Archiv unterdrückter Literatur in der DDR

Buchcover
Das Archiv unterdrückter Literatur in der DDR ist ein Projekt zur Erforschung in der SBZ oder DDR verfasster literarischer Texte, die bislang unbekannt waren, weil sie unterdrückt wurden.

Projektablauf

In der ersten Phase des von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Projekts haben Prof. Ines Geipel und Joachim Walther bislang unbekannte, in der DDR bzw. SBZ entstandene und unterdrückte literarische Texte gehoben. Gesucht und gesammelt wurden und werden Primärtexte aller literarischen Genres: Prosa, Lyrik und Dramatik. Hinzu kommt das zu den Texten gehörende biografische und zeithistorische Material.

In einer zweiten Phase wurde das gehobene Material in dem für Deutschland einzigartigen Literaturarchiv, das bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin verortet ist, der interessierten Öffentlichkeit sowie der literaturwissenschaftlichen und zeithistorischen Forschung zugänglich gemacht.

Neben der archivalischen Sicherung dieser Literatur sollen die vormals unterdrückten Texte und Autoren durch Publikationen, Kolloquien, Lesungen und andere Veranstaltungen publik gemacht und somit einer verschwiegenen, verbotenen, verfemten, verfolgten Literatur erstmals eine öffentliche Stimme gegeben werden.

Motivation

Die Literatur in der DDR war vielfältiger und ambivalenter als es die publizierten Texte aus dieser Zeit vermitteln. Angesichts der bekannt gewordenen Zensurpraktiken und politischen Restriktionen in der DDR wird diese Tatsache kaum erstaunen. Doch gelangten die nicht veröffentlichten literarischen Entwürfe, die ein anderes Bild von Staat und Gesellschaft als das offiziell propagierte wiedergaben, auch nach 1989 kaum an die Öffentlichkeit. Die Einrichtung und notwendige Dokumentation eines "Archives unterdrückter Literatur in der DDR" soll einen breiteren und fundierteren Blick auf den Literaturraum DDR ermöglichen. Mit den gesammelten und archivalisch aufbereiteten Texten wird das Archiv bislang völlig unbekanntes Material anbieten, das eine Ergänzung und notwendige Korrektur des von der offiziellen DDR-Literaturwissenschaft vorgegebenen und auch im Westen oftmals unkritisch übernommenen Literaturkanons erlaubt.

Ein weiteres wichtiges Motiv für das Vorhaben ist, die in der DDR abgewiesenen Autoren moralisch zu rehabilitieren und ihren Texten, die zur Zeit ihres Entstehens keine Chance auf Publikation hatten, heute eine Öffentlichkeit zu geben.

Die bisherige Sichtung unveröffentlichter Texte zeigt, dass es sich in diesem Kontext ursächlich um ein politisch kalkuliertes Aussondieren von literarischen Stimmen handelte, da diese Literaten nicht bereit waren, kulturpolitisch angetragene stofflich-gegenständliche, thematische, aber auch formal-ästhetische Verformungen in Bezug auf die eigenen Schreibexistenzen zu gestatten.

Die Literatur dieser nicht in den Kanon aufgenommenen Autoren muss als Korpus notwendigerweise fragmentarisch bleiben: Wie viele künstlerische Versuche abgebrochen, wie viele Lebensentwürfe in der DDR-Diktatur zerstört wurden, wird kaum mehr zu beantworten sein. In einer Zeit jedoch, in der die äußeren Zeichen der zweiten deutschen Diktatur sukzessive verschwinden, wird das "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" zu einer einmaligen Dokumentation politischer und ästhetischer Widerständigkeit werden, zu für Folgegenerationen wichtigen Zeugnissen individueller Unbedingtheit, Zivilcourage und des Bewahrens geistiger Autonomie unter den Bedingungen eines totalitär verfassten Staates.

Kriterien zur Aufnahme

Kriterien für die aufzunehmenden Texte und Autoren sind: Autoren ohne Publikation in der DDR, systematisch verschwiegene Autorschaften, nach Flucht, Freikauf oder Ausbürgerung im Westen öffentlich nicht wahrgenommene Autoren, lediglich in diversen Archiven vorhandene Texte und Werkergänzungen bei entpolitisierten Teilveröffentlichungen in der DDR. Im "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" werden die literarischen Primärtexte, die entsprechenden Biografien der Autoren, das zeithistorische Hintergrundmaterial und Interviews mit noch lebenden Autoren oder nahen Zeitzeugen zu den damaligen Schreibbedingungen, Lebensumständen, politischen und ästhetischen Einstellungen dokumentiert.

Die Archivgründer bitten alle, die über Hinweise, Informationen, einzelne Texte oder Privatnachlässe verfügen, um Hilfe und freundliche Unterstützung des Projektes.