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Reuter (Friesland), Ernst

* 29.7.1889, † 29.9.1953

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


(* 1889 – † 1953)
Geboren am 29. Juli 1889 in Apenrade/Nordschleswig, Sohn eines Kapitäns und Navigationslehrers. 1907 machte Reuter in Leer das Abitur und studierte dann Germanistik, Geschichte, Geographie und Volkswirtschaft an den Universitäten Marburg, München und Münster. 1911/12 Hauslehrer in Bielefeld, 1912 philosophisches Staatsexamen; er trat der SPD bei, damit hatte sich die Aussicht, Oberlehrer/Studienrat zu werden, verringert. Ab 1913 in Berlin, hielt er Vorträge und Kurse im Rahmen des sozialdemokratischen Bildungsausschusses, der ihn schließlich als Wanderlehrer anstellte. Wegen der Haltung des SPD-Vorstandes beim Ausbruch des Weltkrieges ging Reuter zum von Hellmut von Gerlach gegründeten pazifistischen »Bund Neues Deutschland«, dessen Geschäftsführer er bis zur Einberufung im März 1915 war. Nach einer schweren Verwundung an der Front geriet Reuter im August 1916 in russische Kriegsgefangenschaft. Er näherte sich den Bolschewiki, für die er unter den deutschen Kriegsgefangenen agitierte, lernte die russische Sprache und wurde mit der Geschäftsführung einer Kohlegrube beauftragt. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 Vorsitzender eines Kriegsgefangenenkomitees. In dieser Funktion kam Reuter nach Moskau, lernte Lenin kennen, der entsandte ihn im Mai 1918 als Volkskommissar, um (von Saratow aus) die chaotischen Verhältnisse in der Wolgadeutschen Republik zu ordnen.
Nach dem Ausbruch der deutschen Revolution reiste Reuter mit Karl Radek und Felix Wolf ( Werner Rakow) nach Berlin und nahm am Gründungsparteitag der KPD teil. Im Februar 1919 schickte ihn die Zentrale unter dem Decknamen Friesland nach Oberschlesien, um dort die Partei aufzubauen. Von April bis September 1919 inhaftiert, wurde er anschließend mit der Reorganisation der Berliner KPD-Organisation beauftragt. Auf dem II. illegalen Parteitag der KPD in Heidelberg/Mannheim im Oktober 1919 wurde Reuter Ersatzmitglied der Zentrale. Nach der Einrichtung eines politischen (Polbüro) und organisatorischen Büros Ende September 1920 gehörte er dem Orgbüro als Vertreter der KPD Berlin an. Seit dem V. Parteitag Anfang November 1920 als Kandidat in die Zentrale der KPD aufgestiegen, berief ihn einen Monat später der Vereinigungsparteitag von USPD-Linke und KPD zur VKPD in den ZA. Als Anhänger der »Offensivtheorie« zählte Reuter nach der März-Aktion 1921 zu den schärfsten Kritikern Paul Levis. Auf dem III. Weltkongreß der Komintern im Juni 1921 Referent, bekannte er sich aus voller Überzeugung zu Lenins neuem Kurs. Der VII. Parteitag im August 1921 in Jena wählte Reuter-Friesland in die Zentrale und übertrug ihm die neue Funktion eines Generalsekretärs der KPD. Bei dieser Abstimmung hatte er sich gegen den anderen Kandidaten, Wilhelm Pieck, durchgesetzt. Als KPD-Generalsekretär wurde Reuter-Friesland allerdings bald von der Komintern kritisiert, weil er eine weitgehend eigenständige Linie verfolgte, dabei die politische und materielle Unabhängigkeit der KPD von der Komintern anstrebte. Auch innerparteilich wurde gegen ihn intrigiert. Reuters Vorstellungen über Charakter, Strategie und Zielsetzungen des Kommunismus näherten sich nun denen Paul Levis. Die Komintern-Führung wurde mißtrauisch und ließ Reuter im Dezember 1921 als Generalsekretär abberufen. Dagegen wehrte er sich und veröffentliche die Broschüre »Über die Krise in unserer Partei«, in der er die Zentrale und das EKKI scharf kritisierte.
Daraufhin wurde Reuter am 27. Dezember aus der Zentrale und am 22. Januar 1922 aus der KPD ausgeschlossen. Er ging zur von Levi gegründeten KAG, dann zur USPD, für die er als Redakteur der »Freiheit« arbeitete. Nach der Vereinigung der USPD mit der SPD im Oktober 1922 wieder Mitglied der SPD und Redakteur des »Vorwärts«. Reuter gehörte seit 1921 der Berliner Stadtverordnetenversammlung an und wurde im Oktober 1926 besoldeter Stadtrat für das Verkehrswesen, wo er sich große Verdienste beim Aufbau der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) erwarb. Im April 1931 zum Oberbürgermeister von Magdeburg gewählt, wurde Ernst Reuter im Juli 1932 im Wahlkreis Magdeburg auch Abgeordneter des Reichstags, in dem er bis März 1933 blieb. Am 11. März 1933 als Oberbürgermeister von SA-Leuten gewaltsam aus dem Magdeburger Rathaus entfernt und zwei Tage später »beurlaubt«. Dann am 9. Juni 1933 verhaftet, zunächst kam Reuter in das Polizeigefängnis Magdeburg, von dort ins KZ Lichtenburg bei Torgau, aus dem er am 7. Januar 1934 entlassen wurde. Reuter hielt weiterhin Kontakt zu Wilhelm Leuschner und Carl Severing, wurde am 16. Juni 1934 erneut inhaftiert und kam wieder in das KZ Lichtenburg. Nach internationalen Hilfskampagnen am 1. September freigelassen, emigrierte Reuter Ende Januar 1935 über die Niederlande nach Großbritannien. Schließlich folgte er im Mai 1935 einem Ruf der türkischen Regierung und begann in Ankara als Sachbearbeiter für allgemeine Tariffragen im Wirtschaftsministerium. Ab November 1938 Professor für Kommunalpolitik und Städtebau, ab 1939 kam er ins neuerrichtete Verkehrsministerium der Türkei. Reuter wollte nach Kriegsende rasch nach Deutschland zurückkehren, erhielt aber erst im Sommer 1946 von den Alliierten dazu die Erlaubnis. Anfang November 1946 verließ er mit seiner Familie Ankara und reiste nach Hannover.
Die SPD-Führung schickte Reuter nach Berlin, dort Anfang Dezember 1946 zunächst Stadtrat für Verkehr im Berliner Magistrat. Nach dem Rücktritt Otto Ostrowskis am 17. April wurde Reuter im Juni 1947 zum Oberbürgermeister der Stadt Berlin gewählt. Wegen des Einspruchs der sowjetischen Besatzungsmacht konnte er dieses Amt jedoch erst nach der Spaltung der Stadt im Dezember 1948 antreten und wurde im Januar 1951 dann zum Oberbürgermeister von West-Berlin gewählt. Reuter zählte zu den berühmtesten Nachkriegspolitikern der SPD und hat in der »Frontstadt« West-Berlin (etwa während der Berlinblockade 1948) den Widerstandswillen der Bevölkerung gegen Stalins Regime gefestigt. Ernst Reuter starb am 29. September 1953 in Berlin an einer Herzlähmung.

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