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Scholem, Werner

* 29.12.1895, † 17.7.1940

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 29. Dezember 1895 in Berlin, Sohn des wohlhabenden jüdischen Druckereibesitzers Arthur Scholem, der Vater bestimmte autoritär in der Familie, war nationalistisch und auf Distanz zur jüdischen Religion. Werner Scholem besuchte das Luisenstädtische und Dorotheenstädtische Gymnasium in Berlin und auf Weisung des Vaters ab 1908 die Samsonschule, ein jüdisches Internat streng deutsch-nationaler Prägung in Wolfenbüttel. Er näherte sich dem Zionismus (Studentenvereinigung des »Jung Juda-Kreises«), wurde 1912 Mitglied der sozialistischen Jugend und 1913 der SPD. Deswegen geriet er in Konflikt mit seinem bürgerlichen Elternhaus und wurde vom Vater nach Hannover »verbannt«, um sich als Externer auf das Abitur vorzubereiten. Zum endgültigen Bruch mit dem Vater kam es, als Werner Scholem am 31. Dezember 1917 in Hamm seine Freundin Emmy Wichelt (* 20. 12. 1896 – † 1. 6. 1970) aus Hannover heiratete, denn das Kind einer ledigen Mutter (Martha Rock, später verehelichte Wichelt) aus proletarischem Hause galt als nicht »standesgemäß«. Nach dem Abitur studierte Werner Scholem Geschichte und Jura in Göttingen und Halle. Im Juni 1915 zum Infanterieregiment nach Quedlinburg einberufen, im Sommer 1916 während des serbischen Feldzuges wurde er schwer am Fuß verwundet, er brachte lange Zeit in einem Lazarett in Halle zu. Seit Gründung der USPD 1917 Mitglied dieser Partei. Wegen Teilnahme an einer Antikriegsdemonstration (er war in Uniform aufgefallen) wurde Scholem verhaftet, wegen »Landesverrats« angeklagt, aber nach einigen Monaten entlassen.
Nach der Novemberrevolution übernahm der junge Scholem in der USPD wichtige Funktionen. Anfang 1919 Bürgervorsteher (Stadtverordneter) in Hannover-Linden, Mitte 1919 übersiedelte er nach Halle und wurde Redakteur an der USPD-Zeitung »Volksblatt«. Er war Delegierter der USPD-Parteitage im März und November 1919 sowie des Spaltungsparteitags 1920. Scholem kam mit der linken USPD zur KPD, Delegierter des Vereinigungsparteitags im Dezember 1920. Im Januar 1921 trat er in die Redaktion der »Roten Fahne« ein und wurde im Februar 1921 als (jüngster) Abgeordneter für die KPD in den Preußischen Landtag gewählt. Wegen Aktivitäten bei der März-Aktion 1921 polizeilich gesucht, hob der Landtag seine Immunität auf. Scholem lebte zeitweise illegal und wurde am 24.September 1921 verhaftet. Nach einigen Monaten freigelassen, übernahm er verschiedene Aufgaben in der Partei. Er gehörte zur linken Opposition um Ruth Fischer und wurde Ende 1922 Orgleiter des wichtigen Bezirks Berlin-Brandenburg, Delegierter des VIII. Parteitags 1923, dort in die Beschwerdekommission berufen.
Auf dem IX. Parteitag 1924 kam Scholem in die Spitze der Linken, wurde in die Zentrale sowie ins Polbüro gewählt und lenkte als Orgleiter die gesamte Orgarbeit der KPD. Nach der Verhaftung Arkadi Maslows 1924 war er neben Ruth Fischer der wichtigste Führer der Partei. Im Mai 1924 zog er im Wahlkreis Potsdam I als Abgeordneter in den Reichstag ein. Nach Auflösung des Reichstags im Oktober 1924 abermals polizeilich gesucht (Steckbrief: »1,67 groß, schwarzes Haar, dunkle Augen, Adlernase, trägt zeitweise Hornbrille«), jedoch im Dezember 1924 im selben Wahlkreis erneut in den Reichstag gewählt. Er war zudem Leiter der Informationsabteilung und des AM-Apparats. Als sich im Frühjahr 1925 die linke Zentrale spaltete, bildete Scholem mit Arthur Rosenberg und Iwan Katz die ultralinke Opposition. Der geschickte Organisator wollte die ultralinken Kräfte im Reich zusammenfassen, gab Fraktionsrundbriefe heraus, die er mit dem Pseudonym »semper idem« unterzeichnete.
Auf dem X. Parteitag 1925 war Scholem der Hauptsprecher der ultralinken Opposition und warnte vor der zunehmenden Abhängigkeit von Moskau. Am Ende des Parteitags kam es zu einer Annäherung von Opposition und Führung, Scholem wurde wieder ins ZK (und ins Polbüro) gewählt. Er war auch Teilnehmer des IV. EKKI-Plenums 1924 und des VI. EKKI-Plenums 1926. Den im September 1925 veröffentlichten »Offenen Brief« des EKKI lehnten die Ultralinken unter seiner Leitung ab, Scholem versuchte nunmehr, die »alte Linke« zu sammeln und gegen die neue Führung Ernst Thälmanns und des EKKI zu mobilisieren. Er hielt auf der Parteikonferenz im Oktober 1925 das Korreferat gegen den Parteivorsitzenden Thälmann und wurde auf dieser Tagung sofort aus dem ZK ausgeschlossen, mußte sich einer Kommission stellen, die die Vorwürfe gegen ihn zu prüfen hatte. Denn angeblich sollte er für die finanziellen Transaktionen des Kassierers Arthur König verantwortlich sein, dabei war längst nachgewiesen, daß er damit nichts zu tun gehabt hatte. Scholem war nun einer der eifrigsten Funktionäre der linken Opposition. Im September 1926 organisierte er die Unterschriftensammlung für den »Brief der 700«, deshalb am 5. November 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Er war überzeugt, Stalin würde noch 1926 die Komintern auflösen. Mitbegründer und Organisator des Leninbundes und bis 1928 für die Gruppe Linke Kommunisten MdR.
Er trat für den Leninbund noch am 20. April 1928 in einer Wahlversammlung in Würzburg auf, verließ dann aber aus persönlichen Gründen kurz vor der Wahl diese Organisation, blieb jedoch Mitarbeiter der Zeitungen des Leninbundes (»Fahne des Kommunismus« und »Volkswille«) sowie des trotzkistischen Blattes »Permanente Revolution«. Ab Ostern 1927 nahm Werner Scholem seine juristischen Studien wieder auf und bestand am 2. März 1931 seine Referendarprüfung. Während seiner Berliner Referendarzeit zwar weiterhin an der Entwicklung der KPD interessiert, engagierte sich aber nicht mehr in der Politik. Die schwere Weltwirtschaftskrise seit 1929 nährte seinen Glauben an eine unmittelbar bevorstehende proletarische Revolution in Deutschland. Seinem Bruder Gerhard (Gershom) schrieb er: »Entweder kommt die Revolution .... oder die Herrschaft der Barbarei«; die Gefahr, die im Falle der Machtübernahme Hitlers auf ihn persönlich zukommen würde, unterschätzte er aber: »Mir werden sie schließlich nichts tun, denn ich bin Kriegsversehrter.«
Werner Scholem wurde in der Nacht zum 28.Februar 1933 verhaftet, zunächst ins Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz und anschließend ins Untersuchungsgefängnis nach Berlin-Moabit gebracht. Nach Protesten am 5.März 1933 entlassen, arbeitete er weiter in einer Anwaltskanzlei und organisierte seine Emigration in die Schweiz. Er wurde jedoch am 23.April 1933 gemeinsam mit seiner Frau Emmy festgenommen und gegen beide ein Hochverratsverfahren wegen »Zersetzung der Reichswehr« eingeleitet. Sie wurden beschuldigt, als Mitglieder einer gewissen »Hansa-Zelle«, die hauptsächlich aus Intellektuellen bestanden haben sollte, Zersetzungsarbeit in der Reichswehr zur Gewinnung von Reichswehrsoldaten für die »Rote Einheitsfront« zu leisten. Werner und Emmy Scholem gerieten dabei in die Ermittlungen gegen die Töchter des Chefs der Heeresleitung, Generaloberst Freiherr von Hammerstein-Equort, die tatsächlich Verbindungen zum Apparat von Hans Kippenberger hatten. Gegen Auflagen wurde Emmy Scholem Ende November 1933 entlassen und flüchtete Anfang Februar 1934 nach London. Von dort aus bemühte sie sich intensiv um die Freilassung ihres Mannes, es gab eine internationale Kampagne für Werner Scholem. Der 1. Senat des VGH sprach ihn am 9. März 1935 zwar frei, er blieb jedoch in »Schutzhaft«, kam zunächst in das KZ Lichtenburg, wurde im Februar 1937 ins KZ Dachau transportiert und im September 1938 ins KZ Buchenwald. Dort hatte er als Jude und ehemals führender Kommunist durch die SS viel zu erleiden, außerdem von den kommunistisch-stalinistischen Häftlingen als »Parteifeind« und »Renegat« geächtet, war er isoliert. Werner Scholem wurde am 17. Juli 1940 in Buchenwald, von einem SS-Wächter erschossen.
Seine Frau Emmy Scholem, Ende 1920 Delegierte der USPD auf dem Vereinigungsparteitag mit der KPD, war bis zu seinem Ausschluß 1926 Sekretärin im ZK. Sie flüchtete mit beiden Töchtern nach London und betrieb ein Inseratenbüro, kam nach 1945 aus England in die Bundesrepublik, lebte zunächst in Bad Wimpfen, ab 1963 in Hannover, wo sie als Nichtjüdin auf dem jüdischen Friedhof begraben liegt. Die Töchter blieben in England. Scholems berühmter jüngster Bruder Gershom (Gerhard) war seit 1923 in Palästina und wurde Professor für Religionsgeschichte in Jerusalem, wo er am 21. Februar 1982 starb.

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Redaktionsschluss: Mai 2008. Eine kontinuierliche Aktualisierung der Biographien kann von den Herausgebern nicht gewährleistet werden. Soweit bekannt, werden Sterbedaten in regelmäßigen Abständen nachgetragen. Änderungs- und Korrekturwünsche werden von den Herausgebern des Handbuches geprüft und ggfl. eingearbeitet (Mail an herbst@gdw-berlin.de).
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