Getragen von der Idee einer bevorstehenden Weltrevolution, gewann der Kommunismus in den 1920er-Jahren international an Anziehungskraft. Die Mitglieder der Kommunistischen Internationale diskutierten, organisierten und reisten über Ländergrenzen hinweg – Transnationalität war gelebte Praxis. Doch im Stalinismus der 1930er- und 1940er-Jahre wandelte sich ihr Charakter. Transnationalität war nicht länger Selbstverständnis, sondern Mittel zum Zweck: Die kommunistischen Parteien wurden zu Instrumenten sowjetischer Außenpolitik, die Komintern schließlich 1943 aufgelöst.
Nach 1945 traten diplomatische Routinen und ritualisierte Solidaritätsformen an die Stelle eines kämpferischen Internationalismus. Die Revolution wurde sesshaft. Das Jahrbuch folgt den Spuren dieser Entwicklung in Europa und im Globalen Süden. Es erzählt von Weltrevolutionären und Revolutionstouristen, beschreibt Exilgemeinschaften und Wissenstransfer und schildert, wie aus spontaner transnationaler Solidarität staatlich kontrollierte „Völkerfreundschaft“ wurde.
Metropol Verlag Berlin · 328 Seiten · 29,00 €
ISSN 0944-629X · ISBN 978-3-86331-850-5
Im METROPOL Verlag erhältlich.
Marcel Bois, Christian Dietrich und Rhena Stürmer (Gastherausgeber 2026) sowie Ulrich Mählert im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Das 1993 von Hermann Weber in Mannheim begründete und seit 2004 im Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung herausgegebene Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ist die wichtigste deutschsprachige Plattform der deutschen und internationalen historischen Kommunismusforschung.
Marcel Bois / Christian Dietrich / Rhena Stürmer
Von der Internationale zur „Völkerfreundschaft“. Transnationalität im Kommunismus des 20. Jahrhunderts. Eine Einführung
From the International to “Friendship of Peoples”? Communism and Transnationality in the 20th Century
Brigitte Studer / Detlef Siegfried / Marcel Bois
„Die Idee der internationalen Solidarität blieb eine mobilisierende Ideologie.” Ein Gespräch über das Transnationale im Kommunismus des 20. Jahrhunderts
“The idea of international solidarity remained a mobilizing ideology.” A conversation about transnationalism in 20th-century communism
Bernhard H. Bayerlein
Lost in Transition: Sowjetunion und Komintern – vom kulturellen Internationalismus zum Nationalchauvinismus
Lost in Transition: The Soviet Union and the Comintern – From Cultural Internationalism to National Chauvinism
Tobias Kühne
Moskau – Honnef – Mexiko. Kommunistische Globalisierung und Globalität in der rheinischen Provinz (1920–1938)
Moscow – Honnef – Mexico: Communist Globalisation and Globality in the Rhineland Province, 1920–1938
Rhena Stürmer
Die Kommunistische Arbeiter-Internationale (1921–1944). Der gescheiterte Versuch eines linkskommunistischen Netzwerks
The Communist Workers' International (1921–1944). The failed attempt at a left-wing communist network
Johanna Wolft
Der Weltgewerkschaftsbund und die Antikolonialbewegung während der Nachkriegszeit
The World Federation of Trade Unions and the anti-colonial movement during the postwar period
Jeff Hayton
Sozialistischer Internationalismus in den Felsen. Ostdeutsche Bergsteiger in der Mongolei (1966)
Socialist internationalism in the rocks. East German mountaineers in Mongolia (1966)
Lili Li
Die westliche Linke und Chinas Volksdiplomatie. Utopien, Realität und ideologischer Wandel
The Western Left and China's People's Diplomacy: Utopias, Reality, and Ideological Change
Teresa Malice
Städtepartnerschaft als kulturelle Praxis. Translokale Verbindungen zwischen Italien und der DDR
Town twinning as cultural practice. Translocal connections between Italy and the GDR
Aleksandar Rakonjac
„Der Aufbau einer neuen kommunistischen Utopie”. Das Engagement westlicher Handwerker und Ingenieure bei der Industrialisierung Jugoslawiens (1945–1952)
“Building a New Communist Utopia.” The Involvement of Western Craftsmen and Engineers in the Industrialization of Yugoslavia (1945–1952)
Natalija Dimić Lompar
Linker Aktivismus von Deutschen in Jugoslawien (1945–1950)
Left-wing activism by Germans in Yugoslavia (1945–1950)
Christian Dietrich
Transnationalität ohne Sprachbarriere. Die Auseinandersetzungen zwischen österreichischen Sozialisten und Kommunisten im schwedischen Exil
Transnationalism without language barriers. The disputes between Austrian socialists and communists in exile in Sweden
Uwe Sonnenberg
Leo Zuckermann im Exil. Stationen „zwischen Internationale und Völkerfreundschaft”
Leo Zuckermann in exile. Stages “between internationalism and friendship among peoples”
Fabian Bennewitz
Exilnetzwerke zwischen „internationalistischer Tradition” und Völkerfreundschaft. Die transnationalen Beziehungen zwischen der DDR und der uruguayischen Linken (1949–1989)
Exile networks between “internationalist tradition” and friendship between peoples. Transnational relations between the GDR and the Uruguayan left (1949–1989)
Victor Strazzeri
Kommunistischer Internationalismus und Nord-Süd-Asymmetrien. Über die transnationale Solidarität italienischer Kommunisten mit der brasilianischen Linken (1975–1982)
Communist internationalism and North-South asymmetries. On the transnational solidarity of Italian communists and the Brazilian left (1975–1982)
Reiner Tosstorff
Internationaler Kommunismus und Rif-Krieg in den 1920er-Jahren. Ein früher transnationaler Lernort des antikolonialen Kampfes?
International communism and the Rif War in the 1920s. An early transnational learning center for the anti-colonial struggle?
Peter Thaler
Trans-Nationalismus in der Kommunistischen Internationale. Kommunistische Nationsbildungsprojekte im Schatten der Weltkriege
Trans-Nationalism in the Communist International: Communist Nation-Building in the Shadow of the World Wars
Hao Chen
Internationalistischer Nationalismus. Die Entstehung eines „dritten Korea” im chinesisch-nordkoreanischen Grenzgebiet (1945–1952)
Internationalist nationalism. The emergence of a “third Korea” in the Chinese-North Korean border region (1945–1952)