2026 jähren sich Ereignisse, die zeigen, wie sehr die Geschichte des Kommunismus stets über nationale Erzählungen hinauswies. Sie war nie nur die Geschichte einzelner Staaten. Sie war ein weltpolitisches Projekt – mit imperialem Anspruch, ideologischer Mobilisierung und beständiger Gewalt nach innen und außen. Diese Gewalt veränderte über die Jahrzehnte ihr Gesicht. Ihr Zweck blieb derselbe: Unbedingter Machterhalt und bedingungslose Unterwerfung der jeweiligen Gesellschaften.
Vor 90 Jahren leitete Stalin den Großen Terror ein. Mit Schauprozessen, massenhaften Verhaftungen und Erschießungen zementierte der Diktator ab 1936 seine Macht. Zwei Jahrzehnte später erschütterte Nikita Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag den sowjetischen Machtbereich. Doch die Grenzen der Entstalinisierung wurden im selben Jahr sichtbar: im polnischen Poznan, wo ein Arbeiteraufstand niedergeschlagen wurde, und in Ungarn, wo die sowjetische Intervention die Hoffnung auf politische Selbstbestimmung und Demokratisierung zerschlug.
Seit den 1950er Jahren emanzipierte sich China zunehmend von Moskaus Vormachtanspruch. 1951 sicherte die Parteiführung in Peking ihre Herrschaft durch Kampagnen und Schauprozesse – und verleibte Tibet in die Volksrepublik ein. Vor 60 Jahren entfesselte Maos Kulturrevolution die Gewalt in der Gesellschaft, zerstörte Bildungs- und Kulturinstitutionen; Millionen Menschen wurden ermordet. 1976 endete diese Gewaltorgie mit Maos Tod und der Verhaftung der „Viererbande“. Wenig später begann die Politik von „Reform und Öffnung“, die Chinas wirtschaftlichen Aufstieg ermöglichte – ohne politische Freiheit zu gewähren.
Ganz anders wirkten die Reformversuche Michail Gorbatschows. Ab 1986 sorgte seine Politik der Glasnost (Offenheit) dafür, dass die permanenten Dysfunktionen des Regimes (nicht zuletzt bei der Katastrophe in Tschernobyl) sowie das Scheitern seiner Perestroika (Umgestaltung), insbesondere in der Ökonomie, sichtbar und sagbar wurden. Und so beförderte Gorbatschow die Erosion des sowjetischen Imperiums, zu dessen Rettung er angetreten war.
Die Geschichte der DDR vollzog sich stets im Schatten der großen Zäsuren. Die wesentlichen Entscheidungen wurden nicht in Ost-Berlin getroffen, sondern im sowjetischen Machtzentrum. Von daher sei an dieser Stelle nur an zwei Ereignisse erinnert, die in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit verdienen: die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD zur SED im April vor achtzig und die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November vor fünfzig Jahren.
Die Bundesstiftung widmet der SED-Gründung, die in Ostdeutschland den Weg in die kommunistische Diktatur ebnete, die Ausstellung „Die Partei hat immer recht. Die SED im Alltag der DDR“. Die Schau steht ab Ende Februar für die Kultur- und Bildungsarbeit im In- und Ausland zur Verfügung. Und im Herbst 2026 lädt die Stiftung zu einer prominent besetzten Veranstaltung, die daran erinnert, wie die Entscheidung der SED-Führung, den überzeugten Kommunisten Biermann auszubürgern, den Anfang vom Ende der SED-Herrschaft markierte. Wer mehr über Ereignisse erfahren will, die sich 2026 jähren, dem wird die Folge „Kommunismusgeschichte: Die Jahrestage 2026“ in unserem Videopodcast „Was war der Kommunismus? Wir fragen Jörg Baberowski“ empfohlen.
Die Bundesstiftung Aufarbeitung setzt 2026 bundesweit Impulse – mit Veranstaltungen, Bildungsangeboten sowie insbesondere mit ihrer Projektförderung. Im ersten Halbjahr laden wir u.a. zur 18. Geschichtsmesse nach Suhl ein. Sie steht Ende unter dem Titel „Alles bleibt anders. Transformationserfahrungen seit 1989/90“. Mitte März sind wir – wie jedes Jahr – auf der Bildungsmesse didacta präsent, diesmal in Köln. Und am 19. März laden wir zu dem Netzwerktreffen „Sinti und Roma in der DDR und im vereinten Deutschland“ ein, um nur auf einige Highlights in unserem Veranstaltungsprogramm zu verweisen.
Neben unseren eigenen Veranstaltungen bleibt die Förderung der wesentliche Kern unserer Arbeit. 2026 stellt die Stiftung im Rahmen ihrer allgemeinen Projektförderung 3,9 Millionen Euro für 123 neue und 27 fortlaufende Projekte bereit. Sie reichen von lokalen Geschichtsinitiativen über Audio- und Videoprojekte bis zu multimedialen Lernangeboten zur Umbruchszeit. Besonders stark vertreten sind Vorhaben zum Förderschwerpunkt „Geteilte Geschichte – Gemeinsame Gegenwart“. Das Spektrum der bewilligten Anträge ist dabei medial und thematisch breit gefächert und schließt interkulturelle und inklusive Perspektiven ein: Es reicht von Audio- und Videoproduktionen zu individuellen Transformationserfahrungen bis hin zu Studien zur kommunalen Vereinigungsgeschichte.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Perspektive der jüngeren Generation: So dokumentieren Brandenburger Schüler in Kurzfilmen Narrative zur Friedlichen Revolution und den Umbrüchen der 1990er-Jahre. Ein multimediales Lernangebote will Strukturwandelprozesse im Ruhrgebiet und in der Lausitz von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre vergleichend thematisieren. Weitere Projekte widmen sich dem Anpassungsdruck, dem Jugendliche in der Transformationszeit ausgesetzt waren, sowie den radikalisierten Jugendkulturen jener Jahre. Zeitzeugeninterviews zum deutsch-vietnamesischen Leben in Sachsen nach 1990 und filmische Arbeiten wie „Wende und kein Ende?“ erweitern den Blickwinkel auf Mauerfall und Nachwendezeit.
Ergänzend widmen sich Vorhaben zum „Grünen Band“ der ehemaligen innerdeutschen Grenze – von wissenschaftlichen Tagungen über digitale Applikationen bis hin zur Dokumentation grenzüberschreitender Kontakte vor 1989. Die Quintessenz dieser Projekte lässt sich mit folgender Formel auf den Punkt bringen: Teilung und Diktatur erklären Einheit und Gegenwart – und die Einheit verändert den Blick auf Teilung und Diktatur. Die hier verlinkte Karte zeigt die geografische Verteilung aller Zuwendungen und Stipendien, die von der Bundesstiftung Aufarbeitung 2026 ausgereicht werden.
Kennen Sie die zahlreichen Dossiers und Materialsammlungen auf unserer Website sowie unser stetig wachsendes Angebot an Video- und Audioproduktionen? Neben unseren Veranstaltungsmitschnitten wären hier beispielhaft die Reihe „Backstage DDR“, ein Videopodcast zur Treuhand oder die Reihe „Identitäten ohne Mauern – DNA des Ostens“ zu nennen. Besonders hinweisen möchte ich auch auf unser Zeitzeugenbüro sowie unser neues Angebot „Nachgefragt DDR“. Das Zeitzeugenbüro vermittelt über 350 Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner – insbesondere zur Friedlichen Revolution und zur deutschen Einheit, aber auch fünfzehn Frauen und Männer, die von der Ausbürgerung Wolf Biermanns berichten können. Das Programm „Nachgefragt DDR“ bietet Institutionen – wie Volkshochschulen, Stadtteilzentren oder lokalen Geschichtsvereinen – flexibel buchbare Veranstaltungspakete an. In den Paketen enthalten sind fertig konzipierte Veranstaltungen: spannende Themen, von unserer Stiftung vermittelte Referentinnen und Referenten, Werbematerialien und ein finanzieller Zuschuss. Last but not least freut es mich sehr, das unser digitales Fotoarchiv, mit dem wir 2025 gestartet sind, auf eine enorme Nachfrage stößt. Wir stellen dort mittlerweile mehr als 112.000 Fotos für nichtkommerzielle Bildungszwecke kostenlos zur Verfügung.
Wenn Sie über unsere Arbeit im Laufe des Jahres informiert bleiben möchten, finden Sie uns in den sozialen Medien und können unseren Newsletter abonnieren.
Im Namen der Bundesstiftung Aufarbeitung wünsche ich Ihnen ein gutes, gesundes und friedliches Jahr 2026. Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interesse an unserer Arbeit – und all jenen, die die Stiftung seit Jahren begleiten, ebenso für ihre Unterstützung und ihr Engagement. Die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur und der deutschen Teilung bleibt im vierten Jahrzehnt der deutschen Einheit eine Aufgabe der Gegenwart: weil die Folgen der Diktatur fortwirken, weil die Umbrüche der Transformationszeit bis heute nachwirken und weil demokratische Selbstverständigung nie abgeschlossen ist. Es würde mich freuen, wenn Sie unsere Arbeit auch im neuen Jahr aufmerksam verfolgen und, wo immer es Ihnen möglich ist, mit Ihrer Mitwirkung, Ihrer Expertise oder Ihrer Unterstützung dazu beitragen, dass Aufarbeitung, Erinnerung und historisch-politische Bildung weiterhin Gehör finden.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Anna Kaminsky