Die 18. Geschichtsmesse ist in Suhl eröffnet. Unter dem Motto „Alles bleibt anders. Transformationserfahrungen seit 1989/90“ widmet sie sich den andauernden Folgen der deutschen Einheit für Gesellschaft und Demokratie. Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pädagoginnen und Pädagogen, Studierende sowie Vertreterinnen und Vertreter der politischen Bildung, sind in das Ringberg Hotel gekommen, um sich in Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Projektpräsentationen auszutauschen.

In ihrer Begrüßung macht die Direktorin der Bundesstiftung Aufarbeitung, Frau Dr. Kaminsky, diese Folgen deutlich: „Das sind oft keine einfachen Geschichten. Und vielfach überlagert der Groll über erfahrene Ungerechtigkeiten all das, was in den Folgejahren an Positivem passiert ist. Oft kommen aber auch jene, die trotz aller Härten Erfolgsgeschichten erzählen können, in den Darstellungen zu kurz. All das sind notwendige Geschichten. Denn wir wollen die Jahre nach 1990 nicht verklären. Wir wollen verstehen, wie diese Erfahrungen bis heute nachwirken und unsere Gegenwart prägen.“

 

Die gesamte Begrüßungsrede von Frau Dr. Anna Kaminsky finden Sie hier:

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer

lassen Sie mich mit einer Zahl beginnen und nicht wie in den Vorjahren mit einem Ausblick auf all das, was wir 2026 vorhaben und was zumindest historisch das Erinnerungsjahr prägen wird. All diese Informationen finden Sie in Ihren Lesebüchern oder haben dies schon mit unserem Jahresanfangsbegrüßungsmail erhalten.

Vierzig. Vierzig Jahre wird die Friedliche Revolution im Jahr 2029 zurückliegen. Und 2030 wird auch die deutsche Einheit vierzig Jahre währen. Damit wird die deutsche Einheit bald länger dauern als die Teilung und die zweite Diktatur nach 1945. Und ich denke: Das wird den Blick auf die Geschichte von Diktatur, Teilung und Einheit weiter verändern.

Ich sehe hier im Saal viele, die Diktatur und Teilung aus Ost, West, Nord oder Süd bewusst als Jugendliche oder Erwachsene erlebt haben. Sie wissen, was Mauer, Grenze und Unfreiheit bedeuteten.

Aber die Generation, die heute zunehmend die Schaltstellen in der Politik, in der Kultur, in den Medien oder der Wissenschaft bestimmt, ist oft viel stärker durch die Jahre nach 1990 geprägt als durch die Zeit davor.

Sie, die Sie hier im Saal dieser Generation angehören und in Ostdeutschland aufgewachsen sind, Sie erinnern sich an die Transformation. An Betriebe und Institute, in denen Ihre Eltern gearbeitet hatten, die geschlossen wurden. An Verunsicherungen, existentielle Nöte. Aber hoffentlich auch an neue Chancen. An Euphorie, Hoffnung.

Und für die heutigen Schülerinnen und Schüler? Für sie gehört die deutsche Teilung schon zur Welt ihrer Großeltern. Sie ist so fern wie die Weimarer Republik oder Troja. Mit jedem Jahr wird diese Distanz größer. Und damit wird auch immer öfter die Frage gestellt: Und was hat das mit uns/mit mir zu tun?

Und falls das noch nicht kompliziert und herausfordernd genug ist, kommt noch die Frage hinzu, wie wir Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder Migrationshintergrund erreichen, die nicht primär mit der deutschen Geschichte durch familiäre oder eigene Erfahrungen verbunden sind: Als Adressaten historisch-politischer Bildung, aber auch als Zeitzeugen. Viele von ihnen sind aus Staaten nach Deutschland gekommen, deren Geschichte durch Diktaturen, Kalten oder auch heiße Kriege, regionale Konflikte und auch die Ost-West-Konfrontation geprägt war.

Wenn wir 1989 nur als Endpunkt, quasi als Stunde Null betrachten, verstehen wir die Gegenwart nicht. Und wenn wir 1990 nur als Neubeginn erzählen, blenden wir Erfahrungen aus, die bis heute nachwirken. Deshalb stellen wir die Frage anders.

Wie hängen Diktaturerfahrung und Transformationszeit zusammen? Wie prägen die Geschichte und die individuellen Erfahrungen der Umbruchszeit unser heutiges Denken und die Einstellungen zur Demokratie? Immerhin sagt eine überwältigende Mehrheit von über 80 Prozent, dass sie die Demokratie für die beste Staatsform halten.

Die 1990er Jahre mit ihren ungleichzeitigen Erfahrungen von 

  • Verlust und Aufbruch
  • Angst und Zuversicht
  • Perspektivlosigkeit und neuen Aufbrüchen
  • aber auch "Unbeteiligten"

sind längst Teil unserer Zeitgeschichte.

In den vergangenen Jahren sind viele Projekte entstanden, die den individuellen und gesellschaftlichen Dialog über jene Jahre befördern und die Erfahrungen vieler Menschen bewahren: 

In unserem Archiv des Umbruchs und der Transformation befinden sich mittlerweile fast 200 Interviews, die über Herkunft und Prägungen, Erwartungen und Enttäuschungen, über Abbruch und Neubeginn erzählen.

Dazu gehört unser Treuhandarchiv ebenso wie das großartige Vorhaben, das Olaf Jacobsen mit seinem Team und dem mdr und auch uns realisiert: Die „DNA des Ostens“, in dem Menschen über ihre vielfältigen Erfahrungen, über Herkunft und Prägung sprechen. Im Treuhandarchiv kommen Menschen aus Ost und West, Unternehmerinnen und Unternehmer zu Wort, die Betriebe übernommen, aufgebaut oder verloren haben. Es kommen Menschen zu Wort, die ihre Arbeitsplätze verloren haben und lange Zeit mit Unsicherheiten und Ungewissheiten gelebt haben. 

Das sind oft keine einfachen Geschichten. Und vielfach überlagert der Groll über erfahrene Ungerechtigkeiten all das, was in den Folgejahren an Positivem passiert ist. Oft kommen aber auch jene, die trotz aller Härten Erfolgsgeschichten erzählen können, in den Darstellungen zu kurz. All das sind notwendige Geschichten. Denn wir wollen die Jahre nach 1990 nicht verklären. Wir wollen verstehen, wie diese Erfahrungen bis heute nachwirken und unsere Gegenwart prägen.

Aus diesem Grund haben wir den neuen Themenförderschwerpunkt für 2026 bis 2030 ausgelobt: „Geteilte Geschichte – Gemeinsame Gegenwart“. Er führt zusammen, was zu oft getrennt erzählt wurde. Er denkt die Geschichte der Teilung über 1989 hinaus. Und er fragt nach dem historischen Fundament der Demokratie.

Diese Geschichtsmesse 2026 steht genau in diesem Horizont. Wenn Sie das Programm betrachten, sehen Sie: Es geht nicht nur um die Jahre bis 1989. Es geht um die Umbrüche danach. Um wirtschaftliche Transformation. Um regionale Perspektiven. Um neue Formen der Vermittlung.

Sie alle bringen Projekte mit, die Geschichte nicht als abgeschlossenen Raum verstehen, sondern als offenen Prozess. Denn die Erfahrungen der Einheit prägen heute jene Frauen und Männer, die in Politik, Kultur, Wissenschaft und Bildung Verantwortung tragen. Und sie wird das Denken der kommenden Generationen mitbestimmen.

Die Jahre bis 2029 und 2030 sind keine bloßen Jubiläumsvorbereitungsjahre. Sie sind auch ein Prüfstein unserer Erinnerungskultur. Ob es gelingt, Diktaturgeschichte und Einheitsgeschichte zusammenzudenken. Ob wir Widersprüche aushalten. Ob wir Erfahrungen ernst nehmen, ohne sie zu verabsolutieren. Und ob wir Geschichte so erzählen, dass sich Menschen mit ihren Biographien und Erfahrungen darin wiederfinden.

Ich danke Ihnen, dass Sie hier sind. Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit. Und ich wünsche uns allen drei Tage intensiver Debatten, neuer Perspektiven und vielleicht auch die eine oder andere produktive Irritation.

Die Geschichtsmesse 2026 ist hiermit eröffnet.