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Neumann, Heinz

* 6.7.1902, † 27.4.1937

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Am 6. Juli 1902 in Berlin geboren, entstammte einem bürgerlichen Elternhaus. Besuchte in Berlin das Gymnasium, studierte nach der Reifeprüfung Philologie. In dieser Zeit kam er erstmals mit dem Kommunismus in Berührung. Neumann, durch unstillbare Aktivität gekennzeichnet, wurde vom damaligen Generalsekretär der KPD Ernst Reuter (Friesland) 1920 in die KPD aufgenommen und von August Thalheimer gefördert. 1921 arbeitete Heinz Neumann für die KPD-Presse, schrieb Leitartikel und kam ins Pressebüro. Er gab 1922 sein Studium auf und wurde hauptamtlicher Parteifunktionär, zunächst Redakteur an der »Roten Fahne«. 1922 wegen illegaler Tätigkeit sechs Monate im Gefängnis, lernte in dieser Zeit Russisch. Als er im selben Jahr eine Delegation nach Sowjetrußland begleitete, war er der einzige, der Russisch sprach. Das verschaffte ihm Zugang zu den führenden russischen Kommunisten, die nun auf den beweglichen Intellektuellen aufmerksam wurden. Vermutlich hatte Neumann als einer der ersten deutschen Kommunisten direkte Beziehungen zu Stalin, der 1922 Generalsekretär der russischen KP geworden war, und näherte sich diesem an. Zunächst gehörte Heinz Neumann zur linken Opposition um Ruth Fischer, Delegierter des VIII. Parteitags im Januar 1923. Gemeinsam mit Arthur Ewert, Gerhart Eisler und Hans Pfeiffer trennte er sich im April 1923 von der linken Opposition und nahm eine vermittelnde Haltung ein.
Aktiv an den Vorbereitungen des Oktober 1923 beteiligt, arbeitete er kurze Zeit im AM-Apparat (Zersetzung). Anfang 1924 für die Mittelgruppe Polleiter in Mecklenburg. Nachdem die Linke im April 1924 die Führung übernahm, wurde Neumann etwas in den Hintergrund gedrängt und lebte illegal. Er war aus dem Gefängnis entflohen und wurde polizeilich gesucht. Im »Tscheka-Prozeß« von einem Zeugen belastet, ging er zunächst nach Wien. Dort verhaftet und abgeschoben, emigrierte er nach Moskau. Nach der Ablösung von Iwan Katz als Vertreter der KPD bei der Komintern (1925) trat Neumann dessen Nachfolge an und war einer der aktivsten Streiter für die Bolschewisierung der KPD und gegen die linke Opposition. Damals entstanden u. a. seine Broschüren »Was ist Bolschewisierung?« (Oktober 1924) und »Der ultralinke Menschewismus« (1925). Im Juni 1925 wurde er als »Gutachter« im Moskauer Prozeß gegen Karl Kindermann und andere Deutsche hinzugezogen.
Immer deutlicher vertrat der umstrittene Neumann die Politik Stalins in DeutschIand. In seiner wichtigen Position wirkte er von Moskau aus maßgeblich auf die KPD-Politik ein. Der XI. Parteitag 1927 wählte ihn als Kandidat ins ZK der KPD. Als Ende 1927 die Moskauer Politik in China Bankrott erlitt, versuchte Stalin während des XV. Parteitags der KPdSU (2. bis 19. Dezember 1927) durch ein Fanal in China die Dinge zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Neumann und sein persönlicher Freund, der führende KPdSU-Funktionär Wissarion (Besso) Lominadse, wurden nach China entsandt. Sie organisierten den Kantoner Aufstand, der im Dezember 1927 ausbrach und in einem dreitägigen blutigen Kampf zur Vernichtung der dortigen Kommunisten führte. Neumann wurde seit dieser von Stalin gewünschten Aktion von seinen Gegnern »Henker von Kanton« genannt. Er konnte entkommen und wurde 1928 von Stalin wieder nach Deutschland geschickt. Bei der Diskussion des ZK der KPD über die Wittorf-Affäre setzte sich Neumann sehr stark für Ernst Thälmann ein.
Als Stalin zu Thälmanns Gunsten eingriff, gelangte Neumann auf den Höhepunkt seiner Macht: Er kam ins Polsekretariat, womit der 26jährige neben Thälmann und Hermann Remmele zum entscheidenden Führer der deutschen KP wurde. Neumann übernahm die Chefredaktion der »Roten Fahne«, wurde auf dem XII. Parteitag 1929 ins ZK und als Kandidat ins Polbüro gewählt und zog im September 1930 im Wahlkreis Potsdam I auch als Abgeordneter in den Reichstag ein. Der von der Komintern eingeleitete ultralinke Kurs wurde in der KPD gerade durch den Draufgänger Neumann forciert, der eng mit Remmele zusammenarbeitete. 1930 gab er die Parole aus: »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!« und war zugleich für einen verschärften Kampf gegen die »Sozialfaschisten« (d. h. die Sozialdemokraten), besonders aber gegen alle innerparteilichen Abweichungen. Als Sprachrohr Stalins hatte Neumann bei dieser Politik das gesamte Polbüro hinter sich. Bei der Frage, wie der Kampf gegen den Faschismus zu führen sei, geriet er 1931 in einen gewissen Gegensatz nicht nur zu Thälmann, sondern auch zu Stalin. (Dieser soll Neumann Ende 1931 gesagt haben: »Glauben Sie nicht auch, daß, falls in Deutschland die Nationalisten zur Macht kommen sollten, sie so ausschließlich mit dem Westen beschäftigt sein würden, daß wir in Ruhe den Sozialismus aufbauen könnten?«) Durch Fraktionskampf und Doppelzüngigkeit versuchte Neumann, seine Stellung zu stabilisieren, unterlag aber.
Er wurde Anfang April 1932 seiner Funktionen in Deutschland enthoben und nach Moskau kommandiert. Im Juli 1932 nochmals in den Reichstag gewählt, im Oktober des gleichen Jahres auf der III. Parteikonferenz der KPD nun auch offiziell verdammt, degradiert und dann zur Komintern-Delegation nach Spanien geschickt. Als ein Brief Neumanns an Remmele im November 1933 in die Hände der Parteispitze geriet, worin er diesen aufgefordert hatte, den Fraktionskampf fortzuführen, war seine politische Karriere zu Ende. Im Januar 1934 mußte er selbstkritisch bekennen: »Der gesamte Fraktionskampf, den ich im Jahre 1932 und bis zum März 1933 gegen das ZK der KPD geführt habe, war von Anfang bis Ende eine Kette von schweren Fehlern und Vergehen gegen die Linie und die Disziplin unserer Partei.« Seinen Brief vom März 1933, in dem er Remmele bewegen wollte, er solle »Karl Liebknecht sein« (also gegen die Mehrheit kämpfen), verwarf Neumann nun als einen »parteischädigenden Appell«.
Er wurde nach Zürich abgeschoben, dort Ende 1934 von der Schweizer Fremdenpolizei verhaftet. NS-Deutschland verlangte seine Auslieferung, der er nur mit Mühe entgehen konnte. Neumann verbrachte ein halbes Jahr als Auslieferungsgefangener im Schweizer Zuchthaus Regensdorf. Als keiner der umliegenden demokratischen Staaten den »berüchtigten Kommunisten Neumann« aufnehmen wollte, bot ihm die Sowjetunion Asyl an. Er fuhr im Juni 1935 von Le Havre an Bord des sowjetischen Frachters »Wolga« in die UdSSR und lebte fast zwei Jahre gemeinsam mit seiner Frau Margarete Buber-Neumann (* 21. 1. 1901 – † 6. 11. 1989) in Moskau, dort in der VAA beschäftigt. Am 27.April 1937 verhaftete ihn das NKWD, und am 26. November 1937 wurde Heinz Neumann vom Militärkollegium des Obersten Gerichts zum Tode verurteilt und erschossen. In Deutschland hätten ihn die Nationalsozialisten umgebracht und er wäre als Märtyrer des Kommunismus in die Geschichte eingegangen. Da er später ein Opfer Stalins wurde, blieb er eine »Unperson«.
Margarete Buber-Neumann, geborene Thüring, aufgewachsen in Potsdam, trat 1926 in die KPD ein, ab 1928 Redakteurin der Zeitschrift »Inprekorr«. Sie war in erster Ehe mit einem Sohn des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber verheiratet gewesen und flüchtete 1933 aus Deutschland. Auch sie ist am 20.Juni 1938 in Moskau verhaftet und am 19. Januar 1939 als »sozial gefährliches Element« zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden. Nach unmenschlicher Lagerhaft in Karaganda wurde sie am 5.Februar 1940 als »unerwünschte Ausländerin« aus der Sowjetunion ausgewiesen und in Brest-Litowsk an NS-Deutschland ausgeliefert. Hier sofort in das Frauen-KZ Ravensbrück eingeliefert, wo sie von den kommunistischen Häftlingen geächtet wurde, da sie über die stalinistische Wirklichkeit und ihre Gulag-Erfahrungen berichtete. Im April 1945 flüchtete sie westwärts, aus Furcht, erneut inhaftiert zu werden. In der Bundesrepublik wurde Margarete Buber-Neumann als Publizistin und Schriftstellerin bekannt. In ihren Büchern »Als Gefangene bei Stalin und Hitler«, »Von Potsdam nach Moskau« und »Schauplätze der Weltrevolution« beschrieb sie ihr eigenes und Heinz Neumanns Schicksal.

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Redaktionsschluss: Mai 2008. Eine kontinuierliche Aktualisierung der Biographien kann von den Herausgebern nicht gewährleistet werden. Soweit bekannt, werden Sterbedaten in regelmäßigen Abständen nachgetragen. Änderungs- und Korrekturwünsche werden von den Herausgebern des Handbuches geprüft und ggfl. eingearbeitet (Mail an herbst@gdw-berlin.de).
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