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Retzlaw, Karl

* 10.2.1896, † 20.6.1979

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 10. Februar 1896 in Schneidemühl als Karl Gröhl, Sohn eines Tischlers; wurde Industriearbeiter. Er trat in den Arbeiterjugendbildungsverein und 1916 in die SPD ein. Retzlaw war im Weltkrieg aktiv in der Berliner Spartakusgruppe und seit 1917 in der USPD organisiert. Noch 1918 verweigerte er den Kriegsdienst, ging in die Illegalität, wurde verhaftet und verurteilt. Ab 1919 Mitglied der KPD und Teilnahme an den Januarkämpfen in Berlin. Im März 1919 reiste er mit Willi Budich nach München, war dort Kommissar für das Polizeiwesen bzw. Polizeipräsident in der Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung polizeilich gesucht, tauchte er in Berlin unter und arbeitete als Sekretär der KPD-BL Berlin-Brandenburg. Von Paul Levi erhielt er 1920 den Auftrag, den illegalen Apparat (Nachrichtendienst) der KPD aufzubauen und dessen Leitung zu übernehmen (Pseudonym Karl Friedberg). 1921 versuchte er, Max Hoelz aus dem Gefängnis zu befreien.
Er war von 1921 bis 1926 offiziell Geschäftsführer der Verlagsbuchhandlung Carl Hoym, des deutschen Komintern-Verlages, tatsächlich aber Leiter des Geheimapparates, wurde verhaftet und vom Reichsgericht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Im Juli 1928 amnestiert, dann bis Anfang 1933 Geschäftsführer des Neuen Deutschen Verlages (NDV). Im Februar 1933 reiste Retzlaw nach Moskau und berichtete der Komintern-Führung über die Situation in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Retzlaw-Gröhl schon vom Stalinismus gelöst. In Moskau übergab er konspirative Briefe des Trotzki-Sohnes Leo Sedow an Gesinnungsgenossen und traf sich mit Erich Wollenberg. Vor seiner fluchtartig organisierten Abreise aus der UdSSR hinterließ er in der Poststelle der Komintern noch einen Brief an Jossif Stalin und Ossip Pjatnitzki. In diesem Schreiben vom 1. März 1933 rechnete er scharf mit der Politik des ZK der KPD und der Komintern ab, er kritisierte, das ZK übersehe die Lage in Deutschland nicht in ihrer ganzen Tragweite und stehe der neuen Situation hilf- und ratlos gegenüber. Retzlaw forderte eine wirkliche Einheitsfront, die sich nicht nur als durchsichtiges Manöver an die SPD-Mitglieder, sondern auch an die Leitungen wenden müsse.
Anschließend ging er in die Schweiz, nach Frankreich und Österreich, leitete in Saarbrücken ein Emigrantenheim der saarländischen Liga für Menschenrechte. Damals näherte sich Retzlaw den Trotzkisten an und wählte das Pseudonym Karl Erde. Schließlich traf er Leo Trotzki persönlich und brach im November 1933 öffentlich mit der KPD und der Komintern. In der trotzkistischen Zeitschrift »Unser Wort« publizierte er einen Nachruf auf Max Hoelz und richtete einen »Offenen Brief« an Pjatnitzki, in dem er seinen Bruch mit der »offiziellen kommunistischen Partei und der Komintern« mitteilte. Nun Journalist, half er Emigranten u. a. mit Paßfälschungen und arbeitete vorübergehend mit alliierten Diensten zusammen. 1939/40 kurzfristig interniert, flüchtete er nach Südfrankreich und gelangte über Spanien nach Portugal. Im Oktober 1940 wurde Gröhl-Retzlaw nach London ausgeflogen und war Gründer des Bundes deutscher revolutionärer Sozialisten. Auf französische Einladung kam er 1946 in das Saargebiet, wirkte dort zeitweilig als Kultursekretär der saarländischen Sozialdemokratie. Im April 1949 jedoch ausgewiesen, lebte Retzlaw ab 1950 in der Bundesrepublik, arbeitete bis 1963 als Verlagsangestellter bei der »Frankfurter Rundschau«, war dort lange Jahre Betriebsratsvorsitzender und gehörte der SPD an. Seine Memoiren publizierte er 1971 unter dem Titel »Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Die Erinnerungen eines Parteiarbeiters«. Karl Retzlaw (bis 1953 amtlich Karl Gröhl) starb am 20. Juni 1979 in Frankfurt/ Main.

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