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Bertz, Paul

* 2.8.1886, † 19.4.1950
Stellvertretender Leiter der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz, »Säuberungs«-Opfer

Biographische Angaben aus dem Handbuch „Wer war wer in der DDR?“:


Geb. in Mühlhausen (Thür.); Vater Schuhmacher, Mutter Heimwerkerin; Volksschule; 1900 – 03 Ausbildung zum Werkzeugschlosser; 1903 DMV; 1904 – 06 Wanderschaft durch Dtl. u. Matrose auf versch. Schiffen, dann Werkzeugmacher in Hamburg, 1906 Militärdienst in Metz; 1909 SPD in Hamburg; ab 1910 Werkzeugmacher in Chemnitz, mehrfach entlassen wg. Streikführerschaft; 1912 SPD-Parteischule in Chemnitz; 1914 – 18 Werkzeugmacher in Kiel, dann Rückkehr nach Chemnitz; Spartakusbund, 1919 KPD; 1920 – 22 in den Wanderer-Werken Chemnitz, Betriebsratsmitgl., aus pol. Gründen entl.; 1922 – 24 Pol.-Sekr. des KPD-UB Chemnitz, 1924 / 25 Org.- u. Pol.-Ltr. des UB Erzgeb. (Vogtl.), führender Vertreter der »Chemnitzer Linken«; 1922 – 25 MdL; 1924 – 30 Abg. des Dt. Reichstags; 1925 – 27 u. ab 1929 Kand. des ZK der KPD, Mitarb. der ZK-Abt. Gewerkschaften; Mitgl. des RGO-Reichskomitees; 1930 wg. »linker Abweichungen« abgelöst; 1932 Ltr. der Abt. Betriebsräte im RGO-Reichskomitee; ab 1933 illeg. pol. Arbeit, Verbindungsmann des ZK der KPD zu den KPD-BL, Instrukteur u. Pol.-Ltr. des Bez. Wasserkante (»Karl«) in Hamburg, 1933 / 34 Oberberater der Bez. Mittelrhein, Oberrhein u. Ruhr in Düsseldorf (»Albert«), dann der KPD-BL Berlin; Okt. 1934 Emigr. nach Frankreich, Dez. 1934 in die UdSSR; Juni 1935 – Febr. 1936 Ltr. der KPD-Emigr. in der Schweiz, Grenzarbeit für die KPD-Bez. Baden, Bayern, Hessen-Frankfurt u. Württemberg (»Schiller«); Juli / Aug. 1935 Teiln. am VII. Weltkongreß der KI in Moskau, ab Aug. 1935 Mitgl. des ZK der KPD, 1936 Ltr. der Abschnittsltg. West der KPD in den Niederl. (»Johann«); ab Mai 1937 Mitarb. im Sekr. der KPD-Auslandsltg. Paris, 1937 – 39 Mitgl. des Sekr. des ZK der KPD in Frankreich; ab 1938 Kader- u. Abwehrltr. der KPD-Auslandsltg (»Helm«, »Christoph«), zuständig für alle KPD-Abschnittsleitungen in Europa; Sept. 1939 interniert in Orléans, Le Vernet u. Nîmes; Juli 1940 im KPD-Auftrag mit  Leo Bauer Flucht in die Schweiz, bis Mai 1945 illeg. in Basel, dort führende Rolle in der KPD-Emigr. (»Helm«); Zusammenarb. mit Noel H. Field (Geldtransfer, Nachrichtenübermittl.); ab 1943 wg. seiner Ablehnung illeg. Einsätze in Dtl. zunehmende Konflikte, Ende 1944 Bruch mit der KPD-Ltg. in Zürich.
Mai 1945 illeg. Rückkehr nach Dtl., von französ. Besatzungstruppen sechs Wochen in Wyhlen inhaftiert, Juli 1945 Ankunft in Berlin; 1945 / 46 stellv. Ltr. der Dt. ZV für Justiz; nach Konflikten mit dem Präs. der ZV  Eugen Schiffer,  Wilhelm Pieck,  Hilde Benjamin u. a. zum stellv. Ltr. der Abt. Werkstätten der Dt. ZV für Verkehr herabgesetzt; 1948 / 49 stellv. Abt.-Ltr. im ZA für Sozialhilfe Groß-Berlin; ab Mai 1949 Dir. der kommunalen Wirtschaftsunternehmen Chemnitz; im Zusammenhang mit der Noel-H.-Field-Affäre von der ZPKK der Agententätigkeit für die USA beschuldigt; erlitt bei Erhalt der Anklagedokumente einen tödl. Herzanfall; gest. in Chemnitz. Nach dem Tod öff. beschuldigt, im Dienst des angebl. US-Agenten Noel Field gestanden u. den antifasch. Widerstand sabotiert zu haben.

Sek.-Lit.: Kaufmann, B. u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD. Berlin 1994; Kießling, W.: Partner im »Narrenparadies«. Berlin 1994; Amos, H.: Justizverw. in der SBZ / DDR. Köln 1996; Barth, B.-R., Schweizer, W. (Hrsg.): Der Fall Noel Field. Berlin 2005 u. 2007; Barth, B.-R.: »Misstrauen war sein ganzes Wesen«. Zur Biogr. u. illeg. Arbeit von P. B. (1886 – 1950) in Dtl., den Niederlanden, in Frankreich u. der Schweiz, oder: Wie aus einem KPD-Spitzenkader ein »Agent Noel Fields« wurde. In: IWK H. 4 / 2008.
BRB

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Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 2. August 1886 in Mühlhausen/ Thüringen als Sohn eines Schuhmachers; lernte Werkzeugschlosser, 1902 Mitglied des DMV. Nach der Militärzeit ging er 1909 auf Wanderschaft und trat 1910 der SPD bei. Er ließ sich in Chemnitz nieder, wo er dem Spartakusbund und der KPD seit ihrer Gründung angehörte. Delegierter des Vereinigungsparteitages 1920 und des VII. Parteitags. In Chemnitz stand Bertz, der von 1922 bis 1924 Polleiter des UB Chemnitz war, auf dem linken Flügel der Partei. Seit Dezember 1924 KPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag, im Dezember 1924 (und erneut 1928) auch in den Reichstag gewählt. 1924 Orgleiter des Bezirks Erzgebirge-Vogtland, dann vorübergehend Polleiter in diesem Bezirk. Auf dem X. Parteitag der KPD (Juli 1925) Mitglied der Politischen Kommission und zum Kandidaten des ZK berufen. Delegierter des Erweiterten EKKI und der Orgkonferenz des EKKI in Moskau 1925. Ab August 1925 in der Gewerkschaftsabteilung des ZK, dort Leiter der Industriegruppe Textil. Der XII. Parteitag 1929 wählte Bertz als Kandidat ins ZK, er gehörte zur sogenannten Chemnitzer Richtung, die in den Jahren 1926/28 eine linke Opposition betrieb. Nach der Kursschwenkung 1928/29 trat er rasch in den Vordergrund. Doch wurde er schon 1930 zusammen mit Paul Merker wegen »linker Abweichung« angegriffen und deshalb 1930 nicht mehr in den Reichstag gewählt. 1931/32 leitete er die Betriebsräteabteilung im RGO-Reichskomitee. Im Dezember 1932 wurde Bertz wegen Auseinandersetzungen mit Fritz Schulte über die Taktik bei den kommenden Betriebsrätewahlen als hauptamtlicher RGO-Angestellter entlassen. Dann erwerbslos, bis ihn das ZK im Februar 1933 als Instrukteur nach Bayern schickte. Im Frühjahr 1933 Polleiter der KPD Hamburg, Anfang Dezember Oberberater im Westen (Ruhrgebiet, Nieder- und Mittelrhein) sowie ab Mai 1934 Oberberater im Bezirk Berlin-Brandenburg. Im Oktober 1934 emigrierte Bertz, er leitete von der Schweiz aus die Grenzarbeit für die KPD-Bezirke in Süddeutschland. Ab 1935 gehörte er dem Sekretariat des ZK in Frankreich an. 1936 übernahm er als Johann die AL West der illegalen KPD (vom Ausland her) und war dann Oberberater in Amsterdam. Bertz nahm 1935 am VII. Weltkongreß der Komintern teil und wurde auf den Parteikonferenzen der Emigrations-KPD 1935 und 1939 ins ZK gewählt. Bis Kriegsausbruch blieb er Sekretär des ZK in Paris, wurde 1939 dort interniert, konnte aber 1940 in die Schweiz fliehen. Bertz hatte sich 1939 gegen den Stalin-Hitler-Pakt ausgesprochen und übte deshalb offiziell keine Funktion mehr aus. Trotzdem spielte er in der KPD-Emigration in der Schweiz eine führende Rolle und stand in engem Kontakt mit Noel H. Field. 1945 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er stellvertretender Chef der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz. Da er die Vereinigung mit der SPD ablehnte und die Politik der KPD bzw. der SED nicht billigte, erhielt er 1946 (obwohl SED-Mitglied) keine hauptamtliche Parteifunktion. Er war 1948/49 stellvertretender Abteilungsleiter im Zentralauschuß für Sozialhilfe von Ost-Berlin, ab Mai 1949 Direktor der Kommunal-Wirtschaftlichen Unternehmung Chemnitz. Paul Bertz verübte am 19. April 1950 Selbstmord. Kurz nach seinem Tode (am 24. August 1950) veröffentlicht das ZK der SED eine Erklärung zur Verbindung ehemaliger Emigranten mit Noel Field. Darin wurde Bertz (gemeinsam mit Willi Kreikemeyer, Lex Ende, Leo Bauer u.a.) beschuldigt, ein »Agent« gewesen zu sein.

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