Pressemitteilung vom 14.06.2002

Erinnerung als Auftrag: Den 17. Juni 1953 gesamtdeutsch denken!

Eine Pressemitteilung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zum 49. Jahrestag des Aufstandes in der DDR

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 hat seinen Platz in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur noch nicht gefunden. Mit dem 3. Oktober 1990 galt der vormalige westdeutsche "Tag der deutschen Einheit" als verzichtbar. Das massenhafte Aufbegehren gegen die zweite deutsche Diktatur scheint fortan allein Sache der Ostdeutschen zu sein - ein Datum von regionalgeschichtlicher Bedeutung?

Die Demonstrationen und Streiks in mehr als 500 ostdeutschen Städten und Gemeinden standen für mehr als den Wunsch nach einer gesamtdeutschen Nation. Acht Jahre nach dem Ende der ersten deutschen Diktatur demonstrierten erstmals über eine Million Deutsche für demokratische Rechte und Freiheit. Die SED-Diktatur hatte abgewirtschaftet. Es waren sowjetische Panzer, die den Aufstand niederschlugen. Tausende büssten ihren Mut hinter Gittern, mindestens zwanzig mit ihrem Leben. Dieses Ereignis muss als eines der seltenen deutschen Beispiele des Widerstandes gegen eine undemokratische Obrigkeit in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur verankert und für die politische Bildungsarbeit innerhalb und außerhalb der Schulen nutzbar gemacht werden. Wer 1990 in Frankfurt geboren wurde, der sollte als Erwachsener den 17. Juni 1953 als Teil der Geschichte seines Landes begreifen - unabhängig davon, ob sein Frankfurt am Main oder an der Oder liegt.

Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur möchte aus Anlass des bevorstehenden Jahrestages an den Freiheitswillen der Aufständischen und an die Opfer des Aufstandes erinnern. Gleichzeitig fordert die Stiftung dazu auf, die Zeit bis zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953 im kommenden Jahr dazu zu nutzen, die Bedeutung des Aufstandes öffentlich zu diskutieren und diesen als gesamtdeutsches Ereignis im öffentlichen Gedenken neu zu verorten.

Großangelegte Ausstellungsprojekte, u.a. des Hauses der Geschichte und seines Zeitgeschichtlichen Forums, sowie eine Vielzahl regionaler Planungen machen deutlich, dass dieses Thema im nächsten Jahr vielfältig aufgegriffen werden wird.

Die Stiftung wird hierzu eigene Beiträge leisten.

  • Sie wird die Mittler der politischen Bildungsarbeit, Verlage, Rundfunk- und Fernsehsender etc. in den nächsten Tagen anschreiben, auf den 50. Jahrestag hinweisen und mittels eines Fragebogens darum bitten, die Vorhaben zu melden, die zu diesem Anlass vorbereitet werden. Gleichzeitig stellt die Stiftung auf Antrag Projektmittel für Veranstaltungen, Ausstellungen etc. zur Verfügung. Antragschluss für Fördermittel im Jahr 2003 ist der 30. September 2002.

  • Die Stiftung begrüßt die Entscheidung des Bundesministeriums der Finanzen, eine Sonderbriefmarke zum 17. Juni 1953 herauszugeben. Die Stiftung hat hierzu Anfang des Jahres angeregt.

  • Sie unterstützt die Initiative, Straßen nach Protagonisten des 17. Juni 1953 umzubenennen, die bis heute den Namen kommunistischer Funktionäre und realsozialistischer "Errungenschaften" tragen. Eine solche Initiative kann wesentlich dazu beitragen, eine Geschichtsdebatte vor Ort in den Städten und Gemeinden anzuregen.

  • Zum Jahreswechsel 2002/2003 wird die Stiftung auf der Grundlage der bereits erwähnten Umfrage eine Programmübersicht zu den Veranstaltungsangeboten zum 17. Juni 1953 im Internet und ggf. als Broschüre veröffentlichen.

  • Die Stiftung freut sich über das Interesse des ZDF an einer gemeinsamen öffentlichen Voraufführung des aufwändigen zweiteiligen Dokudramas, das der Sender derzeit über den 17. Juni produziert.

  • Im Verlauf des Jahres 2002 lobt die Stiftung u.a. an Kunst-, Design- und Filmhochschulen einen Wettbewerb zum 17. Juni aus, in dem Filmspots und Plakate zum Thema prämiert werden sollen. Die Ergebnisse werden im Frühsommer 2003 in Zusammenarbeit mit den UFA-Filmtheatern in Berliner Kinos gezeigt bzw. der politischen Bildungsarbeit zur Verfügung gestellt.

Im Verbund mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Bundeszentrale für politische Bildung bereitet die Stiftung Aufarbeitung für Juni 2003 darüber hinaus eine Reihe von Veranstaltungen zum 17. Juni vor:

  • Für den Samstag, den 14. Juni 2003 lädt die Stiftung auf dem Berliner Alexanderplatz zu einem großen Infomarkt ein, auf dem sich alle Institutionen präsentieren können, die sich mit der Geschichte der deutschen Teilung beschäftigen.

  • Mit einer Filmnacht zu den Aufständen im kommunistischen Herrschaftssystem, die am 16. Juni 2003, am Vorabend des 50. Jahrestages stattfinden wird, soll der 17. Juni im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.

  • Die BStU richtet eine internationale Konferenz zum Thema aus und die Bundeszentrale für politische Bildung wird eigens zum Jahrestag ein Theaterstück inszenieren lassen.

  • Veranstaltungen sollen schließlich - so die Bitte, die die drei Einrichtungen in einem Schreiben an den Bundestagspräsidenten formuliert haben - am 17. Juni 2003 in eine Gedenkstunde des Deutschen Bundestages münden und mit bundesweiten Kranzniederlegungen an den Stätten des Aufstandes ihr Ende finden.

Die Stiftung Aufarbeitung ist sich bewusst, dass die kollektive Erinnerung durch einmalige Veranstaltungen aus Anlass eines Jahrestages - mögen sie noch so gelungen sein - nicht wesentlich beeinflusst werden kann. Sie fordert daher alle Politiker, Mittler der politischen Bildungsarbeit, Wissenschaftler, Lehrer und Hochschullehrer und nicht zuletzt die Medien auf, sich an der Diskussion über den Stellenwert des 17. Juni 1953 zu beteiligen.

gez. von Markus Meckel, MdB, Ratsvorsitzender
Rainer Eppelmann, MdB, Vorstandsvorsitzender
Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Stellv. Vorstandsvorsitzender

Berlin, 14. Juni 2002