Am 16. Juli 1990 übernimmt die Treuhandanstalt rund 8.500 ehemals „volkseigene Betriebe“ der DDR mit mehr als vier Millionen Beschäftigten. Die Aufgabe des damals „größten Konzerns der Welt“ ist beispiellos: Die Staatsbetriebe sollen in marktwirtschaftliche Strukturen überführt werden. Die Arbeit der Treuhand wird von Beginn an kontrovers diskutiert, trauriger Höhepunkt der Auseinandersetzung ist die Ermordung des ersten Verwaltungsratsvorsitzenden Detlev Karsten Rohwedder durch die RAF am 1. April 1991.

Bis heute ist das öffentliche Urteil über die Treuhandanstalt weitgehend negativ. Durch die Öffnung der Treuhandakten wird derzeit ein neuer, differenzierter Blick auf die umstrittene Institution möglich. Dazu tragen neue historische Forschungen bei, die ab 6. Juli in einer gemeinsamen Vortragsreihe der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin vorgestellt werden.

Zum Auftakt der Reihe stellt die wissenschaftliche Archivarin beim Bundesarchiv Maria von Loewenich das dortige Projekt zur Aufarbeitung der Überlieferung der Treuhandanstalt/Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben vor. Sie spricht über die Struktur der schriftlichen Überlieferungen zur Treuhandanstalt sowie die Möglichkeiten des Aktenzugangs und geht der Frage nach, welche Rolle die Akten im Zuge der Aufarbeitung des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in Ostdeutschland einnehmen können und sollten.

In den folgenden Vorträgen der Reihe werden Fallstudien und Querschnittsuntersuchungen präsentiert: Rainer Karlsch (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin, IfZ) spricht am 20. Juli über die „Leuna-Affäre“, am 3. August wird Christian Rau (IfZ) das Verhältnis von Gewerkschaften und Treuhand beleuchten. Weitere Themen sind die Treuhand im politischen Spannungsfeld (Andreas Malycha, IfZ), Fallstudien zu deutsch-tschechischen Joint Ventures (Eva Schäffler, IfZ), das Personal der Treuhand (Marcus Böick, Ruhr-Universität Bochum), der Fall Carl Zeiss Jena (André Steiner, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) sowie die Privatisierung des DDR-Schiffsbaus (Eva Lütkemeyer, IfZ).

Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie können die Vorträge bis auf Weiteres nicht mit Publikum vor Ort stattfinden. Die Vorträge und anschließenden Diskussionen werden live im Internet übertragen unter: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/treuhand-live

Weitere Informationen zur Vortragsreihe finden Sie hier. 

Vortrag von Maria von Loewenich: Fakten, Fakten, Fakten? - Die Akten der Treuhandanstalt im Bundesarchiv

Montag, 6. Juli 2020, 18 Uhr

Livestream unter: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/treuhand-live