Gerda Weber (1923-2021)

Neulehrerin, SED-Nachwuchskader, Untersuchungshäftling, Hausiererin, Vortragsreisende in Sachen politischer Bildung, Historikerin und Autorin, Privatsekretärin und Lektorin, Sammlerin und Mäzenin - all dies und noch vieles mehr war Gerda Weber im Verlauf ihres langen Lebens, das am 15. September 1923 in Perleberg seinen Anfang nahm. Die Erfahrung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts hatte nicht nur sie zur überzeugten und streitbaren Demokratin gemacht, sondern auch ihren Ehemann Hermann.

Den Mannheimer Jungkommunisten und FDJ-Funktionär hatte sie 1947 auf der SED-Parteihochschule kennen und lieben gelernt. Als die beiden 1951 heirateten, hätten sie sich nicht im Traum vorstellen können, dass ihnen gemeinsam 64 Jahre “Leben nach dem ´Prinzip Links`” vergönnt sein würden. So war ihre Autobiographie überschrieben, die 2006 im Verlag ihres Freundes Christoph Links erschienen ist.

Dort kann man nachlesen, wie die beiden mit dem Kommunismus brachen und trotzdem über Monate wegen kommunistischer Umtriebe in Untersuchungshaft saßen. Wie sich das Paar in den 1950er Jahren mühsam über Wasser hielt. Wie Hermann in den 1960er Jahren ohne Abitur studierte und ab den 1970ern zum Nestor der DDR- und Kommunismusforschung avancierte. Und wie Gerda derweil als Referentin in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit unterwegs war, über den DFD und die DDR-Frauenpolitik forschte und schrieb sowie ihre Leidenschaft für Paperweights entdeckte. Ihre riesige, über die Jahre zusammengetragene Sammlung hatte sie erst jüngst ans Glasmuseum in Wertheim vermacht. Irgendwann hatten die beiden jene symbiotische Beziehung entwickelt, in der der eine ohne den anderen nicht mehr vorstellbar war. Beruflich und privat.

Die Friedliche Revolution gegen die kommunistische Diktatur in der DDR und die Wiedererlangung der deutschen Einheit waren in beiderlei Hinsicht für Gerda und Hermann ein Höhepunkt Ihres Lebens. Für Gerda brachten sie die Wiedervereinigung mit ihrer Schwester Dorothea, die zu sehen ihr über Jahrzehnte verwehrt war. Der historische Epochenumbruch wurde zudem der Ausgangspunkt unzähliger neuer Bekanntschaften, die sich nicht selten zu Freundschaften entwickelten.

Dabei waren Gerda und Hermann echte Brückenbauer zwischen West und Ost. Am Werden und Gedeihen der 1998 gegründeten Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur nahmen die beiden von Beginn an regen Anteil. Hermann ganz formell als Mitglied des Stiftungsrats und beide in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Menschen, die sich der Arbeit für und in dieser Stiftung verschrieben haben. Und irgendwann erklärten beide, dass diese Stiftung wie keine andere Einrichtung im Lande die Gewähr böte, ihr Lebenswerk, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kommunismus, seiner Diktatur in Deutschland, mit der deutschen und europäischen Teilung ganz in ihrem Sinne dauerhaft zu betreiben und zu befördern.

In dieser Überzeugung richtete das Ehepaar 2003 die unselbständige Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Treuhänderschaft der Bundesstiftung Aufarbeitung ein, die als Alleinerbin das Lebenswerk von Gerda und Hermann bewahren und die Auseinandersetzung mit der Kommunismusgeschichte dauerhaft fördern soll. Als Hermann 2014 verstarb, zeigte Gerda, wie viel Kraft in ihrem gesundheitlich so angeschlagenen Körper steckte und wie wach und energisch ihr Geist noch im höchsten Alter war und bleiben sollte.

Trotz ihres großen Verlustes blieb ihr Lebensmut erhalten. Auch dann noch, als sie aus ihrer vertrauten Umgebung ins Pflegeheim umziehen musste, wo sie von einer Freundin mit großer Selbstlosigkeit betreut wurde. Selbst die Isolation, die das vergangene Jahr mit sich brachte, nahm sie mit Gleichmut hin. Bei den regelmäßigen Telefonaten verwies sie auf neu erschienene Bücher oder TV-Sendungen, die ihr für die Arbeit der Bundesstiftung Aufarbeitung wichtig erschienen.

Besondere Genugtuung bereitete ihr die von ihr angestoßene und finanziell geförderte Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung, die seit 2019 alljährlich stattfindet. Kurz vor Weihnachten übermittelte sie noch ihre schriftliche Zustimmung zur Vergabe der Konferenzen in den Jahren 2022 und 2023. Zu diesem Zeitpunkt waren ihre Kräfte schon merklich geschwunden.

Die Telefonate blieben herzlich, aber wurden immer kürzer. So verlief auch das letzte Telefonat am 31. Dezember, bei dem wir uns alles Gute für das neue Jahr wünschten. Gerda Webers heimlicher Wunsch, 100 zu werden, sollte ihr leider nicht erfüllt werden. Am 2. Januar 2021 entschlief unsere Freundin Gerda für immer. Wir werden sie nicht vergessen.

 

Dr. Ulrich Mählert, für die Bundesstiftung Aufarbeitung und die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung am 4. Januar 2021