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Meyer, Ernst

* 10.7.1887, † 2.2.1930

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Als Sohn eines Lokomotivführers am 10. Juli 1887 in Prostken/Ostpreußen geboren, seine Familie ermöglichte ihm unter großen Entbehrungen den Besuch der Oberrealschule. Die Erziehung im Elternhaus war antisozialistisch und streng religiös. Er finanzierte sich das Studium selbst und studierte Philosophie, Psychologie und Nationalökonomie in Königsberg und Berlin. Meyers vier Geschwister (drei Brüder, von denen einer im Weltkrieg fiel, einer in Chile vermögend wurde und der andere in der Inflation sein Geld verlor und Selbstmord verübte, sowie eine Schwester, die Lehrerin wurde) gingen andere Wege. Die Mutter war fanatische Anhängerin einer religiösen Sekte. Als Gegner des Sozialismus sollte Meyer 1907 in Königsberg gegen den dortigen Sozialistenführer und späteren SPD- bzw. USPD-Vorsitzenden Hugo Haase ein Korreferat halten. Ernst Meyer, bekannt als ein ernster und um Objektivität ringender Mann, wurde während der langen Vorarbeit für das Referat vom Antisozialisten zum Sozialisten und war nunmehr von der Richtigkeit des Marxismus überzeugt.
Er trat 1908 der SPD bei. In der Folgezeit zeigte Haase an Meyers Entwicklung großes Interesse. Meyer promovierte 1910 zum Dr. phil. und kam 1912 als Mitarbeiter bei Prof. Wagemann an das statistische Amt in Charlottenburg, wurde Anfang 1913 politischer Redakteur des SPD-Zentralorgans »Vorwärts« (unter Rudolf Hilferding). Wegen Majestätsbeleidigung erhielt er eine mehrmonatige Gefängnisstrafe. Meyer gehörte bald zum linken Flügel der SPD und zum Freundeskreis von Rosa Luxemburg in Berlin. Bei Kriegsausbruch (wegen Tuberkulose nicht als Soldat eingezogen) war er einer der Mitbegründer und Führer der Gruppe Internationale, des späteren Spartakusbundes. Wegen seiner Opposition gegen die SPD-Linie im Frühsommer 1915 aus der Redaktion des »Vorwärts« entfernt. Den Zimmerwalder Linken um Lenin schloß sich Ernst Meyer nicht an, da die Spartakusgruppe in der Frage der Gründung einer linksradikalen Partei andere Vorstellungen vertrat. Im Oktober 1914 hatte Meyer noch an Kautsky geschrieben: »... mir ist nicht sehr behaglich bei dem Gedanken, daß die von Ihnen in den früheren Parteidebatten bekämpften Parteigenossen die alleinige theoretische Führung in der sich neu konsolidierenden ?Linken? haben wollen.« Deshalb habe er sich bemüht, eine Basis für die Verständigung der Linken mit der Mitte zu finden. Da die Mitte aber die Partei-Rechte verteidige, sei das nicht möglich. 1915 saß Meyer einige Zeit in Untersuchungshaft, 1916 in »Schutzhaft«. 1917 unternahm er in Nürnberg in der »Prüfstelle für Ersatzglieder« für Kriegsversehrte experimentelle psychologische Studien, wurde 1918 Mitarbeiter in einem Ernährungsinstitut. Im Sommer 1918 Leiter der deutschen Sektion des sowjetischen Nachrichtenbüros ROSTA in Berlin.
Seit 1918 lag die Führung der Spartakusgruppe (da außer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nun auch Leo Jogiches in Haft war) in den Händen von Ernst Meyer. Somit gehörte er bei Ausbruch der Revolution 1918 zur Spartakuszentrale. Auf dem Gründungsparteitag der KPD wurde er auch in die Zentrale der neuen Partei gewählt und blieb in den ersten Jahren des Bestehens der KPD fast ununterbrochen Zentrale-Mitglied. 1919 polizeilich gesucht. Nach der Festnahme von Luxemburg und Liebknecht im Januar 1919 glaubte die Soldateska, daß der dritte Verhaftete Meyer sei (damals Redakteur an der »Roten Fahne«), doch bekanntlich war es Wilhelm Pieck, der dann wieder freikam. Meyer wurde im Februar 1919 verhaftet und bis Herbst 1919 in »Schutzhaft« gehalten. In den Jahren 1919 bis 1921 übte er für die KPD die verschiedensten leitenden Funktionen aus, gehörte ständig dem Polbüro an. Delegierter des II. und IV. Weltkongresses der Komintern, vom II. Weltkongreß zum Mitglied des EKKI berufen. Nach der Vereinigung mit der USPD zunächst nicht in die Zentrale gewählt, aber nach dem Rücktritt von Paul Levi, Clara Zetkin usw. wieder Zentrale-Mitglied. 1921 Chefredakteur der »Roten Fahne«, dann als Nachfolger Heinrich Brandlers Leiter des Polbüros und damit Führer der Partei.
Auf dem VII. Jenaer Parteitag 1921 erhielt der Parteivorsitzende Meyer bei der Wahl in die Zentrale die meisten Stimmen. Unter seiner Führung war die KPD bestrebt, eine Einheitsfrontpolitik zu betreiben. Nach der Rückkehr Brandlers im August 1922 und nach Machenschaften der Komintern wurde Meyer abgelöst, Brandler übernahm wieder die Parteiführung. Obwohl vom Bezirk Ostpreußen auf dem VIII. Parteitag 1923 für die Zentrale vorgeschlagen, wurde Meyer (ebenso wie die Vertreter der Linken) von der zu Brandler stehenden Mehrheit des Parteitags nicht in die Zentrale gewählt. Trotzdem übernahm er auch in der Vorbereitung des Oktober 1923 verantwortliche Funktionen, war Leiter des Oberbezirks Süd (Südbayern, Hessen, Württemberg und Baden). Nach den Diskussionen über die Oktoberniederlage einer der Führer der Mittelgruppe. Als die Linken um Ruth Fischer die Parteileitung übernahmen, zählte Meyer zu ihren schärfsten, aber auch sachlichsten Kritikern, er wurde bald zum Leiter der oppositionellen Kreise. Nach dem »Offenen Brief« 1925 zunächst nicht in die Zentrale aufgenommen, aber sofort wieder mit wichtigen Aufgaben betraut, Chef des Pressedienstes der KPD. 1926 wurde dann ein Abkommen zwischen Meyer und Ernst Thälmann getroffen und nach dieser Erklärung Meyer sofort wieder ins ZK, Polsekretariat und Polbüro aufgenommen.
Bald war er der eigentliche Parteiführer, besonders nach dem XI. Essener Parteitag (auf dem er ins ZK gewählt wurde) bestimmte er maßgebend die Geschicke der KPD. In den Jahren 1921 bis 1924 und von 1928 bis zu seinem Tode Abgeordneter des Preußischen Landtags. Im Oktober 1927 ernstlich erkrankt, mußte er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes Deutschland verlassen, ging zur Kur in die Schweiz, dann in die Sowjetunion und kehrte erst im Dezember 1928 nach Berlin zurück. Inzwischen waren Ernst Meyers Anhänger, Arthur Ewert, Gerhart Eisler usw., die Mittelgruppe, die vom ZK Versöhnler genannt wurden, mehr und mehr ausgeschaltet worden. Nach der Wittorf-Affäre (Meyer befand sich zu der Zeit in der Sowjetunion) wurde auch der todkranke Ernst Meyer in den Hintergrund gedrängt. Er versuchte, die Versöhnler zusammenzuhalten und trat auf dem XII. Parteitag 1929 nochmals scharf gegen die neue ultralinke Politik auf. Ende Juli wegen seines verschlimmerten Gesundheitszustandes ins Sanatorium Hermannswerder bei Potsdam eingeliefert, denn zur Tuberkulose war eine Lungenentzündung hinzugekommen. Ernst Meyer starb nach einer Operation am 2. Februar 1930.
Die KPD- (bzw. SED-) Führung bezog später eine schwankende Haltung zu Meyer. Lange wurde er als Versöhnler verfemt, sein Name zeitweise sogar wie die der sogenannten Agenten aus offiziellen Dokumenten ausgemerzt, später wurde seine überragende Rolle in der KPD wenigstens teilweise anerkannt. Meyer war der Herausgeber des Nachdrucks der »Spartakusbriefe« und anderer Dokumente und veröffentlichte zahlreiche kleinere Arbeiten, darunter in »Volk und Reich der Deutschen« eine Darstellung der KPD. Von seinen beiden Söhnen aus erster Ehe lebte einer in Kanada, der andere in der Bundesrepublik.
Seine Witwe, Rosa Meyer-Leviné, geborene Broido (*18. 5. 1890 – † 11. 11. 1979), war in der KPD nicht aktiv, lediglich in der Roten Hilfe arbeitete sie mit. Sie ging 1933 ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann nach England und lebte bis zu ihrem Tode in London. Noch kurz zuvor erschien im Frühjahr 1979 die deutsche Ausgabe ihrer politischen Erinnerungen »Im inneren Kreis«.

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Redaktionsschluss: Mai 2008. Eine kontinuierliche Aktualisierung der Biographien kann von den Herausgebern nicht gewährleistet werden. Soweit bekannt, werden Sterbedaten in regelmäßigen Abständen nachgetragen. Änderungs- und Korrekturwünsche werden von den Herausgebern des Handbuches geprüft und ggfl. eingearbeitet (Mail an herbst@gdw-berlin.de).
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