Mit Bestürzung verfolgen wir den Konflikt um die Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Im Kern geht es dabei um den jeweils angemessenen Umgang mit den beiden Diktaturen in Deutschland. In den neunziger Jahren schien nach intensiver und kontroverser Diskussion hier ein Konsens erzielt worden zu sein: "NS-Verbrechen dürfen nicht durch die Auseinandersetzung mit dem Geschehen der Nachkriegszeit relativiert werden, das Unrecht der Nachkriegszeit darf aber nicht mit dem Hinweis auf die NS-Verbrechen bagatellisiert werden". Dieser Leitsatz kennzeichnete die Empfehlungen der von uns geleiteten Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit", die u.a. in die derzeit gültige Gedenkstättenkonzeption des Bundes mündeten.

In den fünfzehn Jahren seit der friedlichen Revolution, die den Weg zur deutschen Einheit ebnete, haben sich allenfalls erste Grundzüge einer gesamtdeutschen Erinnerungskultur herausgebildet, die auf einem tatsächlichen Konsens in der Gesellschaft beruhen und die europäische Dimension von Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert berücksichtigen. Wir plädieren an alle, die sich dem historischen Gedenken an die Diktaturen und deren Opfer verpflichtet fühlen und sind, alles zu vermeiden, was dieses Thema zum Gegenstand des politischen Tageskampfes erhebt. Die beiden Diktaturen in Deutschland dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden!

Wir sind der Überzeugung, dass insbesondere die gravierenden Unterschiede zwischen den - aber auch die Gemeinsamkeiten der - beiden Diktaturen in Deutschland in der historisch-politischen Bildungsarbeit den heranwachsenden Generationen langfristig nur dann vermittelt werden können, wenn der Vergangenheitsdiskurs zu einer ausreichenden Schnittmenge findet. Wir wünschen uns, dass jene, die selbst oder im Familienkreis auf höchst unterschiedliche Weise erleben mussten, wie totalitäre Regime in Deutschland zum Völkermord oder zur jahrzehntelangen Unterdrückung der Menschen im Stande waren und die Menschenwürde missachteten, die Kraft zum Dialog finden; sei es in gemeinsamen Gremien oder in der öffentlichen Debatte. Und so appellieren wir, die derzeitige Kontroverse als Chance zu nutzen, um den Erinnerungskonsens zu bekräftigen, weder den Nationalsozialismus zu relativieren, noch die Geschichte der Diktatur in der SBZ und DDR zu bagatellisieren.

Markus Meckel, Vorsitzender des Stiftungsrates
Rainer Eppelmann, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes
Berlin, 30. Januar 2004