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Heym, Stefan (eigtl.: Helmut Flieg)

(Ps. Elias Kemp)
* 10.4.1913, † 16.12.2001
Schriftsteller

Biographische Angaben aus dem Handbuch „Wer war wer in der DDR?“:


Geb. in Chemnitz; Vater Kfm. (wegen jüd. Herkunft später zus. mit weiteren Angeh. von den Nazis ermordet); Verweisung vom Gymnasium nach Veröff. eines antimilitar. Gedichts; 1932 Abitur in Berlin; erste Veröff. u. a. in der Ztschr. »Weltbühne«; Studium der Philos., Germanistik u. Ztgs.-Wiss. in Berlin; 1933 Emigr. in die ČSR; zum Schutz der Familie Annahme des Ps. S. H., Journalist u. a. für die Ztschr. »Das Wort«, »Neue Dt. Blätter«, »Internat. Lit.«; ab 1935 Studium in Chicago, Magisterarbeit zu Heinrich Heine; danach Tellerwäscher, Vertreter, Kellner, Verkäufer, Korrektor; 1937 – 39 Chefred. der Wochenztg. »Dt. Volksecho« in New York, Arbeit für »Die Tribüne«; 1938 – 40 Mitgl. der German-American-Writers-Association; 1942 erster USA-Romanbestseller »Hostages« (dt. »Der Fall Glasenapp«, 1958); 1943 US-Army, Sergeant (später Ltn.) in einer »Psychological Warfare«-Komp.; Red. der »Frontpost« des Senders Luxemburg; dort zus. mit Hans Habe u. a. antifa. publizist. Arbeit (veröff. in: »Reden an den Feind«, 1980; »Stalin verläßt den Raum«, 1990).
1945 journalist. Arbeit für die »Ruhr-Ztg.«; Mitbegr. der Ztg. »Neue Zeit« in München; wegen »prokommunist.« Haltung in die USA zurückversetzt u. aus der Armee entlassen; 1948 Welterfolg mit dem Roman »The Crusaders« (dt. »Kreuzfahrer von heute«, 1950); wegen Bedrohung durch den J.-R.-McCarthy-Aussch. u. aus Protest gegen den Korea-Krieg Ausreise aus den USA; 1951 über Warschau zunächst nach Prag; Jan. 1952 Übersiedl. in die DDR; 1953 Mitgl. des PEN-Zentrums Ost u. West; 1953 – 56 Kolumnist der »Berliner Ztg.«; nach dem 17.6.1953 publizist. Einsatz für einen krit. ges. Dialog, insbes. in der Kolumne »Offen gesagt« (Buchveröff. »Im Kopf – sauber«, 1954; »Offen gesagt. Neue Schriften zum Tage«, 1958); 1954 Heinrich-Mann-Preis; Mitgl. des Vorst. des DSV; 1956 Kontroverse mit  Walter Ulbricht auf dem IV. Schriftst.-Kongreß; Lit.-Preis des FDGB; 1959 NP; Dez. 1965 Angriff  Erich Honeckers (11. Tagung des ZK der SED) gegen das Manuskript »5 Tage im Juni« (veröff. 1974 in der Bundesrep. Dtl.); 1969 Geldstrafe wegen der Veröff. des Romans »Lassalle« im Westen (1974 in der DDR veröff.); 1973 Thematisierung der Stellung der Intellektuellen zw. Macht u. Wahrheit im Roman »König David Bericht«, spektakuläre Kritik stalinist. Geschichtsschreibung (während der kurzz. kulturpol. Öffnung nach der 6. Tagung des ZK der SED); Nov. 1976 Mitunterz. der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von  Wolf Biermann; fortlaufende Überwachung durch das MfS (u. a. OV »Diversant«); 1978 Ausschl. vom VIII. Kongreß des SV; 1979 nach Drucklegung des antistalinist. Romans »Collin« in der Bundesrep. Dtl. wegen »Devisenvergehens« Verurteilung zu einer Geldstrafe; Juni 1979 »wegen groben Verstoßes gegen das Statut« zus. mit acht weiteren Schriftst. Ausschl. aus dem SV; Erstveröff. neuer Romane fortan in der Bundesrep. Dtl. (»Ahashver«, 1981; »Schwarzenberg«, 1984); 1982 nennt S. H. in einer Rede beim dt.-dt. Schriftst.-Treffen im niederländ. Scheveningen die Wiedervereinigung »möglich u. naturgegeben«; 1988 Veröff. der Autobiogr. »Nachruf« (1990 in der DDR); 4.11.1989 gefeierter Redner auf der Berliner Protestkundgebung der Bürgerbew. am Alexanderplatz; nach der Maueröffnung Kritik am »Kaufrausch der Massen« u. Mitinitiator des Aufrufs »Für unser Land«; Wiederaufn. in den SV; Veröff. aller ehem. verbotenen Bücher.
1990 u. 1991 Dr. h. c. der Univ. Bern bzw. Univ. Cambridge; 1992 Kunst- u. Kulturpreis »Chemnitzer Ernst«; 1993 Ehrenpräs. des Dt. PEN-Zentrums Ost; Jerusalem-Preis; 1994 als parteiloser Direktkand. (Berlin-Mitte / Prenzlauer Berg) auf der Offenen PDS-Liste Wahl in den Dt. Bundestag, Alterspräs. des 13. Bundestags; 1995 Mandatsniederlegung aus Protest gegen geplante Diätenerhöhung; 1996 Mitunterz. der »Erfurter Erklärung«; 1998 Bestätigung als Ehrenpräs. des vereinigten PEN-Zentrums Dtl.; gest. in Jerusalem.
S. H.s liter. Verfahren, hist. Stoffe auf ihre gegenwärtige Bedeutung für gesellsch. Utopien u. deren Deformationen zu befragen, machte ihn im geteilten Dtl. zu einem der wichtigsten zeitgenöss. Schriftst.

Publ.: Die Augen der Vernunft. Berlin 1955 (»The Eyes of Reason«, Boston 1951); Die Papiere des Andreas Lenz. Leipzig 1963; Wege u. Umwege. Streitbare Schriften aus fünf Jahrzehnten. München 1980; Werkausgabe; 14 Bde. München 1988; Einmischung. Gespräche, Reden, Interviews 1982 – 1989. München 1990; Gedanken über das neueste Dtl. Essays. München 1990; Filz. München 1992; Radek. München 1995; Der Winter unsers Mißvergnügens. Aus den Aufzeichnungen des OV Diversant. München 1996; Pargfrider. 1998; Immer sind die Weiber weg und andere Weisheiten. Leipzig 1998; Offene Worte in eigener Sache. München 2003 (Autobiogr.).
Sek.-Lit.: Zachau, R.: St. H. München 1982; Töteberg, M.: St. H. In: Krit. Lexikon der dt.-spr. Gegenwartslit. München 1978 ff. (mit Bibl. zu Primär- u- Sekundärlit.); General, R., Sabath, W.: St. H. Berlin 1994; Hutchinson, P.: St. H.: Dissident auf Lebenszeit. Würzburg 1999; Krämer, H.: Ein dreißigjähriger Krieg gegen ein Buch. Tübingen 1999.
BRB; AnK

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