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Reich, Jakob (Thomas)

* 23.5.1886, † 15.3.1955

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 23. Mai 1886 in Lemberg. Schon während der Schulzeit gehörte er einer sozialistischen Schülervereinigung an, übersiedelte mit 19 Jahren nach Warschau und war in einer illegalen sozialistischen Kampforganisation. Reich beteiligte sich am Aufbau illegaler Druckereien, angeblich auch an Attentaten, u. a. auf den Warschauer Gouverneur. Nach der Niederlage der Revolution von 1905 über Deutschland in die Schweiz emigriert, leitete er in Zürich ein chemisches Labor und experimentierte auch mit Sprengstoff. Von 1906 bis 1912 Pädagogikstudium und Mitarbeiter mehrerer sozialistischer Blätter sowie Mitbegründer der Zeitschrift »Wolna Szko?a« (»Die Freie Schule«). Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, 1914/15 Angehöriger der österreichischen Armee, aus Gesundheitsgründen (Herzkrankheit) entlassen, ging zurück nach Zürich und wurde Lehrer. Unter den Parteinamen James Gordon, James Reich und Thomas (unter letzterem am bekanntesten) arbeitete er in internationalen sozialistischen Jugendorganisationen und hatte enge Kontakte zu russischen Emigranten u. a. zu Grigori Sinowjew. Er stand auf Seiten der Bolschewiki, war Mitarbeiter und faktischer Pressesprecher der diplomatischen Vertretung Sowjetrußlands in der Schweiz. Wegen seines aktives Engagements für die Bolschewiki – er war u. a. Gründer eines Verlages, der die Schriften Wladimir I. Lenins, Karl Radeks und Leo Trotzkis in deutsch herausgab – von der Schweizer Regierung vorübergehend verhaftet, verließ Reich im Januar 1919 die Schweiz und ging nach Moskau. Hier war er mitbeteiligt am Gründungskongreß der Komintern.
Unter seinem Parteinamen James Gordon bzw. Thomas reiste er anschließend im Auftrag von Sinowjew nach Berlin und baute das Westeuropäische Sekretariat (WES) der KI auf. Mitglieder des WES waren u. a. Paul Levi, August Thalheimer, Willi Münzenberg und als Kassierer Eduard Fuchs.
Reichs Sekretärin, Ruth Österreich-Jensen, war seine zeitweilige Lebensgefährtin (* 6. 6. 1894). Sie war seit 1912 in der SPD und seit Gründung in der KPD. Sie heirateten und bekamen eine Tochter. Ab 1925 arbeitete Ruth Österreich in der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin. Da sie den ultralinken Kurs der KPD und der Komintern ablehnte, wurde sie im Mai 1929 aus der KPD ausgeschlossen und verlor ihre Stellung in der sowjetischen Handelsvertretung. Sie ging zur KPO, wurde 1931 Mitglied der SAPD, emigrierte 1933 nach Prag und schloß sich der sozialistischen Gruppe »Neu Beginnen« an. Ruth Österreich, die Kontakte zu Karl Retzlaw (Gröhl), einem ehemaligen Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der KPD hatte, sammelte wichtige, vor allem militärische Nachrichten aus Deutschland und leitete sie weiter. Seit Dezember 1939 in Brüssel, bemühte sie sich, weitere militärische Informationen über die Kriegsvorbereitungen aus Deutschland zu bekommen. Am 24. April 1941 wurde Ruth Österreich in Brüssel verhaftet, am 18. Februar 1943 vom VGH wegen »Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt und am 25.Juni 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 2011 veröffentlichte Birgit Schmidt eine biografische Skizze über Ruth Oesterreich.
Über Jakob Reich (Genosse Thomas) wurden 1919/20 nicht nur immense Komintern-Gelder an die kommunistischen Parteien in Westeuropa transferiert, sondern die Komintern-Spitze auch mit Literatur, Zeitschriften und Zeitungen in zwei eigens gecharterten Flugzeugen versorgt. Er organisierte den Aufbau des KI-Verlages Carl Hoym und eröffnete ein legales Büro in Hamburg und ein illegales in Berlin. Hier waren Ruth Österreich und Werner Rakow (Felix Wolf) beschäftigt. Als »rechte Hand« von Reich-Thomas galt die Russin »Genossin Fritzmann«, die unter dem Namen Hertha Sturm wirkte, tatsächlich handelte es sich um Jelena Stassowa. Da Reich-Thomas eine Art Geheimberichterstattung über die Lage in der KPD durchführte, gab es ständige Konflikte zwischen ihm und der KPD-Zentrale. Formal wurde das WES 1920 aufgelöst, er führte es aber weiter, und die KPD-Spitze beschwerte sich darüber bei allen Instanzen in Moskau. Zusätzlich kam es zwischen Reich-Thomas und dem Leiter der Budget-Kommission der Komintern, Ossip Pjatnitzki, zum Streit über die Verwendung der Gelder. Dies veranlaßte die IKK, gegen Thomas ein Verfahren einzuleiten. Er mußte sich 1925 in Moskau verteidigen und durfte durch Fürsprache von Radek und Sinowjew wieder nach Deutschland. Reich lebte dann legal unter dem Namen Rubinstein in Berlin-Reinickendorf, publizierte 1928 als Herausgeber unter seinem Parteinamen J. Thomas mit anderen bekannten kommunistischen Intellektuellen die »Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution« und ein Jahr später die »Illustrierte Geschichte des Bürgerkrieges in Rußland«. Reich-Thomas verließ 1931 die KPD und schloß sich der SAP an. Nach 1933 emigrierte er – als Jude und Kommunist doppelt gefährdet – nach Prag, später in die USA. Er hielt Verbindung zu ehemaligen Mitkämpfern, z. B. besuchte er noch 1951 Franz Pfemfert in Mexiko. Jakob Reich-Rubinstein, der zuletzt mit der Psychoanalytikerin Annie Reich, geborene Pink (* 9. 4. 1902 - † 5. 1. 1971) verheiratet war, starb am 15. März 1955 in New York City. Alexander Watlin und Markus Wehner veröffentlichten 1993 in der IWK über Jakob Reich einen biographischen Aufsatz.
Jakob Reich war in erster Ehe mit Berta Reich, geborene Brutzkus (* 1. 5. 1887 – † 12. 8. 1965), verheiratet. Die in Polzangen bei Memel geborene Tochter einer jüdischen Familie studierte ab 1904 in der Schweiz Medizin und promovierte 1912. In Zürich wurde ihre gemeinsame Tochter Hanna (* 8. 4. 1914 – † 17. 3. 1992) geboren. Bis 1915 Kinderärztin an der Universitätsklinik Zürich, von 1915 bis 1918 Ärztin in einem Flüchtlingslager in Österreich. Von 1920 bis 1931 Ärztin in Berlin, ab 1924 bei der sowjetischen Handelsvertretung. 1929 trat sie in die KPD ein und ging 1931 als Spezialistin in die Sowjetunion, arbeitete bis 1943 im Ministerium für Gesundheitswesen. 1949 Rückkehr nach Deutschland.

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Redaktionsschluss: Mai 2008. Eine kontinuierliche Aktualisierung der Biographien kann von den Herausgebern nicht gewährleistet werden. Soweit bekannt, werden Sterbedaten in regelmäßigen Abständen nachgetragen. Änderungs- und Korrekturwünsche werden von den Herausgebern des Handbuches geprüft und ggfl. eingearbeitet (Mail an herbst@gdw-berlin.de).
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