Erinnerungsorte in Thüringen

Seit dem 17. Juni 2006 erinnert in Gera eine Gedenkplatte an die Ereignisse des Volksaufstands 1953.
Seit dem 17. Juni 2006 erinnert in Gera eine Gedenkplatte an die Ereignisse des Volksaufstands 1953. © Stadt Gera / Miriam Vinzelberg

Gera. Die Stadt gehörte zu den mehr als 700 Städten in der DDR, in denen insgesamt eine Million Menschen am 17. Juni 1953 streikten und demonstrierten. Hier traten an diesem Tag um 10.30 Uhr bereits 6 500 Arbeiter in den Streik. Sie zogen zu mehreren Betrieben und forderten die Arbeiter dazu auf, sich anzuschließen. Alle größeren Betriebe Geras wurden bestreikt und es wurde ein überbetriebliches Streik-Komitee gebildet. Mehrere Zehntausend Einwohner strömten in die Innenstadt und besetzten das Rathaus, den Rat des Bezirks, die SED-Bezirks- und Kreisleitung, das Volkspolizeigebäude und die Dienststelle des MfS. Vor der Untersuchungshaftanstalt forderten sie die Freilassung der Häftlinge. Etwa 1 000 Menschen drangen schließlich in das Gebäude ein und befreiten 65 Gefangene. Zu den Forderungen der Streikenden gehörten die Rücknahme der Lohn- und Gehaltskürzungen, freie und geheime Wahlen, Presse- und Informationsfreiheit sowie die Auflösung des MfS.

Am Nachmittag fuhren Wismut-Arbeiter mit Losungen wie „Nieder mit der Regierung!“ und „40% HO-Preissenkung!“ durch die Stadt. Polizeiwagen wurden zerstört, Einheiten der Kasernierten Volkspolizei entwaffnet und es wurde geschossen, bis die sowjetische Armee einschritt und die Stadt abriegelte.

Anlässlich des 53. Jahrestages des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR wurde auf Initiative des Zeitzeugen Peter Große und mit Unterstützung der Stadt Gera sowie der Gedenkstätte Amthordurchgang eine Gedenkplatte eingeweiht. Sie befindet sich auf dem Gehweg in der Rudolf-Diener-Straße vor dem Landgericht.

Inschrift

In Erinnerung an / den Volksaufstand / 17. Juni 1953 // Stadt Gera // Gedenkstätte Amthordurchgang e.V.

Standort

Gera, Gehweg gegenüber dem Landgericht, Rudolf-Diener-Straße

 

Die Holzplastik im Jenaer Rathaus thematisiert die Geschehnisse des Volksaufstands und des couragierten Widerstands gegen das SED-Regime.
Die Holzplastik im Jenaer Rathaus thematisiert die Geschehnisse des Volksaufstands und des couragierten Widerstands gegen das SED-Regime. © Bundesstiftung Aufarbeitung / Oliver Boyn

Jena. In der thüringischen Industriestadt Jena kam es zu massenhaften Protesten, die am 17. Juni 1953 eskalierten. Am Vormittag versammelten sich etwa 20 000 Demonstranten, vor allem Arbeiter der Großbetriebe Zeiss und Schott, auf dem Holzmarkt, um sich dem Streikaufruf der Berliner Bauarbeiter anzuschließen. Bei dieser größten Erhebung in Thüringen wurden die SED-Kreisleitung, die Dienststelle des Staatssicherheitsdienstes in der Humboldtstraße und der Sitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) gestürmt, wobei es zu heftigen Auseinandersetzungen und Sachschäden kam. 1 500 Menschen drangen gewaltsam in die Untersuchungshaftanstalt ein und befreiten 61 Häftlinge. Kurz darauf begann eine Verhaftungswelle in der Stadt. Zunächst wurden 13 Demonstranten in der SED-Kreisleitung festgenommen, unter ihnen auch Alfred Diener (1927–1953). Am 18. Juni 1953 wurde Alfred Diener als „Rädelsführer des faschistischen Putsches“ durch ein Sondertribunal der sowjetischen Militäradministration (SMAD) in Weimar zum Tode verurteilt und standrechtlich erschossen. Das Todesurteil und dessen öffentlich über Lautsprecherwagen, Rundfunk und Zeitungen bekannt gegebene Vollstreckung dienten der Einschüchterung und Abschreckung.

Im Herbst 1999 wurde im historischen Jenaer Rathaus eine Holzplastik der Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher enthüllt, die den Volksaufstand und den Widerstand gegen das SED-Regime thematisiert. Seit 1993 gibt es eine Alfred-Diener-Straße in Jena. Zudem wurde anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes am 17. Juni 2003 ein Teilstück der Humboldtstraße in „Straße des 17. Juni“ umbenannt.

Standort

Jena, Markt 1

 

Seit dem 17. Juni 2002 erinnert im Jenaer Löbdergraben eine Gedenktafel an die Ereignisse des Volksaufstands 1953 in der Stadt.
Seit dem 17. Juni 2002 erinnert im Jenaer Löbdergraben eine Gedenktafel an die Ereignisse des Volksaufstands 1953 in der Stadt. © Bundesstiftung Aufarbeitung / Oliver Boyn

Jena. Neben der Holzplastik zum Gedenken an die Opfer des 17. Juni erinnert in Jena auch eine Gedenktafel an die Ereignisse jenes Tages in der Stadt. Insbesondere dem Schicksal von Alfred Diener wird gedacht. Der 26-jährige Schlosser Alfred Diener gehörte zu den 20 000 Demonstranten auf dem Jenaer Holzmarkt, die sich dem Streikaufruf der Berliner Bauarbeiter anschlossen und mehrere staatliche Gebäude besetzten. Gemeinsam mit Delegierten der Kohlearbeiter drang Diener in die SED-Kreisleitung ein und redete auf den Ersten Sekretär der Kreisleitung ein. Sowjetische Besatzungstruppen fuhren auf und verhafteten ihn. Er wurde nach Weimar gebracht, dort von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 18. Juni 1953 hingerichtet.

Auf Initiative der Stadt Jena und mit Unterstützung der Jenaer Geschichtswerkstatt wurde die Gedenktafel am 17. Juni 2002 enthüllt.

Inschrift

Am 17. Juni 1953 / standen in Jena 20.000 Menschen / für die Veränderung ihrer Gesellschaft auf. / Der Aufstand wurde niedergeschlagen. / Alfred Diener (26 Jahre) wurde als angeblicher Rädelsführer / standrechtlich erschossen.

Standort

Jena, Löbdergraben

 

Im Jenaer Lobeda West-Park ist seit 1993 eine Straße nach Alfred Diener benannt.
Im Jenaer Lobeda West-Park ist seit 1993 eine Straße nach Alfred Diener benannt. © Bundesstiftung Aufarbeitung / Oliver Boyn

Jena. Seit April 1991 trägt eine Straße in Jena am Lobeda West-Park den Namen Alfred Dieners (1.2.1927-18.6.1953). Die Benennung der zuvor namenlosen Straße in „Alfred-Diener-Straße“ erfolgte auf Initiative des „Sonderausschusses Straßennamen/Ehrenbürger“ der Stadtverordnetenversammlung Jena. Der gebürtiger Jenaer Alfred Diener beteiligte sich am Volksaufstand des 17. Juni 1953 in seiner Heimatstadt. Bereits einen Tag später wurde Diener als angeblicher „Rädelsführer des faschistischen Putsches“ durch ein sowjetisches Militärtribunal in Weimar zum Tode verurteilt und standrechtlich erschossen. Im Jahr 1995 wurde Diener durch den Generalstaatsanwalt der Russische Föderation vollständig rehabilitiert. Auch in Weimar befindet sich seit 1993 eine „Alfred-Diener-Straße“ und seit 1996 auch eine Gedenktafel zur Erinnerung an Diener am Gebäude der Polizeiinspektion.

Inschrift des Straßenbegleitschildes

Beteiligt am Volksaufstand des 17. Juni 1953 in Jena / Geboren am 1. Februar 1927 in Jena – am 18. Juni 1953 in Weimar hingerichtet

Standort

Jena, am Lobeda West-Park

 

Für seinen Einsatz als Streikführer beim Volksaufstand wurde Otto Reckstadt zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.
Für seinen Einsatz als Streikführer beim Volksaufstand wurde Otto Reckstadt zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. © Bundesstiftung Aufarbeitung / Oliver Boyn

Nordhausen. Am 17. Juni 1953 wurde in allen Kreisen des Bezirkes Erfurt der Ausnahmezustand verhängt. Zuvor waren in Nordhausen, Erfurt, Herbsleben, Gotha und Waltershausen Arbeiter in den Streik getreten. Otto Reckstat (1898–1983) war seit 1952 Gewerkschaftsvertrauensmann im Nordhäuser Volkseigenen Betrieb (VEB) ABUS-Maschinenbau. Seine Kollegen wählten ihn am 17. Juni zum Streikführer. Dafür wurde er jedoch verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Dezember 1956 flüchtete er mit seiner Frau nach West-Berlin.

Auf Initiative der SPD-Fraktion des Stadtrates von Nordhausen erhielt die Brücke zwischen der Halleschen Straße und der Barbarossastraße am 13. Oktober 1998 den Namen Otto-Reckstat-Brücke. Am Brückengeländer sind rechts und links zwei identische Gedenktafeln angebracht. Sie tragen eine Inschrift.

Inschrift

Otto-Reckstat Brücke / Otto Reckstat (1898–1983) / Gewerkschaftsfunktionär / Stadtverordneter der SPD bis 1933 / mehrmalige Haft in der NS-Zeit / verurteilt nach dem 17. Juni 1953 / zu 8 Jahren Zuchthaus.

Standort

Nordhausen, Otto-Reckstat-Brücke

 

Der Gedenkstein für Alfred Walter und die Verwundeten des Volksaufstands wurde am 17. Juni 2012 eingeweiht.
Der Gedenkstein für Alfred Walter und die Verwundeten des Volksaufstands wurde am 17. Juni 2012 eingeweiht. © Stadtverwaltung Weida / Bettina Gunkel

Weida. Auch in der Kleinstadt Weida bei Gera kam es am 17. Juni 1953 zu Protesten und Demonstrationen gegen das SED-Regime. Die streikenden Arbeiter wurden hier vor allem von Wismut-Kumpeln unterstützt, die in verschiedenen Städten Thüringens für Aufruhr sorgten. Gegen Mittag wurde das Rathaus gestürmt, die darauffolgende Kundgebung blieb aber vergleichsweise friedlich. Erst gegen Abend, als weitere Wismut-Kumpel aus Gera eintrafen, eskalierte die Situation beim Angriff auf das örtliche Polizeirevier. Während eines Schusswechsels wurden mehrere Menschen verletzt, darunter der damals 17-jährige Berufsschüler Walter Frielitz und der 33-jährige Bäcker Alfred Walter. Im Krankenhaus erlag Alfred Walter noch am selben Abend seinen schweren Verletzungen.

Walter Frielitz stiftete zur Erinnerung an den Tod von Alfred Walter einen Gedenkstein, der am Fuße der Osterburg in Weida anlässlich des 59. Jahrestags am 17. Juni 2012 im Beisein des Bürgermeisters von Weida, Werner Beyer, eingeweiht wurde.

Die Stadt Weida hatte Alfred Walter bereits im Jahr 2000 geehrt. Sein Name steht mit auf der Ehrentafel für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Eingangsbereich der Widenkirche. Die Bürgerschaft Weidas hatte die Tafel gestiftet.

Inschrift

17. Juni 1953 / Zum Gedenken / an das Opfer / Alfred Walter † / und / den Verwundeten / des Volksaufstandes / in Weida

Standort

Weida, Burgstraße, am Aufgang zur Osterburg

 

Seit 1996 erinnert am Gebäude des einstigen Gerichtsgefängnisses in Weimar eine Gedenktafel an Alfred Diener.
Seit 1996 erinnert am Gebäude des einstigen Gerichtsgefängnisses in Weimar eine Gedenktafel an Alfred Diener. © Bundesstiftung Aufarbeitung / Oliver Boyn

Weimar. Die Gedenktafel erinnert an ein Opfer des 17. Juni 1953 aus Jena, wo es an diesem Tag zu massenhaften Protesten der Bevölkerung gekommen war. Am Vormittag versammelten sich 20 000 bis 25 000 Demonstranten, vor allem Arbeiter der Großbetriebe Zeiss und Schott, spontan auf dem Holzmarkt, um sich dem Streikaufruf der Berliner Bauarbeiter anzuschließen. Während dieser größten Erhebung in Thüringen stürmten die Demonstranten die SED-Kreisleitung, die Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Humboldtstraße und den Sitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). 1 500 Menschen drangen gewaltsam in die Untersuchungshaftanstalt ein und befreiten 61 Häftlinge aus dem Gefängnis. Kurz darauf begann eine Verhaftungswelle in der Stadt. Zunächst wurden 13 Demonstranten, darunter auch Alfred Diener (1927–1953), in der SED-Kreisleitung festgenommen. Am 18. Juni 1953 wurde Alfred Diener als angeblicher „Rädelsführer des faschistischen Putsches“ durch ein Sondertribunal der sowjetischen Militäradministration (SMAD) in Weimar zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wie und wo genau Alfred Diener ermordet wurde, ist bis heute ungeklärt. Das damalige Urteil erklärte der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation 1995 in allen Teilen für ungültig.

Im Auftrag der Thüringer Staatskanzlei wurde am 18. Juni 1996 am Gebäude des ehemaligen Gerichtsgefängnisses in Weimar, in dem sich heute eine Polizeiinspektion befindet, eine Gedenktafel für Alfred Diener enthüllt.

In Jena wurde 1993 eine Straße nach Alfred Diener benannt.

Inschrift

Einen Tag nach dem Volksauf- / stand vom 17. Juni 1953 wurde / der 26-jährige Alfred Diener aus / Jena in den Morgenstunden von / einem sowjetischen Militär- / tribunal in Weimar zum Tode / verurteilt und standrechtlich / erschossen. // In ehrendem Gedenken / Stadt Weimar

Standort

Weimar, Polizeiinspektion, Carl-von-Ossietzky-Straße 60

 

Anlässlich des 60. Jahrestags des Volksaufstandes wurde die Straße am „Industriepark“ 2013 in „Straße des 17. Juni“ umbenannt.
Anlässlich des 60. Jahrestags des Volksaufstandes wurde die Straße am „Industriepark“ 2013 in „Straße des 17. Juni“ umbenannt. © Stadtverwaltung Weimar

Weimar. Die CDU-Stadtratsfraktion in Weimar initiierte zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes des 17. Juni 1953 die Umbenennung der Straße „Am Industriepark“ in „Straße des 17. Juni“. Mit der öffentlichen Bekanntmachung der Stadt Weimar vom 28. Oktober 2013 erhielt der neue Straßenname seine Gültigkeit.

Mit der „Straße des 17. Juni“ soll die Erinnerung an den Volksaufstand in der Stadt Weimar auch für zukünftige Generationen bewahrt werden. Das Straßenschild befindet sich in unmittelbarer Nähe des ehemaligen VEB-Mähdrescherwerks, das zu DDR-Zeiten diverse landwirtschaftliche Maschinen herstellte. Sowohl Arbeiter, Angestellte als auch Führungspersonal des Mähdrescherwerks gründeten hier zunächst einen Streikausschuss, der insgesamt 17 Mitglieder umfasste. Bereits seit dem 12. Juni war die Stimmung in Weimar sehr angespannt. Auf Geheiß des SED-Politbüros wurden an diesem Tag 15 politisch inhaftierte Personen, so auch der Besitzer des Hotels „Germania“, aus der Haft entlassen. Nach Berichten des MfS versammelten sich mehrere hundert Menschen vor der U-Haftanstalt, um den Hotelbesitzer unter Beifall zu begrüßen. Dabei äußerten sich die Teilnehmenden auch kritisch gegenüber der Repression durch das SED-Regime. Die Nachrichten aus Berlin am 17. Juni nahmen die Arbeiter des Mähdrescherwerks zum Anlass, zu einer Demonstration um 15 Uhr am selben Tag aufzurufen. Neben der Forderung nach Senkung der Arbeitsnormen soldarisierten sich die Streikenden auch mit den Bauern. Der Start der Demonstration wurde jedoch durch die Verhängung des Ausnahmezustandes und die Bereitstellung von Volkspolizei und Militär verhindert und die 17 Angehörigen des Streikausschusses in Haft genommen. In den folgenden Tagen fanden weitere Streiks statt, die zu Verhaftungen führten und teilweise mit längeren Zuchthausstrafen geahndet wurden.

Standort

Straße des 17. Juni

Das könnte Sie auch interessieren