nach Eisleben an. Sie forderten von der Hauptverwaltung des Volkseigenen Betriebs (VEB) Mansfeld die Rücknahme der Normenerhöhung. Als die Volkspolizei Kurt Arndt am 18. Juni 1953 als angeblichen „Provokateur und Rädelsführer“ festzunehmen versuchte, flüchtete dieser und die Polizisten schossen auf ihn. Er starb drei Tage später im Krankenhaus und wurde namenlos auf dem Wimmelburger Friedhof beigesetzt. An Gewaltakten und Zerstörungen in der Stadt Eisleben war Arndt nicht beteiligt. Der Grund für die Flucht war vermutlich sein fehlendes Vertrauen in die Rechtstaatlichkeit der DDR.
Bergmann Kurt Arndt / 10. Juli 1914 – 21. Juni 1953 / Opfer des Volksaufstandes am 17. Juni im Mansfelder Land.
Wimmelburg, Unterdorf, hinter dem Supermarkt