von Ulrich Mählert, Bundesstiftung Aufarbeitung
Kennengelernt habe ich Moritz Reininghaus 2013. Er war damals frisch gekürter Promotionsstipendiat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ich war Leiter des Arbeitsbereiches Wissenschaft. Uns verband von Anfang an nicht nur das gemeinsame Interesse an intellektuellen Grenzgängern in der Zeitgeschichte, sondern auch ein biografisches Detail: Er stammte aus Heilbronn, ich aus dem benachbarten Neckarsulm – und sein Vater hatte in den 1980er Jahren an meinem Gymnasium unterrichtet.
Moritz hatte eine feine Beobachtungsgabe, war analytisch stark und formulierte mit klarem, aber nie verletzendem Ton. Seine journalistische Begabung war unverkennbar – sei es bei der Jüdischen Zeitung, im Tagesspiegel oder beim rbb Kultur. Aber er war mehr als ein Journalist. Er war ein Rechercheur, der sich festbiss, ein sensibler Intellektueller, der an der Welt litt, und ein Grübler.
Moritz widmete sich in seiner Dissertation dem Philosophen, Übersetzer und Intellektuellen Rudolf Schottlaender – einer eigenwilligen Figur, die sich der SED-Diktatur mit konsequenter innerer Distanz entgegenstellte. Ein herausforderndes Thema, das ihm viel abverlangte. Beim Versuch, diesem Leben und Denken gerecht zu werden, geriet er sich bei der Abfassung seiner Dissertation oft selbst im Weg – aus intellektuellem Skrupel, nicht aus Mangel an Einsicht oder Wissen. Es entsprach seiner Haltung, dass wissenschaftliches Schreiben nicht nur Handwerk, sondern auch Verantwortung ist.
Gemeinsam arbeiteten wir später an der Ausstellung Die Macht der Gefühle. Deutschland 19 | 19, einem ambitionierten Vorhaben, in dem die Autorinnen Ute und Bettina Frevert die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Instrumentarium der Emotionsgeschichte gleichsam gegen den Strich bürsteten. Das Projekt erzielte große Resonanz und wurde bundesweit an hunderten Orten gezeigt. Es war auch Ausdruck seiner Fähigkeit, historische Themen sowohl zugänglich als auch vielschichtig aufzubereiten. Im Anschluss daran wirkte Moritz an der Dokumentation Die Mauer in der Welt mit, einem Projekt, das in der Verantwortung unserer Direktorin Dr. Anna Kaminsky lag. Nach seinem Ausscheiden aus der Stiftung verloren wir uns aus den Augen.
Ich wusste, wie schwer es ihm fiel, seine Dissertation abzuschließen. Und doch hatte ich stets die Hoffnung, eines Tages an seiner Promotionsfeier teilnehmen zu dürfen – als Kollege, als Begleiter auf einem Abschnitt seines Lebensweges, als jemand, der ihn schätzte. Diese Hoffnung ist nun jäh zerbrochen. Die Nachricht von seinem Tod hat uns alle in der Stiftung tief getroffen.
Es ist so unendlich traurig, dass Moritz Reininghaus nicht mehr unter uns ist. Ein kluger, sensibler Kopf. Ein feiner Kollege. Ein Mensch, der sich nicht verbog. Die Stiftung, die Wissenschaft und der Journalismus – sie alle verlieren mit ihm einen, der mitgedacht, mitgearbeitet und mitgefragt hat. Viel zu früh.
Ruhe in Frieden, Moritz.