Der Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial in Karelien Jurij Dmitrijew ist am 22. Juli 2020 von einem Gericht in Petrosawodsk wegen des Vorwurfs, seine Adoptivtochter missbraucht zu haben, zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt worden.

In einer Erklärung von Memorial hieß es dazu am Mittwoch: „Trotz der offensichtlichen Milde des Urteils im Vergleich zu den von der Staatsanwaltschaft beantragten 15 Jahren Haft ist das Urteil nicht gerecht. […] Die Anklage hat keinen Beweis für eine wirkliche Schuld Dmitriews an sexueller Gewalt gegen seine minderjährige Pflegetochter.“

Der Historiker und seine Forschungen zu den kommunistischen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs sollen vielmehr diskreditiert werden und eine Warnung sein, sich damit zu beschäftigen. Jurij Dmitrijew hatte 1997 in Sandarmoch Massengräber entdeckt, in dem Opfer stalinistischer Massenerschießungen verscharrt worden waren. Tausende Menschen hatte der sowjetische NKWD Ende der 1930er Jahre dort hingerichtet. Seit langem setzt er sich für die Aufklärung dieses Verbrechens ein, um den Angehörigen der Toten einen Ort der Erinnerung und Trauer zu geben. Damit stand er wie viele andere unabhängige Historiker im Gegensatz zur regierungsfreundlichen Deutung, die behauptet, dass an diesem Ort finnische Truppen sowjetische Kriegsgefangene erschossen hätten.

In seinem Schlusswort vor Gericht erklärte Dmitrijew: „Mit welchem Ziel wurde dieses Verfahren eingeleitet? Ich jedenfalls weiß es nicht. Um das Erinnern zu beenden? Das wird so nicht gelingen.“ Einen Beitrag zur Bewahrung dieses Erinnerns leistete die Historikerin Ekaterina Makhotina. Sie hat seine Entdeckung und Deutung der Massentötungen von Sandarmoch 2017 in einem Aufsatz festgehalten.